• Keine Geschichte der Liebe Historiker der Welt treffen sich in Sydney – und diskutieren eine neue „global history“

Gesundheit : Keine Geschichte der Liebe Historiker der Welt treffen sich in Sydney – und diskutieren eine neue „global history“

Dieter Gosewinkel[Sydney]

Die Globalisierung der Welt hat die Geschichtswissenschaft erreicht. Kaum ein Thema fasziniert die Zunft zur Zeit mehr als die transnationale Offenheit, methodische Herausforderung und politische Aktualität einer Geschichte der Globalisierung. Wo aber fährt man hin, wenn man die Entstehung der Weltgesellschaft studieren will ? „Auf die Antipoden“, sagte man vor Zeiten – auf jenen Kontinent in der südlichen Hemisphäre, Australien, der als letzter erschlossen wurde und vielen als Modell einer neuen europäisch-asiatischen Kultur im Pazifik gilt. Die Olympiastadt Sydney, die zum Symbol weltoffener, heiterer Modernität geworden war, lud in der vergangenen Woche die Historiker der Welt ein, um den Stand globaler Geschichtswissenschaft zu diskutieren.

Die Themen des Kongresses umspannten denn auch universelle Probleme: das Verhältnis zwischen Menschheit und Natur in der Geschichte, zwischen Mythenbildung und Geschichtsschreibung oder das Spannungsverhältnis zwischen Krieg, Frieden und internationaler Ordnung. Man widmete sich auch Regionen und Gegenständen, die in der international dominierenden europäisch-nordamerikanischen Geschichtswissenschaft lange wenig Beachtung gefunden hatten: der afrikanischen und chinesischen Geschichte in ihren internationalen Bezügen, der Entwicklung mediterraner Imperien, insbesondere des osmanischen Reiches – oder der weltweiten Geschichte des Zuckerrohranbaus. Die Geschichte der Christianisierung, insbesondere in ihrem Verhältnis zum Islam, die Entwicklung kultureller Konflikte zwischen Moderne und Tradition, zwischen Kolonisatoren und kolonisierten Ureinwohnern zeigten mit ihren weltweiten Beispielen für viele Historiker neue Perspektiven.

Aber gelangt man über weltweit ausgreifende Geschichtsschreibung (global history) zu einer neuen Weltgeschichte (universal history)? Und auf welche wissenschaftlichen Kategorien soll sie beruhen? Jürgen Kocka (Berlin), der Vorsitzende des einladenden Comité International des Sciences Historiques, eröffnete den Kongress mit Skepsis. Er stellte unverkennbare historische Prozesse der Globalisierung den methodischen und inhaltlichen Schwierigkeiten gegenüber, eine Universalgeschichte zu schreiben.

Die verstärkte historische Untersuchung transnationaler Beziehungen und Prozesse sei zwar geboten und überfällig. Aber angesichts der überaus heterogenen Interpretationen und nationalen Traditionen der Geschichtsschreibung sei man von der universal history noch weit entfernt. Natalie Davis (Toronto) plädierte zwar eine universale Geschichtsschreibung jenseits eurozentrischer Traditionen, verwies aber auf konkurrierende Vorstellungen von Universalität („alternative universalities“) hin.

Die Spannung zwischen der Heterogenität der Geschichtsbilder und einem universellem Deutungsanspruch wendete Ibrahima Thioub (Dakar) positiv in einem Plädoyer für die Pluralität historischer Interpretation. Er unterstrich den gemeinsamen Anspruch europäischer und afrikanischer Historiker, angebliche Wahrheiten und festgefügte Bilder kritisch in der Auseinandersetzung zu prüfen und unbequeme Einsichten zu ertragen. So seien Afrikaner nicht durchweg Opfer, sondern teilweise durchaus Nutznießer des Sklavenhandels gewesen, wie genaue Quellenanalyse belege.

Diese unbefangene Einsicht schärfte den Blick für ein fundamentales Spannungsverhältnis, das den Kongress latent durchzog. Der rationale Universalismus in der Tradition der europäischen Aufklärung stieß auf den Widerspruch von Leitbildern, die auf die Erzeugung und Bewahrung von „Identität“ setzten. Besonders deutlich trat dies hervor in den Diskussionen der Historiker über ihre eigene Rolle bei der Erzeugung von Geschichte.

Die dekonstruktivistische Schonungslosigkeit, mit der nationale Mythen als „Legenden“ – und damit indirekt die maßgeblichen Historiker als nationale Mythenbildner – entlarvt wurden, stieß auf Widerspruch. Die Vertreter gerade „junger“ Nationen Afrikas, aber auch Finnlands beispielsweise, verwiesen auf die geschichtsbildende Kraft des Nationalismus und des Nationalstaats, die auch Freiheit und Selbstbestimmung gebracht habe.

Auf welche global geltenden Kategorien aber kann sich die Erzählung der Universalgeschichte stützen, wenn das ehedem herrschende Narrativ der Nation als überholt angesehen wird? Eine Vielzahl von Möglichkeiten schien auf: Erwogen wurden die Geschichte anthropologischer Konstanten wie Liebe und Vertrauen (Eva Österberg), die Geschichte der Staatsbürger- und Menschenrechte – oder weltweiter Maßstäbe für den Ausgleich historischen Unrechts im Sinne einer „total justice“.

Spiegeln derartige Überlegungen nicht eher den Wunsch nach universalistischen Traditionen, weniger die Analyse ihrer historischen Durchsetzungskraft? Dahinter tauchen die Antipoden der Weltgesellschaft auf: der Nationalstaat, kulturelle Partikularismen, Macht- und Hegemonialansprüche aller Art, schließlich die Verlierer des Jahrhunderte währenden Prozesses ökonomischer Globalisierung. Diese mächtigen Antipoden entsprachen nicht dem weltoffenen Geist der Versammelten. Sie führten ein Schattendasein – bis ein Blitz aus London Licht auf sie warf.

Der Autor ist Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB).

0 Kommentare

Neuester Kommentar