Gesundheit : Klassische Universitäten: Rechtsgelehrte im Teigmantel

Thomas de Padova

Studieren mit Tradition: In den kommenden Wochen stellt der Tagesspiegel in einer Serie berühmte Universitäten Europas vor.

Bologna sitzt im Herzen der italienischen Teigwarenindustrie wie die Made im Speck. Mit dem Namen der Stadt verbinden Italiener wie Deutsche vor allem die gute Küche. Hier isst man nicht nur Spaghetti Bolognese, sondern Teigtaschen jeder Form und Größe, mit Füllungen aus Fleisch, Käse, Spinat und selbst Kürbis. Sie kommen als Tortellini, Tortelli, Tortelloni und jedenfalls in ansehnlichen Portionen auf den Tisch.

So räkelt sich Bologna seit Jahrhunderten im Schoß der Alma mater, der "nährenden Mutter". Wozu auch die Studenten ihr Scherflein beigetragen haben. "Ein voller Bauch studiert nicht gern", ist keine Bologneser, sondern eine römische Weisheit. In Aussicht auf den lukrativen Notarberuf kommen seit jeher Kinder wohlhabender Familien von dies- und jenseits der Alpen zum juristischen Studium nach Bologna. Und die jungen Leute, die in den Anfangsjahren der Universität auch mit Dienerschaft anreisten, haben nicht zuletzt die Gastronomie und das Modegeschäft in der Stadt angekurbelt.

Die erste Universität des Abendlandes, nach offiziellen Angaben bereits im Jahre 1088 gegründet, war zunächst eine reine Rechtsschule. Theologie, Medizin oder Philosophie wurden in Bologna - anders als in Paris - erst wesentlich später aufgenommen. Die Rechtsschule aber verstand sich von Beginn an als Universität der Studenten die ihren Lehrer nach Gusto wählten. Dafür machten sie mitunter lange Reisen, kamen aus ganz Europa in die Stadt.

Wenn sie ihren Professor schließlich gefunden hatten, den sie selbstverständlich auch bezahlten, blieben sie ihm über viele Jahre, manchmal ein Leben lang verbunden. Der Professor verstand sich dem entsprechend als Lehrer. Er unterrichtete in seiner Privatwohnung oder hatte das Glück, in einem der Klöster einen Raum für den Unterricht zu finden. Eigene Universitätsgebäude bezogen die Akademiker erst Jahrhunderte später.

Der Rechtsgelehrte sprach aber nicht lediglich vom Katheder aus zu den Studenten, die in seltenen Fällen über Abschriften einiger Gesetzestexte verfügten. Wenn es um die Auslegung der Gesetze ging, konfrontierte er sie auch mit erdachten Rechtsstreitigkeiten. Dann trat er selbst in den Hintergrund und ließ die Schüler den Fall als Kläger und Verteidiger erörtern. Diese Methode genießt heute auch bei uns wieder wachsenden Zuspruch: Studenten verschiedener Hochschulen messen sich inzwischen bei beliebten, europaweiten Wettbewerben in fiktiven Fällen argumentativ miteinander.

Die Bedeutung der juristischen Studien hing mit der wachsenden wirtschaftlichen und politischen Macht der Stadt Bologna zusammen. Der in Ober- und Mittelitalien blühende internationale Handel steigerte das Bedürfnis nach rechtlicher Sicherheit, die nicht ohne weiteres zu erlangen war. Die Kenntnisse um die Auslegung und Veränderung des Römischen Rechts waren mit den Jahrhunderten versickert. Seit den Tagen Kaiser Justinians, in denen es noch akademischen Rechtsunterricht gegeben hatte, waren 600 Jahre verstrichen.

In Bologna widmeten sich Gelehrte im 11. Jahrhundert dem Studium der in die Stadt gelangten Rechtsschriften. Als erster soll Pepone mit der Sammlung und Glossierung des Römischen Rechts begonnen haben. Über ihn ist jedoch wenig bekannt geworden. Und so gilt heute Irnerius als erster Rechtslehrer in Bologna, der frei und unabhängig von kirchlichen Schulen das Zivilrecht unterrichtete. Etwa von Mitte des 12. Jahrhunderts an kam dann mit dem Kirchenrecht, der Kanonistik, ein zweiter Studiengang hinzu.

Die Dozenten erwarben sich schnell hohes Ansehen in Europa und im öffentlichen Leben der Stadt. Pyramidenförmige Denkmäler wie die Glossatorengräber vor den Kirchen S. Francesco oder S. Domenico geben noch heute ein prächtiges Zeugnis davon. Dass sich die zunächst rein privat organisierte Bologneser Rechtsschule behaupten konnte, lag auch daran, dass die Rechtsdoktoren und Studenten bald etliche Privilegien erhielten.

Hier sei nur der Schutz der weniger wohlhabenden Studenten vor Mietwucher erwähnt. Ihre reicheren Kommilitonen überboten sie schlicht bei der Suche nach einem der rar gewordenen Quartiere innerhalb der erweiterten Stadtmauern. Auf päpstliche Anordnung hin wurde dies unter Androhung der Exkommunikation verboten. Diese Regelung wandelte die Stadt Bologna in eine bis dato nie dagewesene kontrollierte Mietpreisbindung um.

Eine außerordentlich bildungsfreundliche Wohnungspolitik, von der sich mancher Student auch heute ein wenig mehr wünschte. Denn die Wohnungsknappheit hat die Universitätsgeschichte Bolognas bis in diese Tage hinein begleitet. Allein 16 000 Erstsemester suchten im vergangenen Jahr auf dem Wohnungsmarkt nach einer bezahlbaren Bleibe. Viele von ihnen teilen sich ein Zimmer zu zweit oder zu dritt. Andere haben nur eine Fünf-Tage-Unterkunft von Montag bis Freitag und fahren am Wochenende zur Familie. Dennoch bezahlen sie für ihren Schlafplatz ("posto letto") oder die kurze Woche ("settimana corta") etwa so viel wie Berliner Studenten für eine kleine Einzimmerwohnung.

Trotzdem ist die Zahl der Studenten in Bologna rapide gestiegen. Knapp 100 000 kommen inzwischen hierher, um etwa an der traditionsreichen juristischen oder medizinischen Fakultät zu studieren. Copy-Shops haben die einstigen Schreibstuben verdrängt, Schnellimbisse so manches Restaurant. Das Bild der von Laubengängen durchzogenen, verkehrsberuhigten Innenstadt haben sie nicht verändert.

Gerade darin liegt auch der besondere Charme Bolognas und vieler Nachbarstädte in der Emilia Romagna: in der Kunst, Neues in gewachsene Strukturen zu integrieren. Der noch nicht abgeschlossone Bau der neuen Stadtbibliothek, einem künftigen Zufluchtsort auch für so manchen Studenten, macht dies deutlich.

Der Besucher betritt von der zentralen Piazza Maggiore aus zunächst eine lichtdurchflutete Säulenhalle, die einstige Börse. Durch den gläsernen Fußboden dieser "Sala Borsa" hindurch blickt er auf die Fundamente des Forum Romanums und des Botanischen Gartens, der sich bis ins 18. Jahrhundert hinein bis zum Domvorplatz erstreckte. An die offene Halle und die Galerien im ersten und zweiten Stockwerk schließen sich Lese-, Computersäle und Multimedia-Räume an.

So schaut Bologna, die Gelehrte, ins neue Jahrhundert und, von der Galerie hinunter, Jahrhunderte zurück. "Ciao dottore", ruft sie dem Akademiker zu, etwas antiquiert, aber jederzeit bereit zu einem Plausch. Wer hierher kommt, sich zu bilden, ist gern gesehen.

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