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Reformgegner will Großschreibung kippen – der Rechtschreibrat könnte zustimmen

Amory Burchard

Die Rechtschreibreform könnte in weiteren Teilen zurückgenommen werden, als bisher abzusehen war – wenn sich Reformgegner Theodor Ickler durchsetzt. Der Sprachwissenschaftler, Emeritus der Universität Erlangen-Nürnberg, will nach Informationen des Tagesspiegels dafür sorgen, dass sich der Rat für deutsche Rechtschreibung ab sofort auch mit der Groß- und Kleinschreibung und mit der Laut-Buchstaben-Zuordnung befasst. Aus Kommentaren, die Ickler bei der morgigen Sitzung des Rates für deutsche Rechtschreibung vorlegen will, geht hervor: Reformschreibweisen wie im Allgemeinen, gestern Abend, Pleite gehen, Diät leben oder Stängel, platzieren und Zierrat sind nach Auffassung Icklers grammatisch falsch – oder schlicht „schlechtes Deutsch“. Ickler will eine Rückkehr zu den alten Schreibweisen erreichen.

Auch bei ss- und ß-Schreibungen sollten wieder die alten Regeln aus der Zeit vor der Rechtschreibreform von 1996 gelten. Wie der Tagesspiegel erfuhr, will Ickler in Mannheim zwei neue Arbeitsgruppen zu diesen Themen beantragen.

Der Vorsitzende des Rates, der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Zehetmair, unterstützt Ickler. Einige der neuen Schreibweisen bei der Groß- und Kleinschreibung „kann man zu Recht hinterfragen“, sagte Zehetmair.

Änderungen auch in der Laut-Buchstaben-Zuordnung lehnt Zehetmair dagegen zum gegenwärtigen Zeitpunkt ab. Man dürfe den Rat nicht mit einer weiteren Arbeitsgruppe überfordern – und „Ansprüche nicht überborden lassen“.

Wäre die Rechtschreibreform weitgehend aufgehoben, wenn sich Ickler bei der Groß- und Kleinschreibung durchsetzen würde? Schließlich hat der Rat im Juli bereits empfohlen, vieles in der Getrennt- und Zusammenschreibung zu revidieren (leidtun statt Leid tun, eislaufen statt Eis laufen). Beide Bereiche sind in der Rechtschreibreform zentral. Auch bei der Getrennt- und Zusammenschreibung hatten die Experten besonders für Schüler eingängige Regeln wie „Verb und Verb schreibt man stets getrennt“ empfohlen. Und bei der Groß- und Kleinschreibung steht jetzt die einfache Regel, dass man alle substantivierten Wörter großschreibt, zur Disposition. „Den Eindruck, dass alles zurückgedreht wird, müssen wir verhindern“, sagt Zehetmair. Dafür würde sich in dem 39-köpfigen Rat keine Zweidrittel-Mehrheit finden. Auch die Geschäftsführerin des Rates für deutsche Rechtschreibung, Kerstin Güthert, geht davon aus, dass eventuelle Änderungen in der Groß- und Kleinschreibung „nicht so komplex“ wären wie bei der Getrennt- und Zusammenschreibung.

Trotzdem: Sollte der Rat Ickler bei der Groß- und Kleinschreibung folgen, droht ein Konflikt mit der Konferenz der Kultusminister (KMK), die den Rat Ende 2004 einberufen hatte. Schreibweisen wie im Allgemeinen und heute Abend sowie die Laut-Buchstaben-Zuordnung sind von der KMK als „unstrittig“ gesetzt und sollten vom Rat vorerst nicht behandelt werden. Denn seit dem Beginn des Schuljahres sind diese Rechtschreibregeln an den Schulen in 14 Bundesländern verbindlich in Kraft getreten: Fehler, die Schüler bei der Groß- und Kleinschreibung, bei der Laut-Buchstaben-Zuordnung und auch bei der Bindestrich-Schreibung machen, werden jetzt als Fehler gewertet und nicht mehr nur angestrichen.

Bayern und Nordrhein-Westfalen hatten sich im Juli entschieden, die Übergangsfrist, in der Fehler nur angestrichen werden, bis 2006 zu verlängern. Auch der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff hatte die Hoffnung geäußert, dass sich der Rat für deutsche Rechtschreibung auch noch mit der Groß- und Kleinschreibung befassen würde.

Bis zum Frühjahr 2006 stehen über die Getrennt- und Zusammenschreibung hinaus ausschließlich umstrittene Neuregelungen der Interpunktion und der Silbentrennung auf dem offiziellen Programm. Weitere Änderungen soll der Rat erst diskutieren, wenn die ganze Rechtschreibreform zum 1. August 2006 bundesweit an allen Schulen verbindlich eingeführt wird. Dann soll der zunächst für sechs Jahre bestellte Rat die zweite Phase seiner Arbeit starten, in der er die Sprachentwicklung beobachtet und kleinere Änderungen der Regeln empfiehlt.

Selbst unter reformfreundlichen Ratsmitgliedern wird aber damit gerechnet, dass sich Ickler zumindest mit der Arbeitsgruppe für die Groß- und Kleinschreibung durchsetzt. Schreibweisen wie im Übrigen oder auch die Kleinschreibung des du in Briefanreden seien in der Öffentlichkeit so unbeliebt, dass man nicht darüber hinweggehen könne, ist zu hören. Geschäftsführerin Kerstin Güthert hält es für wahrscheinlich, dass der Rat das Thema trotz des Widerstandes der KMK angeht: „Wir möchten eine Regelung empfehlen, die dann auch wirklich auf viele Jahre trägt.“

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