Gesundheit : Keine Aufbruchstimmung

Uwe Schlicht

Die Universitätsklinika in Berlin gehören zu den leistungsstärksten in Deutschland. Entsprechende Ranglisten der Deutschen Forschungsgemeinschaft haben das erwiesen. Dennoch fällt den Politikern in der Stadt seit Jahren nichts anderes ein, als in immer neuen Sparrunden bei der Medizin zuzuschlagen. Entweder wird der Standort eines Klinikums infrage gestellt oder der weitere Ausbau und die Sanierung der Charité sowie des FU-Klinikums Benjamin Franklin werden hinausgezögert. Letzter Stand: 145 Millionen Mark sollen aus dem Staatszuschuss für die Hochschulmedizin gestrichen werden, weil angeblich die Studentenausbildung in Berlin besonders teuer sei.

Außerhalb Berlins wird diese Politik mit Erstaunen beobachtet. Kein Wunder, dass die Äußerungen von führenden Vertretern des Wissenschaftsrats und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) auf einer Podiumsdiskussion in der Urania kritisch ausfielen. 145 Millionen Mark entsprächen dem Etat einer kleinen Hochschule. Wie hätten die Berliner Mediziner dieser Streichung zustimmen können, fragte der Generalsekretär des Wissenschaftsrats, Winfried Benz. Der Generalsekretär warnte die Berliner Politiker davor, die Hochschulmedizin aus dem Universitätsverbund zu lösen und durch Zusammenlegung der Uniklinika eine Art Medical School zu formieren. Der Wissenschaftsrat habe bewusst nach der Wiedervereinigung die Spezialhochschulen in der einstigen DDR aufgelöst und in die Universitäten überführt.

Der Generalsekretär der DFG, Reinhard Grunwald, erklärte, Universitätsklinika dienten in erster Linie der Forschung und Lehre und dann erst der Krankenversorgung. Alle Aufmerksamkeit müsse darauf verwandet werden, einen Schutzraum für die Forschung zu schaffen. In diesem Sinne warnte Grunwald vor der Illusion: Immer weitergehende Streichungen beim Staatszuschuss für Forschung und Lehre könnten durch eingeworbene Stiftungsgelder aufgefangen werden. Entscheidend sei die vom Staat finanzierte Grundausstattung in der Forschung. "In dem Maße, wie die Grundfinanzierung austrocknet, kann die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit Drittmitteln nicht ausgleichen. Diese Entwicklung macht uns Sorge.

Grunwald verwies auf das Vorbild USA: Dort seien allein die Fördermittel für die Medizinforschung von einer Milliarde Dollar auf 20 Milliarden Dollar erhöht worden, weil dort die Politiker die Bedeutung der Hochschulmedizin erkannt hätten. Der Generalsekretär setzte hinzu: "Berlin ist ein exzellenter Standort in der Medizin." Auf keinen Fall dürfe die Medizin aus dem Universitätsverbund herausgelöst werden. Kein Verständnis äußerte Grunwald für die Begrenzung der Aufnahmekapazität in der Hochschulmedizin auf 600 Studenten in Berlin. Eine solche Politik könne nur Kopfschütteln hervorrufen, denn damit hindere man Studenten daran, an exzellenten Standorten zu studieren.

Die überzeugendste Begründung für die Rolle der Hochschulmedizin im Verbund der Universitäten gab ein Psychologe. Professor Paul Baltes, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und international bekannter Altersforscher, sagte: Alle Dimensionen des Menschen, die körperliche, psychische, geistige und soziale Seite, spielten eine Rolle, wenn es um Gesundheit geht. Die Altersforschung habe ergeben, dass das Verhalten für die Vitalität oder Hinfälligkeit älterer Menschen entscheidend sei.

Ohne die Verankerung der Medizin im Universitätsverbund und damit in Beziehung zu den Naturwissenschaften, den Geistes- und Kulturwissenschaften sei die Hochschulmedizin undenkbar. Und ohne eine gute Universitätsmedizin würde die medizinische Praxis schnell verlottern. Baltes zog den Schluss: Berlin sei nicht überausgestattet. London habe sechs und die Region San Francisco drei Klinika und alle diese Zentren seien stolz auf diese Konzentration. Wenn Berlin eine Weltstadt sein wolle, brauche es drei Universitätsklinika.

Der Generalsekretär des Wissenschaftsrat, Winfried Benz, beendete die Diskussion mit der Aussage, in vielen Bundesländern gebe es eine deutliche Aufbruchstimmung in der Wissenschaft. Wissenschaft habe in Berlin offensichtlich nicht den Stellenwert bei den Politikern, der für eine solche Aufbruchstimmung nötig sei.

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