Gesundheit : Keine Rückkehr zur langen Literaturliste

Uwe Schlicht

"Nach meiner Beobachtung und der Einschätzung vieler Lehrender lässt die Fähigkeit, sich schriftlich auszudrücken, bei Jugendlichen und Abiturienten dramatisch nach." Verantwortlich dafür seien Fun-Kultur, der Verfall öffentlicher Sprache sowie die Kürzestinformationen im Handy-und Mailing-Verkehr. Das meint der Schulkenner Thomas Kopfermann aus Stuttgart: "Im Unterricht wird wenig, zu wenig geschrieben; häusliche Übung im Verfassen zusammenhängender, in sich klar strukturierter umfangreicher Texte scheitert allzu häufig an der resignativen Kapitulation der Lehrer vor dem Widerstand ihrer erwachsenen Schüler."

Es kommt noch drastischer: "Die Deutsch-Lehrpläne vieler Bundesländer sind inhaltlich so überfrachtet, dass die Lehrkräfte unter dem ständigen Druck stehen, den Stoff irgendwie durchzubringen. Das geht auf Kosten der Förderung von Kompetenzen ö die Inhalte werden nacheinander durchgenommen und abgehakt." Das sagt ein weiterer Experte des Deutsch-Unterrichts in den Schulen, der Augsburger Professor Kaspar Spinner. Trotz des Mangels an systematischen empirischen Untersuchungen zeigen sich immer dieselben Kritikpunkte: Schüler beherrschen die Rechtschreibung und Grammatik nicht sicher genug. Ihnen fehlt die Geduld zu angemessener Auseinandersetzung mit schwierigen Texten. Studienanfängern mangelt es an rhetorischen Fähigkeiten, um sich argumentativ kritisch und überlegt auszudrücken. Diese Stimmen von Kennern des Deutschunterrichts in der Oberstufe hat Heinz-Elmar Tenorth im Auftrag der Kultusministerkonferenz gesammelt.

Bis zur Oberstufenreform von 1972 war es eindeutig: Im Deutsch-Unterricht dominierte bundesweit die Literatur. Die Klassiker mussten im Land der Dichter und Denker gelesen werden, und wenn der Unterricht gut war, gehörten zu den Klassikern Lessing, Schiller, Goethe, Kleist, Keller, Eichendorff, Heine, E.T.A Hoffmann, Fontane, Hauptmann, auch einige Ausländer wie Shakespeare, Molire, Grillparzer oder von den damals Modernen Thomas Mann, Bergengruen, Ernst Wiechert, noch moderner Dürrenmatt, Max Frisch und Hemingway. Bei Bert Brecht schieden sich die Geister im gepaltenen Deutschland.

Neuer Kanon nicht erwünscht

Heute gibt es keinen Kanon der Pflichtlektüre mehr. Auch die Experten für den Deutschunterricht, die jetzt nach einem Kerncurriculum für die Oberstufe befragt wurden, haben sich für keinen neuen Kanon ausgesprochen, wohl aber für wichtige Bestandteile des Deutschunterrichts, die setwas wie ein Kerncurriculum bilden.

Ein Literaturkanon wird häufig in der öffentlichen Kritik am Deutschunterricht vermisst. Roman Herzog, der frühere Bundespräsident spricht von einem Verlust "gemeinsamer Grundlagen". Die beiden Bielefelder Deutsch-Didaktiker Clemens Kammler und Bernd Switalla haben die Lehrpläne deutscher Schulen durchforstet und sind zum Ergebnis gekommen: Es gibt zwar keinen verbindlichen Kanon der zu lesenden Literatur mehr, wohl aber viel Übereinstimmung über Kernkompetenzen, die der Deutschunterricht in der Oberstufe vermitteln soll.

Gestritten wird heute eigentlich über folgende Fragen: Ob sich die Angebote der neuen Medien in Film, Fernsehen und Computern dem Lernbereich "Umgang mit Texten " zuordnen lassen. Oder über die Frage, ob heute noch die privilegierte Stellung der Literatur in einigen Ländern aufrechterhalten werden kann. Genügt es stattdessen für das Abitur, wenn ein Oberstufenschüler jeweils zwei Romane und Dramen aus jeweils unterschiedlichen Epochen gelesen hat, wobei solche Texte auch noch durch Literaturverfilmungen ersetzt werden können?

Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Heiner Willenberg spricht aus, was seine Kollegen auch in anderen Fächern beobachtet haben: Es gibt keine empirischen Untersuchungen darüber, was im Unterricht wirklich geschieht und gelernt wird.

Die Schweizer haben eine empirische Untersuchung aus dem Jahre 1998 unter den dortigen Maturanden vorzuweisen und ihr Ergebnis lautet: Der Sprachgebrauch der Oberschüler ist nicht schlechter als früher, aber er hat sich gewandelt. Der Stil geht eher zum Gesprochenen als Geschriebenen hin. Parlando nennen das die Schweizer.

Willenberg hat von den Lehrern erfahren: Die Neigung der Schüler, sich mit komplexen Texten zu befassen, ist gering geworden, aber in der Kommunikation sind sie sicherer. Typisch für diese Kommunikation ist der vorläufige Charakter, der sich in Aussagen ausdrückt wie "ich sage jetzt mal", "ich denke mal so" oder "ich meine mal". Sich mit komplexeren Texten, dickeren Büchern zu beschäftigen ö diese Lust haben die Schüler nicht mehr. Sie ziehen die Kopien von Highlights aus den Büchern vor, oder sie versuchen sich über Verfilmungen von Literatur einen Eindruck über Bücher und Theaterstücke zu machen, statt diese selbst zu lesen.

Selbst wenn viele Schüler in der Oberstufe Deutsch als Leistungskurs wählen, sagt das nicht unbedingt etwas über das Interesse an Literatur aus. Viele Lehrer haben die Erfahrung gemacht, dass die Wahl des Leistungskurses in Deutsch davon abhängt, dass es als"Restkurs" gehandelt wird. "Weil das Fach Deutsch als leicht gilt, gehen dort viele Schüler hin, die in anderen Fächern keine sicheren Schwerpunkte haben. Selbstverständlich sitzen sie neben denjenigen, die sich intensiv mit der Literatur und der Sprache beschäftigen".

Mit welchen Themen kann man die Deutschschüler erwärmen? Mit einem Interesse früherer Schülergenerationen an Bert Brecht, Hermann Hesse oder Max Frisch ist nicht mehr zu rechnen. Auf welche Themen reagieren die Schüler: Es sind moderne Themen wie Umweltprobleme, Identität, Medien. Wenn Lehrer erfolgreich sein wollen, brauchen sie heute mehr als nur das Wissen über Deutsch und die deutsche Literatur. Sie müssen auch wissen, wie Denkprozesse und das Lernen bei den Jugendlichen ablaufen.

Didaktiker sagen, dass die besten Lernerfolge auf der Selbsttätigkeit der Schüler beruhen und nicht auf dem bloßen Zuhören im Unterricht oder dem Lesen von Texten. Zur Wissenspsychologie gehört auch die Erkenntnis, dass Wissen emotional fundiert sein sollte, wenn es von den Schülern wirklich erworben werden soll. Fontanes "Effi Briest" gibt offensichtlich jungen Lesern von heute nicht mehr diese emotionale Erregung, die Interesse weckt und Wissenserwerb fördert.

Kammler und Switalla schlagen folgende Punkte für ein Kerncurriculum in der Oberstufe vor: Schüler müssen im Deutschunterricht Argumentieren, Diskutieren, Nachdenken lernen und diskursfähig werden. Der Umgang mit Texten bleibt nach wie vor unentbehrlich ö sind sie doch der zentrale Ort der Wissensvermittlung und Wissensspeicherung. Schließlich bietet Literatur die Begegnung mit Lebenssituationen der verschiedensten Menschen, Völker und Altersstufen. Schüler können sich über die Literatur in andere Lebens- und Gefühlswelten hineinversetzen, Erfahrungen in literarischer Form gewinnen. Literatur sollte auch zu einem angemessenen historischen Verständnis und zu einem Begreifen der Gegenwart beitragen. Dafür muss ein verbindliches Grundlagenwissen geboten werden. Da der fundierte Grammatikunterricht in der Mittelstufe abbreche, müsse in der Oberstufe auch über Sprache reflektiert werden. Das erfordert eine sprachanalytische Schulung. Literacy, die Textbeherrschung, ist unverzichtbar. Ebenso unverzichtbar ist die Ästhetik. Aber wenn man zu sehr das Schwergewicht auf die Kreativität setzt, geht die Reflexion über die Ästhetik verloren und damit ein Teil der Interpretationsfähigkeit.

Naives Alltagswissen

Aus dem Geschichtsunterricht weiß man, dass sich das Wissen der Schüler von dem des Lehrer grundsätzlich unterscheidet. Die Schüler haben allenfalls ein historisch-naives Alltagswissen ö die Lehrer beherrschen den Kanon ö so leben Schüler und Lehrer in verschiedenen Bewusstseinsbereichen. Die historischen Kenntnisse in der Literatur sind daher nicht zu ersetzen ö jedenfalls soweit von ihnen das Verständnis der Gegenwart und näheren Zukunft abhängt. Wenn die systematische Reflexion über die Sprache weiter so vernachlässigt werde wie bisher, blieben die Schüler auf dem Niveau von Alltagstheorien der Mittelstufe zurück. Sie folgen gerade mit Blick auf die neuen Medien einem abbildhaften Denkenö sie sehen sich die Filme an, aber sie benutzen Schrift und Bild nicht als Werkzeuge der Wahrnehmung, Erkenntnis und des Lernens, der Erinnerung und der Überlieferung. Um das alles leisten zu können, müsse die Stundenzahl in den Grundkursen erhöht werden. Drei Stunden pro Woche reichten da nicht aus.

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