Gesundheit : Kinderarbeit: Vom Hotel Mama zum Unternehmen Familie

Sibylle Salewski

Irgendwann beginnt der Ernst des Lebens. Dann ist die Zeit des sorgenfreien Spielens und des behüteten Lernens vorbei. Das Kind wird erwachsen, muss hinaus in die Welt, Geld verdienen und arbeiten. In unserer Gesellschaft wird Kindheit als arbeitsfreie Lebensphase betrachtet: Kinderarbeit assoziieren wir vor allem mit vergangenen Zeiten oder weit entfernten Länder - Mädchen, die in Thailand Teppiche knüpfen oder kleine Jungen, die auf südamerikanischen Straßen Schuhe putzen.

Doch Kinder arbeiten auch in unserer Gesellschaft: in der Schule, im Haushalt, in Jobs. Diese Arbeiten von Kindern seien bisher aber nur ganz wenig erforscht worden, sagt Helga Zeiher, Soziologin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Zusammen mit Heinz Hengst hat sie jetzt einen Sammelband herausgegeben: "Die Arbeit der Kinder" lautet der Titel. Die Autoren analysieren darin die Arbeit, die Kinder auch in der modernen Gesellschaft leisten.

Spiel und Arbeit mischen sich

Eine der Thesen des Buchs: Beim Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft ändert sich auch das Verhältnis von Kindheit und Arbeit: Spielen, Arbeiten und Lernen vermischen sich. Gerade Computer spielen dabei eine entscheidende Rolle, erklärt Hengst, der Soziologie an der Universität Bremen lehrt: "Wenn sich heute eine Zehnjährige in einem Internet-Chatroom über Abenteuerspiele unterhält, dann tut sie das gleiche, wie zum Beispiel ein Banker - nur mit anderem Inhalt." Kinder beschäftigen sich heute auf eine Art und Weise, die oft keinerlei "als-ob"-Qualitäten mehr habe, so seine These.

"Die diachrone Arbeitsteilung zwischen den Generationen, die für die industrielle Arbeitsgesellschaft typisch war, löst sich heute auf", sagt Hengst. Es sei nicht mehr sinnvoll, Kindheit als arbeitsfreie Phase zu betrachten, in der sich junge Menschen auf das Erwerbsleben der Erwachsenen vorbereiten.

Die Vorstellung, Kindheit müsse arbeitsfrei sein, habe sich erst mit der Industrialisierung entwickelt, erklärt Helga Zeiher. Im Bergbau, in der Landwirtschaft und in Fabriken arbeiteten bis dahin gerade Kinder ärmerer Bevölkerungsschichten. Die Einführung der Schulpflicht bedeutete das Ende kindlicher Erwerbsarbeit und wurde öffentlich und mit staatlicher Macht durchgesetzt. Aber auch im Haushalt arbeiten Kinder im 20. Jahrhundert immer weniger. "Es ist bemerkenswert, dass sich unter der Hand auch in Bezug auf kindliche Hausarbeit das moderne Konzept von Kindheit als Schonraum durchgesetzt hat", sagt Zeiher.

In den 70er Jahren verloren die klassischen Aufgaben der Hausfrau an Ansehen. Im Haushalt konzentrierten sich Mütter nun vor allem auf die Kindererziehung, wurden zu "Berufsmüttern", fuhren die Kinder zum Sport und Musikunterricht, besuchten Elternabende und organisierten Kontakte zu Gleichaltrigen. Die Entwicklungspsychologie suggerierte zudem, alles und jedes trage zur Persönlichkeitsbildung des Kindes bei. Den Eltern wurde damit die volle Verantwortung für das "gelungene Kind" aufgebürdet.

Kindliche Hausarbeiten wurden pädagogisiert, im Vordergrund stand nicht mehr die Hilfe, die das Kind den Eltern wirklich war, sondern der pädagogische Effekt: Indem sie ihm entwicklungsfördernde Aufgaben, wie zum Beispiel das eigene Zimmer aufräumen, anvertrauten, wollten die Eltern dem Kind helfen, seine Entwicklung fördern, ihm so beibringen, Ordnung zu halten. "Die Familie wurde zum Dienstleistungsunternehmen fürs Kind", so Zeiher. Das Hotel Mama war eröffnet.

Es gibt keine genauen Zahlen darüber, wie viel Kinder heute im Haushalt tatsächlich tun. Grobe Schätzungen gehen aber davon aus, dass mindestens die Hälfte der Schulkinder in den alten Bundesländern nur sehr geringfügig Hausarbeit leistet und auch die meisten übrigen Kinder nicht besonders viel tun. Das könnte sich ändern, spekuliert Zeiher: "Überversorgung wird aus Zeitmangel schlicht nicht mehr möglich sein." Je mehr Mütter arbeiten, desto häufiger werden Kinder alleine zu Hause sein und so automatisch Arbeiten, die im Haushalt anfallen, erledigen: Essen aufwärmen, Geschirr wegräumen, Post annehmen. Eine Teilnahme am gemeinsamen Unternehmen Familie, so Zeiher, könne auch wichtig für das Selbstverständnis der Kinder sein: "Es ist gut, wenn Kinder nicht mehr einfach nur bedient werden", sagt sie. "Kinder schätzen das Gefühl, mitverantwortlich zu sein, aber nur wenn sie sehen, dass ihre Arbeit auch wirklich notwendig ist für den Ablauf des Familienalltags."

Jobbende Konsumenten

Auch Erwerbsarbeit könnte für Kinder in Zukunft eine größere Rolle spielen. "Wir leben in einer Konsumgesellschaft, und auch Kinder haben eine Konsummentalität", so Heinz Hengst: "Sie sind Konsumenten und dadurch bereits ein aktiver Teil im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gefüge." Jedoch verfügen sie nicht über ein eigenes Einkommen - es sei denn, sie jobben. Auf diese Weise können sie sich von Elternhaus und Schule lösen und allmählich eine eigene Existenz aufbauen. Statt im Schonraum von Familie oder Schule auf das ganz andere Leben als Erwachsene vorbereitet zu werden, beginnen Kinder heute demnach schon viel früher mit dem "richtigen" Leben. "In Zukunft", so vermutet Zeiher, "werden Erwachsene und Kinder sehr viel stärker ihre eigenen Leben führen."

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