Gesundheit : Ketzer der Wissenschaft

Wie lautet Ihre gefährlichste Idee? Drei bekannte Forscher antworten

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Auf seiner Webseite www.edge.org lädt der New Yorker Literaturagent John Brockman Denker der „dritten Kultur“ regelmäßig zu Interviews und Essays ein. Zur dritten Kultur gehören Naturwissenschaftler, die sich mit Fragen beschäftigen, die ursprünglich als Domäne der Philosophie und Kulturwissenschaften galten, wie zum Beispiel: Was ist der Mensch? Oder: Woher kommt Religion? Zum Jahreswechsel legt Brockman diesen Forschern traditionell eine pikante Frage vor. Diesmal ist es die Frage: „Wie lautet Ihr gefährlichster Gedanke?“ Hier folgen drei Antworten.

Freeman Dyson, Physiker, Institute for Advanced Study, Princeton:

„Die Aufregung um die globale Klimaerwärmung ist total überzogen. Ich wehre mich gegen die heilige Bruderschaft von Klimaexperten und den vielen getäuschten Laien, die an die Vorhersagen der Klimamodelle glauben. Diese Modelle vermögen zwar die Bewegung der Atmosphäre und der Ozeane zu beschreiben. Doch sie versagen, wenn es um die Beschreibung von Wolken, Staub oder die Chemie und Biologie von Feldern oder Wäldern geht. Sie können nicht einmal ansatzweise die Welt erfassen, in der wir leben. Diese Welt ist chaotisch und voller Phänomene, die wir noch nicht verstehen. Es ist so viel einfacher für einen Wissenschaftler, in einem Gebäude mit Air-Conditioning zu sitzen und Computermodelle zu programmieren als Winterklamotten anzuziehen und sich anzusehen, was da draußen wirklich passiert. Das ist der Grund dafür, warum die Klimaexperten ihren Modellen am Ende wirklich glauben. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Teile der Welt wärmer werden, die Erwärmung ist aber nicht global. Sie findet vor allem da statt, wo es kalt ist: an den Polen mehr als in den Tropen, im Winter mehr als im Sommer, nachts mehr als tagsüber. Insgesamt findet die Erwärmung dort am meisten statt, wo es am wenigsten weh tut. Ich sage nicht, dass die Erwärmung uns keine Probleme bereitet. Ich sage nur, dass die Probleme maßlos übertrieben werden. Sie nehmen uns Geld und Aufmerksamkeit von anderen Problemen, die dringender und wichtiger sind, wie Armut, Infektionskrankheiten, Bildung und Gesundheit sowie der Artenschutz auf dem Land und im Meer.“

Brian Greene, Physiker an der New Yorker Columbia-Universität:

„Die Vorstellung, dass es neben unserem Universum noch weitere gibt, dass wir also nur ein Mitglied in einer ganzen Kollektion von Universen – Multiversum genannt – sind, ist zwar hochspekulativ, aber faszinierend. Diese Theorie stellt auch eine radikal neue, riskante Annäherungsweise an wissenschaftliche Probleme dar. Die zentrale Annahme der Wissenschaft besteht darin, dass wir mit genügend Einfallsreichtum, Technik und harter Arbeit erklären können, was wir um uns herum wahrnehmen. Der beeindruckende Fortschritt der letzten Jahrhunderte scheint diese Annahme zu bestätigen. Wenn wir aber Teil eines Multiversums sind, dann könnte unser Universum mit Eigenschaften ausgestattet sein, die jenseits der traditionellen Erklärungsmethoden liegen. Theoretische Studien des Multiversums legen nahe, dass sich die anderen Universen von unserem gravierend unterscheiden könnten. Die Teilchen, die die Materie bilden, könnten andere Massen oder elektrische Ladungen besitzen. Die fundamentalen Kräfte könnten eine andere Stärke haben oder in anderer Zahl vorhanden sein als bei uns. Ja, die Struktur von Raum und Zeit als solche könnte anders sein als wir es je beobachtet haben. Unter diesen Voraussetzungen nimmt unsere Suche nach fundamentalen Erklärungen des Universums einen ganz anderen Charakter an. Es könnte sein, dass die Naturkräfte in unserem Universum nur deshalb so sind, wie sie sind, weil wir, wären sie anders, einfach nicht darin überleben könnten. Sollte die Idee des Multiversums zutreffen, stünden wir vor einer Kopernikanischen Revolution kosmischen Ausmaßes – mit möglicherweise gefährlichen Konsequenzen. Wie sollen wir die Gültigkeit einer solchen Theorie feststellen? An welchem Punkt sollten wir die herkömmlichen Erklärungen durch die Idee des Multiversums ersetzen? Bei einigen der Rätsel, die wir zu klären versuchen, könnte es sich lediglich um Rätsel unseres Universums handeln, während man andere Phänomene gründlicher untersuchen sollte, weil sie das Resultat grundlegender Gesetze sind. Die Gefahr könnte sein, dass Physiker ihre Suche nach Erklärungen zu schnell aufgeben.“

Steven Pinker, Psychologe und Sprachforscher an der Harvard-Universität:

„Im Januar sorgte der Harvard-Präsident Larry Summers für einen Sturm der Entrüstung, als er Studien zitierte, die nahe legen, dass die geistigen Fähigkeiten von Mann und Frau nicht in gleicher Weise verteilt sind. Im März veröffentlichte der Biologe Armand Leroi einen Artikel in der ,New York Times’, in der er die konventionelle Aussage, es gäbe keine Rassen, widerlegt. Im Juni berichtete die ,Times’ über eine Studie, die dokumentiert, dass die Aschkenasim-Juden auf Grund ihrer hohen Intelligenz biologisch begünstigt waren. Im September veröffentlichte der Sozialwissenschaftler Charles Murray einen Beitrag, in dem er sein Argument bekräftigt, dass sich Intelligenzunterschiede unterschiedlicher Rassen teilweise genetisch erklären lassen. – Ob sich diese Thesen nun halten lassen oder nicht, sie werden im Allgemeinen als gefährlich empfunden. Summers musste monatelange Schmähungen über sich ergehen lassen, und die Protagonisten ethnischer Unterschiede wurden in der Vergangenheit Zielscheiben von Zensur und Gewalt und wurden mit Nazis verglichen. Ganze Schwaden der intellektuellen Landschaft wurden überarbeitet, um die Thesen im Vorfeld auszuschließen (Rassen existieren nicht, Intelligenz existiert nicht, die menschliche Psyche ist ein unbeschriebenes Blatt, das von den Eltern beschriftet wird). Die Angst, das die Berichte über Gruppenunterschiede Fanatismus Vorschub leisten, ist zwar nicht unbegründet. Aber es gibt intellektuelle Werkzeuge, mit der sich diese Gefahr entschärfen lässt. Bei Unterschieden einer Gruppe, sollten sie vorhanden sein, handelt es sich um Durchschnittsdifferenzen, nicht um Unterschiede einzelner Männer und Frauen. Die Tatsache, dass politische Gleichheit ein universelles Recht ist, zielt darauf ab, Menschen als Individuen zu behandeln, nicht als Gruppen – es ist keine empirische Aussage darüber, dass alle Gruppen ununterscheidbar sind. Das aber wollen viele von uns nicht wahrhaben. Mit den Fortschritten in der Genetik wird man die Thesen über Gruppenunterschiede bald genau testen können. Die Genomrevolution hat unzählige Kommentare über die Gefahren des Klonens und die genetische Verbesserung des Menschen hervorgerufen. Ich halte das für Ablenkungsmanöver. Die Aussicht auf Gentests von Gruppenunterschieden ist nicht nur wahrscheinlicher, in ihr liegt auch mehr Zündstoff – doch auf eine Auseinandersetzung mit ihnen sind wir denkbar schlecht vorbereitet.

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