Gesundheit : Kindheitstrauma

Hilfe bei schlimmen Erfahrungen in jungen Jahren

Adelheid Müller-Lissner

Für manche Kinder ist der Start ins Leben hart. Zum Beispiel für die rumänischen Babys, die zur Ceaucescu-Zeit gleich nach der Geburt in Kinderheime kamen, in denen sie oft zu wenig zu trinken bekamen, im Bettchen festgebunden wurden und kaum Zuwendung erlebten. Einige Säuglinge wurden in der Nachwendezeit von Familien in westlichen Ländern adoptiert. Die junge Forscherin Jana Kreppner vom Londoner King’s College hat sich dafür interessiert, welche seelischen Folgen sich Jahre später bei 165 rumänischen Kindern zeigten, die alle unter 42 Monate alt waren, als eine englische Familie sie zu sich nahm.

„Die Mehrheit hatte sich bemerkenswert gut von diesen frühen Entbehrungen erholt“, sagte sie jetzt beim Internationalen Kongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Berlin. Bei einer kleineren Gruppe zeigten sich jedoch im Alter von sechs und von elf Jahren mehr Aufmerksamkeitsstörungen, autistische Tendenzen, Bindungsprobleme und intellektuelle Einschränkungen als bei zum Vergleich herangezogenen Adoptivkindern, die aus England stammten.

Warum schaffen es die einen, mit Mangel und sogar mit körperlichen und psychischen Übergriffen fertig zu werden, während andere danach vorübergehend oder sogar ein Leben lang mit behandlungsbedürftigen psychischen Störungen zu kämpfen haben?

Unter dem Stichwort „Resilienz“ werden Faktoren zusammengefasst, die die Seele robuster machen. Zum Beispiel nach Gewalt oder sexuellem Missbrauch. Der ebenfalls aus London stammende Forscher Stephan Collisshaw stellte beim Kongress eine Studie vor, für die 2306 15- bis 16-Jährige schon im Jahr 1968 befragt wurden. 30 Jahre später wurden möglichst viele von ihnen nochmals interviewt, inzwischen 44 und 45 Jahre alt.

Zehn Prozent gaben an, in der Kindheit unerwünschten sexuellen Kontakt mit Erwachsenen gehabt zu haben. Viele litten später unter Depressionen und Angstzuständen, hatten bei der zweiten Befragung schon Suizidversuche hinter sich und nahmen Drogen.

Ein Drittel dieser Missbrauchsopfer gab jedoch 30 Jahre später an, in keiner Phase unter psychischen Problemen gelitten zu haben.

Der Forscher suchte nach Faktoren, die nach einer Missbrauchserfahrung schützend wirken. Es liegt nahe, dass es vor allem die leichteren Fälle sind, in denen Resilienz eine Chance zur Entfaltung hat. Darüber hinaus scheinen aber die Beziehungen zu anderen Menschen wichtig zu sein: in der Kindheit liebevolle Eltern und Freundschaften zu Gleichaltrigen, später im Erwachsenenleben verlässliche Partner und Freunde.

Die Psychologin Anne Borge (Universität Oslo) warnte jedoch davor, daraus eine Art Vorbeugeprogramm gegen seelische Verletzungen ableiten zu wollen. Erstens könne man „gute Beziehungen“ nicht wie eine Impfung verabreichen. Zweitens sieht sie die Gefahr der Verharmlosung nach dem Motto: „Viele Betroffene verkraften das doch gut!“

Wie Gene und schlimme Lebensereignisse zusammenspielen, zeigen zwei Studien aus Neuseeland. Einmal wurde bei 442 jungen Männern die Aktivität des Monoaminooxidase-Gens mit dem Sozialverhalten in Verbindung gebracht. 154 waren in der Kindheit missbraucht oder geschlagen worden. Das bedenklichste antisoziale Verhalten legten diejenigen Opfer an den Tag, bei denen das Gen wenig aktiv war. Dadurch wird zu wenig von dem Enzym Monoaminooxidase produziert, das für den Stoffwechsel verschiedener Botenstoffe im Gehirn zuständig ist. „Hohe Aktivität des Gens scheint dagegen zu schützen“, sagte der Kinderpsychiater Michael Rutter vom Londoner King’s College.

Einen ähnlichen Zusammenhang fand die Arbeitsgruppe von Avchalon Caspi zwischen dem 5-HTT-Gen und der seelischen Gesundheit von jungen, in der Kindheit missbrauchten Erwachsenen. Am wenigsten unter Depressionen litten diejenigen Probanden, die zwei lange Kopien des Gens aufweisen, das bei der Signalübertragung zwischen Nervenzellen eine Rolle spielt.

„Schon harmlosere Umwelteinflüsse könnten, ein entsprechendes genetisches Risiko vorausgesetzt, einen großen Effekt haben“, folgert Rutter. Dieses Risiko – umgekehrt auch die Schutzwirkung erblicher Veranlagung – scheint sich aber jeweils nur auf bestimmte Symptome oder Störungen zu erstrecken. „Resilienz aus biologischer Sicht ganz allgemein zu charakterisieren, ist wahrscheinlich unmöglich“, vermutet Rutter.

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