Gesundheit : Kein Grund zum Aufatmen

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Von Adelheid Müller-Lissner

Lungenspezialisten sind bekanntlich besonders engagierte Gegner des Zigarettenrauchens, sie können für ihren missionarischen Eifer gute Gründe ins Feld führen: Sie sehen täglich Menschen, die an Lungenkrebs leiden. Viele von ihnen, weit mehr als bei anderen häufigen Krebsarten, können nicht geheilt werden: Nur 14 Prozent der Patienten sind fünf Jahre, nachdem die Diagnose gestellt wurde, noch am Leben. Und fast 90 Prozent dieser Bronchialkarzinome, wie sie in der Medizinersprache heißen, treten bei starken Rauchern auf. Die Hauptstadt Berlin ist dabei leider auch Hauptstadt der Raucher. 36 Prozent der Berliner rauchen, im Bundesdurchschnitt sind es „nur“ 28 Prozent. Diese Zahlen präsentierte Klaus-Peter Hellriegel, Vorsitzender der Berliner Krebsgesellschaft, jetzt aus Anlass des 11. Onkologischen Sommerseminars der Berliner Krebsgesellschaft.

Die Berliner Krebsspezialisten beschäftigten sich bei ihrem diesjährigen Treffen mit einer der häufigsten Krebsformen: Etwa 38 000 bis 40 000 neue Diagnosen werden jährlich in der Bundesrepublik gestellt, allein in Berlin sind das 2000 Fälle. Bei den Männern nimmt das Lungenkarzinom inzwischen nicht mehr den ersten, sondern hinter dem Prostatakrebs den zweiten Platz ein, dafür holen die Frauen beim Rauchen und auch in der Lungenkrebs-Statistik weiter auf.

Früherkennung wichtig

Für die Heilungschancen ist es zunächst entscheidend, in welchem Stadium der Krebs entdeckt wird. Deshalb waren die Möglichkeiten zur Früherkennung beim Seminar ein wichtiges Thema. Versuche, besondere Risikogruppen systematischen Röntgen-Reihenuntersuchungen zu unterziehen, wie es bei Brustkrebs in manchen Ländern schon mit Erfolg praktiziert wird, zeigten bisher nur geringe Erfolge. Nun laufen neue Studien, bei denen die bildgenauere Computertomografie genutzt wird, um Veränderungen in den Lungen starker Raucher zu erkennen, bevor sie Beschwerden verursachen. Hellriegel mahnte aber allgemein zur Aufmerksamkeit gegenüber solchen Veränderungen: „Wenn der Husten länger als 14 Tage anhält, wenn Sie Blut husten oder einen anhaltenden Leistungsknick feststellen, sollten Sie zum Arzt gehen!“

Neben dem Stadium der Erkrankung ist die exakte feingewebliche Diagnose für das weitere Vorgehen entscheidend. Die Krebsspezialisten unterscheiden zwei Hauptgruppen von Lungenkarzinomen, die sie aufgrund ihrer Gewebe-Merkmale als „Kleinzeller“ und „Nicht-Kleinzeller“ bezeichnen. Die kleinzelligen Tumoren haben nur einen Anteil von 20 Prozent an der Gesamtzahl.

Sie sprechen zwar zunächst gut auf die Chemotherapie mit Zellgiften an, zeichnen sich jedoch durch besonders schnelles Wachstum und die frühe Bildung von Fernabsiedelungen am Skelett, an der Leber, am Knochenmark und im Gehirn aus. Bei der großen Gruppe der nicht-kleinzelligen Lungenkarzinome haben sich, wie Hellriegel erklärte, die Heilungschancen in den letzten Jahren verbessert. „Im Jahr 1990 haben nur zehn Prozent der Patienten ein Jahr nach Diagnosestellung noch gelebt, heute sind es 40 Prozent.“

Deutliche Fortschritte also – innerhalb eines Rahmens, der alles andere als rosig ist. Hellriegel nannte als Grund für die Verbesserung: „Es sind neue Substanzen für die Chemotherapie auf den Markt gekommen, die weniger Nebenwirkungen haben." Er fügte hinzu: „Die Patienten leben dadurch nicht nur länger, sondern auch besser." Meist müssen sie für die Chemotherapie nicht in der Klinik liegen, wie Klaus Beinert, Internist und Lungenspezialist an der Charité, Campus Virchow, ergänzte.

Auch aus der Sicht der Chirurgen ist die medikamentöse Therapie wichtig. „Allein mit dem Messer werden wir diese Krankheit nicht heilen können“, sagte der Lungen-Operateur Klaus Gellert vom Oskar-Ziethen-Krankenhaus. Nicht nur nach, sondern schon vor der Operation werden inzwischen in manchen Fällen die Zellgifte eingesetzt, um den Tumor zu verkleinern. Das geschieht bisher allerdings nur im Rahmen wissenschaftlicher Studien. Häufig kommt zu dieser vorgeschalteten Chemotherapie noch eine Bestrahlung, wie Reinhard Wurm von der Klinik für Strahlentherapie der Charité, Campus Mitte, ergänzte. Die Strahlen können auch eingesetzt werden, um Tochtergeschwulste im Gehirn zu verhindern oder zu zerstören.

Teamarbeit der verschiedenen Fachärzte wird immer wichtiger. Die Berliner Spezialisten wollen sich auf Standards für solche „multimodalen“ Therapien einigen. „Über die Situation älterer Patienten mit Lungenkrebs wissen wir noch viel zu wenig“, merkte Hellriegel selbstkritisch an. Dabei sind 60 Prozent der Lungenkrebs-Patienten über 65 Jahre alt. Auch für die Wahl der Therapie ist das Alter wichtig: „Für Jüngere muss das Prinzip der Eskalation gelten, bei den Älteren brauchen wir Deeskalation .“

Für die Zukunft setzen die Forscher ihre Hoffnung aber auf ein anderes Prinzip. Beinert: „Wir wollen das Immunsystem des Körpers gegen einzelne Krebszellen scharf machen, die wir mit einer Chemotherapie bisher nicht erreichen.“

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