Gesundheit : Kinder, auf geht’s

Betreuung des Nachwuchses: Die OECD fordert Deutschland zu einer nationalen Strategie auf

Anja Kühne

Wer wird in Zukunft den Nachwuchs erziehen? Wenn Deutschland die Rekrutierung und Ausbildung seiner Erzieherinnen nicht entscheidend verändert, werden in den Krippen und Kitas bald immer mehr schlecht qualifizierte Frauen arbeiten. Das ist eines der Ergebnisse der neuen Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Schon jetzt haben die meisten Erzieherinnen untere Schulabschlüsse. Doch immer mehr Frauen streben eine bessere Qualifikation an. So wird die Gruppe, aus der die Auszubildenden bislang rekrutiert werden, immer kleiner und setzt sich zunehmend aus Frauen zusammen, die einer besseren Ausbildung nicht gewachsen sind.

Anders als in vielen anderen Ländern üblich, lernen die deutschen Pädagoginnen ihren Beruf nicht an der Fachhochschule oder Universität, sondern nur an Fachschulen. Nur in wenigen Bundesländern, darunter in Berlin an der Alice-Salomon-Fachhochschule, werden überhaupt Studiengänge für Erzieherinnen angeboten. In ganz Deutschland konnten die Experten nur fünf Professoren finden, die sich mit Kleinkindpädagogik befassen.

Inzwischen hat sich zwar die Einsicht durchgesetzt, dass der Beruf überaus komplex und wichtig ist. Doch die Länder berufen sich auf die Kosten und halten am Status Quo fest. Erzieherinnen bekommen am Anfang im Schnitt 1363 Euro, mit 45 Jahren können sie 1924 Euro verdienen.

Kein Wunder, dass kaum Männer an dem Beruf interessiert sind. Brandenburg wird im OECD-Bericht als einziges Bundesland gelobt, dass den Mangel angeht, indem es mit einem Projekt um arbeitslose Männer für die Kitas wirbt. Auch fehlt es an Kräften mit Migrationshintergrund. Manchen Ausländern fiele es leichter, ihre Kinder in die Kita zu geben, fänden sie dort eine multi-kulturelle Atmosphäre vor, schreiben die Forscher.

Krippen und Kitas werden in den alten Bundesländern immer wichtiger. Dort stieg die Zahl der berufstätigen Mütter mit Kindern zwischen drei und fünf Jahren zwischen 1991 und 2001 von 48 auf 58 Prozent. In Ostdeutschland dagegen sank ihre Zahl im gleichen Zeitraum von 83 auf 66 Prozent. Im Westen habe lange eine „starke Ideologie der Mutterschaft“ geherrscht, schreiben die OECD-Experten. Im Osten dagegen war es üblich, dass beide Eltern berufstätig waren, der Staat hielt für jedes Kind über zwölf Monate einen Betreuungsplatz bereit, und zwar ganztägig – ein Standard, wie ihn sonst nur die vorbildlichen skandinavischen Länder haben, lobt die OECD. Die alte Bundesrepublik dagegen gehört zu den Ländern mit der schwächsten Versorgung. Nur fünf Prozent der unter Dreijährigen konnten einen Krippenplatz bekommen, die Kindergärten sind meist nur stundenweise geöffnet. Nun will die Bundesregierung, dass 230000 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren in den alten Ländern eingerichtet werden, doch die Kommunen scheuen die Kosten.

Die Forscher zitieren einen kanadischen Ökonomen mit den Worten: „Können wir es uns leisten, nicht zu investieren?“ Die Forscher vermissen eine große nationale Strategie. Die Versuche der Länder, sich gegen das Engagement des Bundes bei der Kinderbetreuung zu wehren, kommentieren die Experten mit den Worten: „Die Kleinkindbetreuung ist so wichtig für die Zukunft eines Landes, dass sowohl der Input der Länder als auch der Bundesregierung gebraucht werden.“

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