Gesundheit : Keine Gesundheit aus der Retorte

Verlängern Vitaminpräparate das Leben? Eher ist das Gegenteil der Fall, sagen dänische Forscher

Bas Kast

Wenn Sie Ihrer Gesundheit etwas Gutes tun wollen, dann lassen Sie die Finger von Vitamintabletten und künstlichen Antioxidantien. So lautet die Botschaft einer groß angelegten Überblicksstudie zum Thema, für die dänische Forscher 68 Untersuchungen mit insgesamt fast einer Viertelmillion Testpersonen zusammenfasst haben (soeben erschienen im Fachmagazin „Jama“, Band 297, Seite 842).

Zu den bekanntesten Antioxidantien gehören: Vitamin C, Vitamin E, Betakarotin und Vitamin A. Schätzungsweise bis zu 160 Millionen Menschen in Europa und Nordamerika schlucken die Vitamine regelmäßig, in der Hoffnung, damit ihr Herz oder ihr Immunsystem zu stärken und das Risiko von Krebs zu senken.

Eine gute Idee? Nicht unbedingt. Die künstlichen Vitamine sind bestenfalls Geldverschwendung – wahrscheinlich aber regelrecht schädlich. Die Forscher um Goran Bjelakovic vom Kopenhagener Universitätskrankenhaus kommen in ihrer nun vorgelegten Studie zum Schluss: Die angeblichen Gesundheitsbrunnen bringen nichts, im Gegenteil, eher gehen sie mit einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko einher.

Antioxidantien. Vitamin C. Vitamin E. Für viele haben die Begriffe einen fast magischen Klang, der Schutz vor Krankheiten, ja womöglich sogar ein längeres Leben verspricht. Aus der Luft gegriffen ist dieser Zusammenhang nicht: So beobachtete man bereits vor Jahrzehnten, dass Menschen, die viel Obst und Gemüse – nicht zuletzt auch Karotten mit Betakarotin – essen, weniger oft an Herzerkrankungen und einigen Krebsarten sterben. Zugleich weiß man seit langem, dass zahlreiche Erkrankungen mit hochaggressiven Stoffen zusammenhängen, die man als „freie Radikale“ bezeichnet. Die Molekülteile sind eine zwangsläufige Folge des Lebens. Sie entstehen beim Atmungsprozess und wirken sich zerstörerisch aufs Gewebe aus.

Dann, in den 1980er Jahren, entdeckte man: Viele Obst- und Gemüsesorten bersten vor Substanzen, die eben diese freien Radikale fangen und unschädlich machen können – Antioxidantien. Die Puzzlesteine fügten sich plötzlich zu einem Bild: Natürlich, es mussten die Antioxidantien sein, die Obst und Gemüse ihre gesundheitsfördernde Kraft verleihen! Eine Vitaminpille nach der anderen wurde auf den Markt geworfen.

Doch während die Pillen immer populärer wurden, wuchsen unter Ernährungsforschern der Zweifel und das Unbehagen: Nur im Reagenzglas ließ sich der Effekt der reinen Antioxidantien nachweisen – im menschlichen Körper jedoch scheint er zu verpuffen.

Oder die Antioxidantien richten sogar ihrerseits Schaden an. In einer Studie des Nationalen Krebsinstituts der USA hatte man Raucher, die mit besonders vielen freien Radikalen zu kämpfen haben, Betakarotin verordnet. Der Beobachtungszeitraum war auf sechs Jahre angesetzt, doch man brach die Studie vorzeitig ab, überrascht und schockiert, als sich abzeichnete, dass Betakarotin-Pillen mit einem um 28 Prozent erhöhten Lungenkrebsrisiko einhergingen; das Todesrisiko stieg um 17 Prozent.

Und aus der jetzigen Übersichtsstudie geht hervor: Nicht nur Betakarotin erhöht das Sterblichkeitsrisiko, sondern auch Vitamin A und E. Lediglich Vitamin C und Selen scheinen zumindest nur den Geldbeutel zu belasten.

Man reibt sich die Augen, fragt sich, wie das sein kann: Was haben Karotten, das Betakarotin-Tabletten nicht haben? Schließlich gilt nach wie vor die Empfehlung, reichlich Obst und Gemüse zu essen. Zum einen spielt die Dosierung wohl eine Rolle: Wer eine Tablette mit 20 Milligramm Betakarotin schluckt, der muss schon ordentlich Karotten futtern (gut 300 Gramm), um auf die gleiche Menge zu kommen.

Vielleicht ist das aber nicht der entscheidende Grund. Eine Karotte besteht aus Hunderten von Substanzen, die im Konzert offenbar anders wirken denn als Solisten. So macht sich derzeit auch unter Forschern eine gewisse Ernüchterung breit, wenn es darum geht, Nahrungsmittel zu erforschen. Die normale – oft ja auch erfolgreiche – Herangehensweise der Wissenschaft besteht darin, ein Nahrungsmittel in seine Bestandteile zu zerlegen, um so herauszufinden, welchen Effekt die einzelnen Inhaltsstoffe entfalten.

Bei etwas so Komplexem wie die Nahrung kann das zu einem verhängnisvollen Tunnelblick führen. So hat kürzlich der Berkeley-Professor Michael Pollan in der „New York Times“ analysiert: Wir denken heutzutage nicht mehr in Speisen, wie es noch unsere Großmutter tat, sondern, Wissenschaftlern gleich, in Substanzen wie „ungesättigten Fettsäuren“, „Cholesterol“ oder „Antioxidantien“, von denen einige als gut, andere als böse gelten.

Diese analytische Sicht hat zu einer ganzen Reihe von maßgeschneiderten Pillen und Designer-Nahrungsmitteln geführt – alles aufgrund vorläufiger wissenschaftlicher Erkenntnisse. Und das mutmaßliche Resultat dieser neuen „Essenskultur“? Richtig. Es gibt heute nicht mehr schlanke Menschen als früher, sondern so viele Übergewichtige wie noch nie. Es gibt nicht weniger Herzerkrankungen, sondern mehr. Pollans Empfehlung: Essen Sie natürlich. Essen Sie ausgewogen. Und vor allem: „Essen Sie nichts, was Ihre Urgroßmutter nicht als Essen erkennen würde.“

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