Gesundheit : Kind, iss!

Warum Weihnachten mit den Eltern für Studenten schwieriger sein kann als ein Seminar mit Anwesenheitspflicht

Juliane von Mittelstaedt

Weihnachten ist ein Fest der Extreme. Es wird vorzugsweise von den ganz Jungen und ganz Alten mit Enthusiasmus gefeiert. Der Student ist eher ein Dazwischen und daher oft unweihnachtlich gestimmt. Leider ist es traditionell ein Fest, das man mit der Familie verbringt. Ein Glückspilz also, wer sich als Weihnachtsmann oder Christkind verdingen darf. Wer das Casting nicht bestanden hat, weil zu unchristkindlich oder zu wenig knechtruprechtruppig, der bleibt zu Hause oder fährt hin. Dort kommt es dann in Familien zum Krach zwischen dem Heimgekehrten und den Eltern. „Ich habe nach wenigen Stunden das Gefühl, ich ersticke“, erzählt etwa Anna, die an der Humboldt-Universität Berlin studiert. „Mich nerven die Gespräche und die Enge.“

Warum kracht es an Weihnachten oft zwischen „Kindern“ und Eltern? Hans-Werner Rückert, der die Psychologische Studienberatung an der Freien Universität Berlin leitet, weiß, dass die Feiertage besonderen Zündstoff bergen: „Eltern und Studenten haben gegensätzliche Vorstellungen.“ Das beginne schon bei der Dauer des Aufenthalts. „Die Eltern fragen: Warum kommst du denn nur so kurz?“ Enttäuscht sind manche dann erst recht, wenn das „Kind“ bei seinem kurzen Besuch auch noch Zeit für Freunde abzwacken will.

Beschränkte Fluchtmöglichkeiten

Für manche Studenten dagegen sind schon drei Tage eine lange Zeit, eine Zeit, in der die Kaufhäuser geschlossen, Freunde familienvereinnahmt und die Fluchtmöglichkeiten beschränkt sind. Das scheint manchem schlimmer als ein nicht abwählbares Blockseminar mit Anwesenheitspflicht. Viele Eltern nutzen die Gelegenheit, sich nach dem Fortgang des Studiums zu erkundigen. „Den Eltern entgeht nicht, dass die Regelstudienzeit bei neun Semestern liegt, ihr Sprössling aber schon im dreizehnten Semester ist. Das bringt dann unliebsame Fragen mit sich“, sagt Rückert. Auch gehöre zu den Erwartungen von Eltern, die das Studium finanzieren, eine gewisse Dankbarkeit. Sie erleben das nach Hause zurückgekehrte Kind aber vor allem als kritisch gegenüber alten Gewohnheiten der Familie und überraschend gestresst – „schließlich studiert er doch bloß!“.

Der Student sieht sich unter Erwartungsdruck gesetzt, wie Rückert beschreibt: „Überall kann es da Konfliktpotenzial geben, auch in Sätzen wie: Iss doch noch ein bisschen Ente, deine Mutter hat sich so viel Mühe gegeben. Da scheitern die Studierenden auch bei besten Vorsätzen, cool zu bleiben, an der Realität.“

Elterliches Stirnrunzeln

Denn der Student will nicht wieder in die alte Kinderrolle zurück. Er ist stolz darauf, sich alleine in einer großen Stadt durchschlagen zu können, stolz auch auf die Horizonterweiterung durch die Universität. „Doch es reicht ein elterliches Stirnrunzeln, und alte Verhaltensmuster brechen wieder durch. Da kommt oft eine ganze Menge Frust hoch“, sagt Rückert. Die in Seminargruppen und WG-Beziehungskisten geschulte Redeweise der Studenten lässt sich mit der der Eltern nicht mehr vereinbaren: „So kannst Du mit Deinen Freunden reden, aber nicht mit uns.“ Da erscheint dem Heimkehrer sogar das Fernsehprogramm (Weihnachten mit Marianne und Michael, Sissi, André Rieu) als wahre Erlösung.

Aber auch die Studenten kommen mit übertriebenen Erwartungen nach Hause. Das Elternbild der Studierenden verkläre sich während der langen Abwesenheit, sagt Rückert: „Und die Eltern sind älter geworden, was Kinder schwer tolerieren.“

Wie ist die Eskalation zu vermeiden? Der Studierende müsse sich mental auf die Situation vorbereiteten, empfiehlt der Psychologe: „Bloß nicht Friede, Freude, Eierkuchen erwarten, das ist eine Garantie für Streit. Besser nach dem Motto herangehen: Wenn du den Frieden willst, bereite dich auf den Ärger vor.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar