Gesundheit : Kleiner, laß mich nicht hängen

JANA HENSCHEL

Serie Studentenjobs: Ein Abend als Babysitterin, oder: Muß ich meinen Kinderwunsch überdenken?VON JANA HENSCHELBabysitting ist einer der besten Studentenjobs.Man vergnügt sich spielend mit dem Kind auf dem Sofa und verdient sein Geld sogar, wenn der Wurm schläft und man fernsehen oder lernen kann.Das dachte ich zumindest, bis ich zu Hans kam.Dabei fing es so friedlich an...Der Kleine sitzt artig auf meinem Arm und verfolgt seine Mama, die mir viele gute Ratschläge gibt: Wenn er weint, braucht er frische Windeln, hat Durst oder verlangt nach einer Fahrt mit dem Kinderwagen.Tee steht bereits vorsorglich auf dem Wohnzimmertisch, daneben auch ein Zettel mit "Notfall-Telefonnummern" des Papas und der Nachbarin.Na, so weit würde es nicht kommen.Eben hatte mich der süße Fratz angelacht. Geschafft von den vielen Anweisungen steht die Mutter schließlich im Flur und knöpft sich mit wehmütigem Blick die Jacke zu."Guck nicht so, Hänschen, sind doch nur drei Stunden." Also, ich finde, Hans guckt normal, und so schicke ich sie mit beruhigenden Worten zur Tür hinaus.Da stehe ich mit dem Pflegekind.Und das scheint gerade einen Plan auszuhecken.Denn binnen weniger Minuten verfinstert sich seine Miene und Hans fängt an zu glucksen.Rasch schwillt das Geräusch zu einem ohrenbetäubenden Geschrei an.Alles Wiegen, Streicheln, Küssen und Kitzeln hilft nicht - das Gezeter gewinnt an Energie. Also los, Mädel.Bevor die hilfsbereiten Nachbarn antanzen, muß du das Kind zur Ruhe bringen.So marschiere ich durch die Räume.Ohne Erfolg - vielleicht ist die Rennerei zuviel.Schauen wir eben aus dem Fenster.Doch die Vögel draußen scheinen genauso uninteressant zu sein wie mein Grimassenschneiden, das komplette Spielzeug und unser Spiegelbild.Hans will nicht auf meinem Arm sein, Hans will nicht sitzen.Liegen sowieso nicht.Geduldig erkläre ich ihm beim Naseputzen, daß die Mama gleich zurück ist."Mäuschen, willst du nicht mal ganz lieb sein?" bettele ich.Doch Mäuschen will nicht ganz lieb sein.Mäuschen holt gerade tief Luft für den nächsten Brüller und zappelt dazu ordentlich. Also - wie war das, wenn er weint? Ich halte den Kleinen in die Höhe und grabe meine Nase in seinen dickumwindelten Baby-Po.Naja...Also Pullover und Socken aus, Strampler runter, Windel auf - falscher Alarm.Allerdings gibt Hans in diesem Moment ein aufschlußreiches, geruchsbegleitetes Geräusch von sich.Den Tee will er nicht.Blieben noch die Telefonnummern...die Blöße kann ich mir auch später noch geben.Los, Kleiner, laß mich nicht hängen.Für die Spazierfahrt müßte er in den Kinderwagen.Doch ihn da ruhig hinein zu kriegen, ist alles andere als leicht und klappt nicht mal mit "Schlaf, Kindchen, schlaf".Ich werde es mit richtiger Musik versuchen.Angeblich soll Klassik eine beruhigende Wirkung auf Babies haben.Bis zur CD-Sammlung meiner Arbeitgeber komme ich nicht mehr.Denn gerade zerrinnt auf meinem Pullover eine warme bräunliche und nach Karotte riechende Flüssigkeit.Er hat doch nicht etwa?...Er hat! Ach ja, dafür hatte mir seine Mutter einen Stapel frisch gewaschener Stofftücher hingelegt.Damit wische ich nun das Mündchen ab, was mit unwirschem Strampeln und einen ausgiebigen Rülpser honoriert wird.Prost, Hans.Langsam wird der kleine Mann auf meinem Arm schwer und ich sinke geschafft auf die Couch.Ich streichele dem Quälgeist das Gesicht, kitzele seine Fußsohlen, lache ihn an.Doch Hans brüllt wie am Spieß.Bis sich bei mir die ersten Minderwertigkeitsgefühle einstellen: Bei den anderen Babysittern soll er nie geschrien haben.Bin ich denn so eine schlechte Ersatzmama? Sollte ich den Wunsch nach gleich drei Kindern gründlich überdenken? Und endlich - der Fernseher schafft, was ich seit neunzig Minuten versuchte.Bei Beverly Hills gibt der Kleine die ersehnte Ruhe.Na bitte.Kinder haben eben doch die gleichen Bedürfnisse wie Studenten.Fünf Minuten Stille.Beim nächsten Heulanfall versuchte ich es mit Strenge: "Neein, neeein, neeeein.Wer wird denn schon wieder weinen?" Schließlich hatte ich die positive Wirkung dieser Worte schon bei anderen Babies beobachtet.Bei Hans schlagen sie fehl.Hans schreit und schreit und schreit und über sein pausbäckiges Gesicht kullern dicke Tränen.Was kann er nur haben? Ob ihm heiß ist in seinem mittlerweile arg bespuckten Strickpulli? Also Pulli aus, kratzt am Gesicht, Brüllen wird lauter, hält an, wird energischer.Griff in meine Haare.Au, schon verstanden, Pulli wieder an, beim Strampeln eine Socke verloren.Zum Dank fürs Anziehen gibt es die nächste Ladung halbverdauten Möhrenbrei.Dann klingelt das Telefon, ist bestimmt die Mama von Hans.Wenn ich bei der Geräuschkulisse abhebe, hat sie keine Ruhe mehr.Enfach ignorieren.Hans hilft dabei und schreit lauter, bis das Klingeln des Telefons verstummt.Ich schaukele erneut den Jungen durch alle Zimmer und singe ihm was vor - an der Lautstärke seiner Stimme ändert sich nichts. Doch dann - ein paar Minuten später in der dunklen Küche - scheint er den Anstrengungen des Nachmittags nicht mehr gewachsen zu sein.Völlig erschöpft sinkt das Köpfchen auf meine bekleckerte Schulter.Die Atemzüge werden regelmäßiger, das Glucksen seltener.Nur nicht bewegen.Gerade fange ich an, den Kleinen wieder zu mögen, als seine Mutter die Tür aufschließt."Ach, ist der artig.Toll, daß ihr so prima zurechtgekommen seid." Danke Hans.Alles was ich jetzt noch brauche ist ein heißes Bad, eine Aspirin und ein Telefon, um die Kneipentour für heute abend abzusagen. Wer noch Mut zum Babysitten hat, findet Angebote bei kinderreichen Bekannten, im Anzeigenteil von Tageszeitungen und Stadtmagazinen oder direkt bei Babysitting-Agenturen (Gelbe Seiten).

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