Gesundheit : Kinder brauchen einen echten Klassenlehrer

Wer nur auf Schulfächer spezialisiert ist, kann keine sozialen Probleme lösen Von Peter Struck

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Jahrhundertelang hat die Arbeitsteilung, mit der die Familie erzieht und die Schule bildet, irgendwie funktioniert. Sie ging aber einher mit einem Obrigkeitsstaat, der das Erziehungsziel des Untertanen hatte. Seitdem wir jedoch eine demokratische Verfassung haben, die die Eigentümlichkeit des Einzelnen und Werte und Meinungsvielfalt erlaubt und die den mündigen Bürger will, ist Erziehung sehr viel schwieriger geworden. In einer komplexen Gesellschaft kann nicht mehr eine Clique von Machthabern von oben herab Werte verordnen, wie das im Kaiserreich, im Dritten Reich und in der DDR noch möglich war. Eltern und Pädagogen müssen um die Zustimmung des jungen Menschen bemüht sein, wenn sie etwas fordern oder verbieten.

Mit dem Artikel 6 unseres Grundgesetzes obliegt die Erziehung immer noch im Wesentlichen dem Elternhaus, aber mittlerweile kommen etwa 60 Prozent der Kinder nicht mehr hinlänglich erzogen in die Schule. Fast dreißig Prozent der Eltern haben sogar Angst vor Erziehung – Angst davor, etwas falsch zu machen. Deshalb erziehen sie gar nicht mehr oder inkonsequent. Darüber hinaus werden etwa 15 Prozent der Kinder von ihren Eltern vernachlässigt.

Schule steht also schon längst vor der Frage, ob sie ihren klassischen Bildungsauftrag mit einem breiteren erzieherischen Rahmen ausweiten muss, damit ihre Bildungsbemühungen noch gelingen: Sie muss sich auf Hyperaktive, Hochbegabte, Frühgeförderte und Vernachlässigte, auf Kinder mit Wahrnehmungsstörungen und auf Fehlernährte, auf Legastheniker und Dyskalkuliker einstellen – also auf immer größer werdende Verhaltens- und Leistungsbandbreiten. Dazu kommt eine Vielfalt von Muttersprachen in unserem multikulturellen Einwanderungsland.

Gleichzeitig ist der Umbau der Belehrungsanstalt zu einer Pisa-tauglichen Lernwerkstatt eine gewaltige Aufgabe. Zurzeit muss sie mit Lehrern geleistet werden, die überkompetent in fachwissenschaftlicher beziehungsweise fachdidaktischer Hinsicht sind und gleichzeitig unterqualifiziert, wenn es um diagnostische und therapeutische Kompetenzen über den engeren „erziehenden Unterricht“ hinausgeht. Wir können es uns nicht länger erlauben, dass 100 Prozent aller Lehramtsstudenten zu Lehrern für Fächer ausgebildet werden. Zwar müssen wir auch weiterhin solche Lehrer ausbilden, aber vielleicht nur zu 60 Prozent.

Die anderen 40 Prozent brauchen dringend ein grundständiges Klassenlehrerstudium, also einen Studiengang, in dem sie Erziehungswissenschaft wie bisher studieren und ein Fach oder einen Lernbereich wie bisher. Das zweite bisherige Unterrichtsfach muss durch ein Bündel aus Hirnforschung, Lernpsychologie, Ernährungskunde, Bewegungserziehung, Spielpädagogik, Gewalt und Suchtprävention, Verhaltensgestörtenpädagogik und einigen medizinischen Anteilen ersetzt werden: Damit Lehrer individuell auf Aufmerksamkeitsstörungen, Hochbegabungen und vieles mehr reagieren können.

Zu diesem Bündel muss aber auch „Elternschaft lernen“ gehören. Denn auch langfristig wird Schule nicht „Reparaturbetrieb“ der Gesellschaft werden können, nicht die Erziehung des Elternhauses komplett übernehmen können.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg.

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