Gesundheit : Keine Sehnsucht nach dem Bundeskanzler-Sessel

MARTINA KRETSCHMANN

Serie Studiengänge (3): Politologie / Revolutionäre sind heute selbst am legendären Otto-Suhr-Institut der FU selten gewordenVON MARTINA KRETSCHMANN"Ach, und dann willst du also Bundeskanzler(in) werden?" lautet eine häufig geäußerte Vermutung über die beruflichen Ziele von Studentinnen und Studenten der Politikwissenschaft.Offenbar ist die Politologie als Wissenschaft von der Politik für die meisten Menschen nicht von der Politik an sich zu trennen. Dabei haben die allerwenigsten Politiker die gleichnamige Wissenschaft studiert, sondern eher Jura oder Wirtschaft.Ausnahmen bestätigen die Regel, so wie der Fraktionsvorsitzende der Berliner SPD, Klaus Böger, oder Wissenschaftssenator Peter Radunski, die in den 60er Jahren am berühmt-berüchtigten Otto-Suhr-Institut - kurz OSI - der FU studierten.Heute wälzt dort Angela Marquardt, ehemalige stellvertretende PDS-Vorsitzende, die Bücher. Bundeskanzlerin möchte Caroline Boisten nicht werden.Überhaupt kann sich die 23jährige kaum vorstellen, "in die Politik zu gehen"."Ich wollte aber gerne mehr darüber erfahren, wie Politik funktioniert", erklärt sie.Nach einem Semester in Erlangen wechselte sie nach Berlin."Das Angebot hier ist vielfältiger und interdisziplinär.Politikwissenschaft beschränkt sich nicht auf reine Staatswissenschaft." Neben den klassischen Feldern der Politikwissenschaft wie Politische Theorie, Innenpolitik, der Vergleich politischer Systeme, Internationale und Außenpolitik sind auch Geschichte, Recht, Wirtschaft und Soziologie in den Diplomstudiengang integriert.Hajo Funke, Professor für Politische Psychologie und Studienberater am Institut, sieht in dieser "inneren Interdisziplinarität" die größte Stärke und die Besonderheit des OSI. Die Breite des Faches führt bei Studienanfängern indes häufig zu Verwirrung.Sicherlich ist es interessant zu erfahren, was Wissenschaft, Journalismus und Kabarett gemeinsam haben oder die Probleme des sub-saharischen Afrika kennenzulernen - aber wo liegt der Kern der Politikwissenschaft, wenn es denn einen gibt? Ein mehrere hundert Seiten starkes Kompendium mit dem Extrakt von zweieinhalbtausend Jahren systematischen Nachdenkens über Politik, das OSI-Neulingen zur Einführungsvorlesung präsentiert wird, soll darauf Antwort geben.Seit der Studienreform 1992/93 wird vor allem in den ersten Semestern mehr Wert auf Grundsätzliches gelegt."Zuerst sollte man lernen, die richtigen Fragen zu stellen", sagt Uta Schuchmann, die die Vorlesung als studentische Tutorin begleitet. Erst im Hauptstudium können und sollen die Studierenden sich dann spezialisieren: auf Umwelt- oder Arbeitsmarktpolitik, Internationale Beziehungen, Feministische Theorie oder Kommunalpolitik.Dazu dienen die zweisemestrigen Projektkurse, die als studentische Forschungsprojekte und Vorarbeit für die Diplomarbeit dienen. Wenn denn das Angebot an Kursen dies zuläßt: Die Zahl der Professuren am immer noch größten politikwissenschaftlichen Institut der Bundesrepublik ist seit Mitte der 80er Jahre von 44 auf mittlerweile 31 geschrumpft und soll weiter auf 18 oder gar 12 verringert werden.Für Hajo Funke ist letzteres schlicht "absurd", und auch Uta Schuchmann sieht darin das Ende des bisherigen OSI-Konzepts einer "Integrationswissenschaft".Für sie bedeutet das zum Beispiel, daß es in ihrem Studienschwerpunkt Feministische Theorie und Politik zu wenige fachlich versierte Prüfungsberechtigte gibt. Für die gebürtige Bayerin, die ursprünglich Modedesign studieren wollte, war der Golfkrieg das Schlüsselereignis, das sie zum Politikstudium brachte.Sie engagierte sich damals für verletzte irakische Kinder, die in Deutschland medizinisch versorgt wurden.Sie wolle die Gesellschaft nicht nur verstehen, sondern auch verändern. Damit gehört sie heute am OSI wohl zu einer Minderheit.Die Zeiten, als von hier die Revolution ausgehen sollte, sind längst vorbei."Die wenigsten Studenten sind heute noch politisch engagiert", meint auch Stefan Kratz, "ich selbst mit eingeschlossen!" Mit seinen 24 Jahren hat er bereits ein volles Studium in den USA hinter sich.Er genießt das relativ freie Studieren am OSI und arbeitet nebenbei für eine internationale Umweltpolitikberatungsfirma. Praktische Erfahrungen bilden einen wichtigen Baustein für den späteren Berufseinstieg.Sechs Monate Praktikum sind Pflicht: Ob als Mitarbeiterin einer Europa-Abgeordneten wie Caroline Boisten oder als Mitorganisatorin einer internationalen Frauenkonferenz wie Uta Schuchmann, hier knüpfen die Studierenden Kontakte und gewinnen erste Einblicke in die Praxis. Zwar fehlt für Politikwissenschaftler nach wie vor ein solch klares Berufsbild wie für Mediziner oder Juristen, aber die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind nicht so schlecht, wie das Vorurteil von den ewigen Taxifahrern suggeriert.Bei der letzten Absolventenbefragung am OSI gaben sich nur vier von 455 Politologen als Droschkenkutscher zu erkennen, knapp ein Fünftel dagegen arbeitet an der Uni, 15 Prozent in den Medien und 11 Prozent als Referenten und Gewerkschaftssekretäre.Nur 0,2 Prozent beziehungsweise ein einziger OSIaner ordnete sich als "politischer Mandatsträger" ein, wie Tim Rössle in seiner Diplomarbeit schreibt. Auch wenn es einige tausend Diplom-Politologen und -Politologinnen in Deutschland gibt, hat der Ausspruch des Institutsmitbegründers Otto Suhr noch eine gewisse empirische Relevanz: "Der Diplom-Politiker wäre ein Unding!" In dieser Serie bereits erschienen: Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation (27.Mai.), Skandinavistik (9.Juni.)

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