Gesundheit : „Kein Vorbild ist so, wie ich es will“

Nach Elvis-Kult und Politrock-Generation kommen jetzt die Pragmatiker – Eine Auswertung von 50 Jahren Shell-Jugendstudie

Bärbel Schubert

Es begann mit Petticoats, Coca-Cola, Wrigleys Kaugummi, Boogie-Woogie und Elvis Presley. Das Fernsehen sendete zum ersten Mal in Deutschlands Wohnzimmer. „Die Nachkriegsjugend lebte ihre Freizeit stark in der Familie und wollte am liebsten nicht auffallen“, charakterisiert die Wissenschaftlerin Beate Großegger die deutsche Jugend in den 50er-Jahren. Das ist ihre erste Station auf einer Zeitreise durch 50 Jahre Jugendforschung für die Shell-Studie mit dem verheißungsvollen Titel „Von Fräuleinwundern bis zu neuen Machern“.

„Die Teenager möchten heiraten, Kinder aufziehen, ein Auto fahren und vielleicht einmal Urlaub in Italien machen“, erzählt Großegger über die 50er. So kurz nach Ablösung des Faschismus gab man sich unpolitisch. Noch waren die Eltern die wichtigsten Vorbilder. Sie gaben den Ton an, etwa mit dem bei Älteren noch bekannten „Solange du deine Beine unter meinem Tisch hast, machst du, was ich sage“ – und die Jugendlichen kuschten, jedenfalls damals noch.

Tarzan, Marika Rökk und James Dean

Doch der Wandel kündigte sich schon an, wenn man die Reihe der Vorbilder dieser Zeit weiter betrachtet: Auf die Eltern und den Chef folgen in der Rangliste Tarzan, Marika Rökk und James Dean, damals Prototyp des rebellischen Jugendlichen. Zwar meinten Zeitzeugen, „die Jugend lebt im Zeitalter des Omnibus, des Motorrads und des Zeltlagers“. Doch der aufkommende Kult um Motorrad-Gangs ist schon Vorbote des aufziehenden Generationenkonflikts. Die Älteren reagierten: Per Gesetz wurde das ziellose Herumfahren mit dem Moped verboten.

All das ist genau dokumentiert, auch weil 1952 die erste Jugendstudie von unabhängigen Forschern erstellte wurde, unterstützt durch das Energieunternehmen Shell. Seither sind 14 dieser detailierten Studien über Situation und Meinungen der 15- bis 24-Jährigen entstanden. „Dabei war jede Jugend besser als ihr Ruf“, verteidigt die Jugendforscherin ihren Untersuchungsgegenstand – auch für die wilden 60er-Jahre der Jugendrevolte. Dass damals alle nur an Politik gedacht hätten, sei völlig falsch.

„Der Unterricht war öde, das Essen fad, nun kann mich nur noch die englische Hitparade retten“, wird ein Internatszögling zitiert. Der „gesundheitsschädliche“ Twist, die Beatles und die Rolling Stones geben den Ton an. Die Sitten wurden lockerer, die Rocksäume rutschten höher, die sexuelle Revolution begann. „Doch die breite Masse war auch damals wenig auf Politik orientiert und sehr auf ihre Freizeit. Aber es gab eine qualifizierte, kleine Minderheit“, weiß Großegger.

Doch schon in den 70er-Jahren hatte sich der rebellische Zeitgeist weitgehend beruhigt. Die Zeit des Ton-Steine-Scherben-Hits „Keine Macht für Niemand“ war trotz alternativer Lebensstile, Glamrock und glitzernden Discolebens letztlich eine „Ära nüchterner Reformen“, bilanzieren die Jugendforscher. Zwar folgte auf den Blumenkinder-Idealismus des vorigen Jahrzehnts nun Frust und politisches Engagement kippte in Terrorismus für die einen und den langen Marsch durch die Institutionen für die anderen. Doch die von Shell beauftragten Jugendforscher stellten 1974 fest, dass die überwiegende Mehrheit der Jugend „ihren Frieden mit dem kapitalistischen Wertesystem geschlossen hat“. Die Jungen haben auch schon doppelt so viel Geld zur Verfügung wie noch Anfang der 50er-Jahre.

„Ausländer sind doch viel fetter“

Und wie sind die Jugendlichen von heute und morgen? Nach den ideologischen Debatten der Vergangenheit haben sich die toleranten „Sowohl-als-auchs“ eingestellt. Sie sammeln die Lebensphilosophien mit einem selbstbewussten und undogmatischen „Kein Vorbild ist so, wie ich es haben möchte“. Entgegen herrschenden Vorurteilen sind die meisten Jugendlichen leistungsorientiert und verantwortungsbewusst, meint Koautor Bernhard Heinzlmaier. Technik-Optimismus ist verbreitet. Man kommuniziert versiert per E-Mail und SMS im globalen Dorf. Andererseits neigt diese Generation sehr zu Ironie und Lockerheit. Das kompensiert etwas den enormen Anpassungsdruck, unter dem diese Jugend steht, lautet die Deutung.

„Auch wir haben Schwierigkeiten, ihren Code zu verstehen“, räumen die Forscher ein. Wer von den Älteren vermutet hinter dem Hip-Hopper-Slang „Ausländer sind doch viel fetter als deutsche Kartoffeln“ schon die Botschaft „Die sind einfach cooler als Bundesbürger“?

Die Jungen sehen die noch Jüngeren nüchtern. „Den Jugendlichen werden in zehn Jahren wohl ganz ähnliche Sachen durch den Kopf gehen wie mir – nämlich die Selbstverwirklichung“, wird Knut (23) zitiert.

„50 Jahre Shell Jugendstudie“, Hrsg. Shell Deutschland, Ullstein Verlag, ISBN 3-548-36426-8, 112 Seiten, 9,95 Euro.

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