Gesundheit : Klaus Rajewsky im Interview: "Bei uns wird man wegen des Alters diskriminiert"

In dem Alter[in dem man sich normalerweise zur Ru]

Klaus Rajewsky (64) ist Immunforscher am Institut für Genetik der Kölner Universität. Der Mediziner erforscht die Ursachen von Lymphomen (Lymphknotenkrebs) und hat ein Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe Gene bei Mäusen an- oder ausgeschaltet werden können.

In dem Alter, in dem man sich normalerweise zur Ruhe setzt, drehen Sie den Spieß um. Mit 64 Jahren verlassen Sie mit einigen Mitarbeitern das Institut für Genetik in Köln und gehen an die Harvard Medical School nach Boston.

In Deutschland wird man eben mit 65 als Professor emeritiert. Aber ich habe noch keine Lust aufzuhören, und ich halte es für einen Fehler, dass man wegen seines Alters diskriminiert wird. An der Harvard-Universität hat man mir dagegen einen unbegrenzten Job angeboten, dort kennt man Regelungen wie die in Deutschland oder anderswo in Europa nicht. Ich habe gute Freunde in Amerika, und die Umgebung ist extrem interessant. Da habe ich gedacht, dann mache ich das halt mal.

Auch in Köln hätten Sie ja weiterarbeiten können.

Das stimmt schon, aber wenn man erstmal emeritiert ist, gilt man als jemand, der doch besser ans Aufhören denken sollte. Man hat mir ein sehr freundliches Angebot gemacht, aber es wird doch alles anders, wenn man emeritiert ist. Ich wollte einfach diese Abschiedskämpfe vermeiden.

Und auch selber noch die Hand am Drücker haben.

Ich will gern mit meiner Forschergruppe so weitermachen wie bisher. Das geht in den USA. Dort fragt man nicht: Ist er zu alt? Sondern: Was macht er, ist die Forschung interessant? Darauf kommt es dort an.

Fällt es Ihnen schwer, aus Deutschland wegzugehen?

Ja und nein. Ich habe natürlich Bekannte und Freunde hier, Familie, eine wundervolle Arbeitsgruppe, und das Leben ist schön geordnet. Und ich bin schließlich Europäer! In Amerika ist das Leben chaotischer. Und nachdem man 40 Jahre lang so etwas aufgebaut hat wie ich in Köln Immunologie und Mausgenetik, ist es ein großer Schritt, nun die Zelte abzubrechen und neu anzufangen. Das ist wirklich echter Stress.

Vor 15 Jahren galt die Erforschung der Körperabwehr vielen als Königsweg, um einmal unheilbare Krankheiten kurieren zu können - ungefähr so wie heute die Genforschung. Haben die Hoffnungen getrogen?

Das sehe ich völlig anders. In den USA wird in die Immunologie außerordentlich stark investiert. In Harvard gibt es eine blühende Immunologie und viele Kollegen aus Europa sind dort. Warum denken Sie, dass die Immunologie in der Krise steckt?

Nehmen Sie das Beispiel der Antikörper-Therapie. Da hat es eine Reihe von Rückschlägen gegeben.

Es hat sich herausgestellt, dass vieles in der Praxis komplizierter ist als man denkt. Aber es gibt ja mittlerweile Antikörper-Therapien, die mit gutem Erfolg bei bestimmten Krebsarten eingesetzt werden. Es ist wirklich eine sehr interessante Frage, inwieweit man das Immunsystem für die Krebsbehandlung ausnutzen kann. Auf der anderen Seite ist das Immunsystem auch an der Krankheitsentstehung beteiligt, denken Sie an Autoimmunerkrankungen und bestimmte Tumoren. Und dann die ganze Frage der Impfstoffentwicklung gegen Infektionskrankheiten, die sich ja dauernd ausbreiten. Sie sehen, das Immunsystem ist ein zentrales Thema und so interessant wie je.

Aber in Europa wurde gerade das angesehene Basel-Institut für Immunologie geschlossen ...

Das war meiner Ansicht nach eine katastrophale Fehlentscheidung. Das, was da jetzt anstelle dieses wundervollen Instituts entsteht, ist so eine Feld,- Wald- und Wiesen-Genomics-Initiative, von denen es Hunderte gibt. Wenn man die Genfunktion rauskriegen will, dann muss man zurück zur Biologie. Ob man das jetzt eher in so einem Institut mit Computern und mit Bioinformatik erreicht, oder in einem Institut, wo biologische Systeme bearbeitet werden, das ist doch zumindest eine interessante Frage.

Die Bundesregierung setzt ja eher auf Genomforschung großen Stils mit einem umfangreichen Maschinenpark, zuletzt gefördert mit 350 Millionen aus UMTS-Zinserlösen, verteilt auf drei Jahre.

Das fand ich extrem problematisch. Denn man braucht gute Forschungsvorhaben, die auch harten Qualitätsmaßstäben gewachsen sind. Die erste Regel beim Reinschleusen von Geld in Wissenschaft, das ist die Exzellenz. Wenn ich in Amerika die Geldverteilung so sehe, dann muss ich sagen: das ist hart, was mich da erwartet. Da liegen die Latten hoch. Und dann das zweite Problem: man kann leicht Geld in Technik stecken. Maschinen kosten viel Geld. Aber die Frage, die dann leicht in den Hintergrund tritt, lautet: Was sind jetzt eigentlich die Probleme, die man wirklich lösen will? Man glaubt, man kann die hypothesengetriebene Forschung in der Biologie durch eine Art Sammelaktion von Genen ersetzen. Das ist ein fundamentales Missverständnis.

Aber es gibt natürlich Forscher, die sagen, man kann nur über einen solchen systematischen neuen Ansatz die Komplexität des Lebens verstehen, also ein ganzes Netzwerk von biologischen Molekülen enträtseln.

Ich bin dafür, das Genom zu sequenzieren. Aber diese Arbeiten werden bald abgeschlossen sein. Und dann wird die große Frage sein: Wie kommt man jetzt von diesen genetischen Informationen zu wirklichen Einsichten? Das Studium eines einzigen Genprodukts, eines Proteins, beschäftigt einen Wissenschaftler oft über Jahre. Ich glaube nicht, dass man jetzt ein Stadium erreicht hat, wo es darauf nicht mehr ankommt.

In Deutschland wird ja zurzeit lebhaft über Gentechnik, Präimplantationsdiagnostik und Stammzellen diskutiert. Wie stehen Sie dazu?

Ich sehe, dass die Stammzellforschung wirklich sehr interessant ist. Es hat sich herausgestellt, dass es auch im erwachsenen Organismus viel mehr Stammzellen gibt als gedacht und dass diese unerwartet flexibel in ihren Entwicklungsmöglichkeiten sind. Aber ich denke, dass man auch die embryonalen Stammzellen als eine sehr interessante Art von Zellen mit großem therapeutischen Potenzial studieren sollte. Der Vorschlag der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in sehr beschränktem Umfang auch die Untersuchung menschlicher embryonaler Stammzellen zu erlauben, ist sehr moderat. Die Interpretation, dass da Schleusen geöffnet würden, fand ich nicht fair. Die Stellungnahme der Deutschen Forschungsgemeinschaft zeugt von außerordentlicher Vorsicht.

Sie würden dafür plädieren, in beschränktem Umfang mit menschlichen embryonalen Stammzellen zu forschen?

Ich kann sehr gut verstehen, dass Leute gegen diese Art von Experimenten sehr große Bedenken haben. Man muss die Sache wirklich limitieren und darf nicht in ein Fahrwasser kommen, wo man letzten Endes menschliche Embryonen herstellt, um damit zu forschen. Das fände ich ganz fatal. Man muss die Grenzen eng ziehen und verantwortlich damit umgehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar