Gesundheit : "Kleine Utopien verwirklichen"

DANIEL D.ECKERT

Kann man wahren Unternehmergeist lernen? Geht es nach den zahlreichen Management-Lehrern in den USA, lautet die klare Antwort: Ja! Jenseits des Atlantiks hat die "Entrepreneurship Education", die universitäre Ausbildung von Firmengründern, in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom erfahren.Einer ihrer Professoren, Bill Bygrave vom Babson College in Boston, kam am vergangenen Freitag nach Berlin, um zu erklären, wie man Unternehmer macht.

Am Anfang steht Bygrave zufolge die "idea generation", also die Entwicklung einer zukunftsträchtigen Geschäftsidee."Kreativität ist die wichtigste Fähigkeit eines Entrepreneurs", erklärt er.Doch sie ist nicht alles.Keine Geschäftsidee funktioniert ohne Business Plan, also einer Liquiditäts- und Wachstumsplanung.Die meisten Konkurse würden nicht durch eine übermächtige Konkurrenz verschuldet, sondern durch vermeidbare, interne Planungsmängel, sagt Bygrave.Deshalb begnügt man sich am Babson College nicht mit der Vermittlung theoretischen Wissens.Im zweiten Studienjahr erhält jeder Studierende dreitausend Dollar, um ein eigenes unternehmerisches Vorhaben auf die Beine zu stellen.Der Andrang auf das Ausbildungsangebot ist groß.Die Studierenden in den USA wollten immer häufiger eine eigene Firma aufmachen statt eine Stelle bei einem großen Konzern anzunehmen, so Bygrave.Auch aus seinen Seminaren ist schon so mancher erfolgreiche Unternehmer hervorgegangen, beispielsweise Ben Narasin, der Vater des Softwarehauses Fashion-Mall.

Zur Zeit sind etwa 1600 junge Männer und Frauen am Babson College für "Entrepreneurship Education" eingeschrieben.Die Auswahl der Studierenden erfolgt streng nach den Schulnoten.Und wer die hochschulinterne Eignungsprüfung erfolgreich abgelegt hat, darf sich noch Gedanken darüber machen, wie er die insgesamt 80 000 Dollar Studiengebühren aufbringt.

Auch in Deutschland hat man die Vorteile der Gründerausbildung entdeckt.Allerdings habe die Disziplin gegen eine "hundertfünfzigjährige Tradition der Verdammung des Unternehmers" anzukämpfen, so Professor Günter Faltin von der Freien Universität."Die Mentalität beginnt sich erst langsam zu wandeln", meint der Wirtschaftswissenschafter.Dabei biete unternehmerisches Engagement eine Möglichkeit, "kleine Utopien zu verwirklichen"."Das ganze kritische Potential vom ökologischen Denken bis hin zum Ruf nach mehr sozialer Gerechtigkeit kann hier eingebracht werden."

Bis zur typisch amerikanischen Wertschätzung des freien Unternehmers sei es noch ein weiter Weg, so Faltin.Als er mit seinen Studentinnen und Studenten vor dreizehn Jahren eine Firma ins Leben rief, um theoretisches Wissen an der Praxis zu erproben, mußte er das quasi heimlich tun: im Keller eines FU-Gebäudes.Inzwischen erzielt die "Teekampagne" einen Jahresumsatz von rund fünfzehn Millionen DM und ist als größter Importeur für Darjeeling-Tee fest auf dem Markt etabliert.So setzt Günter Faltin auf den Vorbild-Effekt.Auf lange Sicht, hofft er, werde die deutsche Unart verschwinden, wirtschaftlichen Erfolg mit Rücksichtslosigkeit gleichzusetzen.Faltin selber vergleicht den Unternehmer mit einem Künstler: Beide schöpften ihre Ideen aus dem kreativen Chaos.

Dem stimmt auch Bill Bygrave zu.Neben der Fähigkeit zum kreativen Chaos nennt er noch eine zweite Charaktereigenschaft, die für einen Existenzgründer unerläßlich ist: die Bereitschaft zum Risiko.Bygrave zufolge darf sich ein Entrepreneur von der Gefahr des möglichen Scheiterns nicht abschrecken lassen: "Jedermann hat das Recht, einen Konkurs zu machen, ohne daß er dafür sein Leben lang als Versager gilt."

Informationen zum Babson College gibt es unter http://www.babson.edu/entrep

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