Gesundheit : Klimagipfel: Der Rückgang des ewigen Eises

Thomas de Padova

Ein Beweis, der keiner ist, hat manchmal größere Wirkung als alle wissenschaftlich gesicherten Fakten zusammen. So wissen seit vergangenem Sommer viele Menschen, dass das Eis in der Arktis zu schmelzen begonnen hat. Damals stieß eine Touristengruppe am Nordpol auf eine 1,5 Kilometer breite Wasserrinne. Nicht einmal eine Scholle fand sich am vermeintlich kältesten Punkt der Erde, um das Schiff verlassen und ein Foto machen zu können.

Die Pfütze am Nordpol war für die Touristen enttäuschend, für die Menschheit jedoch kein Grund zur Beunruhigung. Immer wieder reißt das Meereis in der Arktis auf. Es ist kaum dicker als drei Meter, Wind und Meeresströmungen zerren daran. Warum sollte sich nicht auch einmal am Nordpol eine Wasserstraße auftun?

Forscher sind vorsichtige Menschen. Aber da das Eis nun einmal gebrochen war, fiel es ihnen leicht, die Aufmerksamkeit auf die langsame Erwärmung der Arktis zu lenken. Der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) schreibt in seinem neuesten Forschungsbericht, dass das arktische Meereis seit den 50er Jahren deutlich dünner geworden ist. Auch die Fläche, die dort im Sommer noch mit Eis bedeckt ist, ist um bis zu 15 Prozent zurückgegangen.

In Teilen Alaskas und in den Polargebieten Eurasiens sind die Wintertemperaturen im gleichen Zeitraum um sechs Grad gestiegen, stellte Mark Serreze von der Universität von Colorado in Boulder fest. Derweil dringen Birken und Weiden immer weiter nach Nordalaska vor, wie Forscher nun im Wissenschaftsmagazin "Nature" (Band 411, Seite 546) dokumentiert haben. Und auch Flüsse und Seen bleiben in den höheren Breiten der Nordhemisphäre längst nicht mehr so lange vereist wie noch in den 60er Jahren: Die Frostperiode hat sich um zwei Wochen pro Jahr verkürzt.

Das alles sind deutliche klimatische Veränderungen. Sie können nicht mehr allein durch natürliche Schwankungen erklärt werden, sondern zeugen nach Ansicht vieler Experten bereits vom Einfluss des Menschen und der Emission von Abgasen wie Kohlendioxid. Den Klimamodellen zufolge sollte die Arktis besonders sensibel auf eine globale Erwärmung reagieren.

Dies könnte auch auf unsere Breiten Auswirkungen haben. Auf Grönland liegt ein Zehntel des Festlandeises der Erde. Würde es schmelzen, dann stiege der Wasserpegel der Ozeane um etliche Meter.

Bislang ändert sich der Meeresspiegel recht langsam. Um rund 15 Zentimeter hat sich der Pegelstand der Ozeane im vergangenen Jahrhundert erhöht. Bis 2100 könnten bis zu 90 Zentimeter hinzukommen, heißt es im IPCC-Report. Das würde den Untergang mancher Inseln und die weiträumige Überflutung von Ländern wie Bangladesch bedeuten. Auch Norddeutschland bekäme die Folgen zu spüren.

Das Schmelzen der Arktis trägt voraussichtlich wenig zu diesem Anstieg bei. Zwar taut das Eis an den Rändern Grönlands. Gleichzeitig, kommt es bei höheren Temperaturen aber zu mehr Niederschlägen. Sie legen sich als frisches Eis auf die bis zu 3000 Metern hohe Schnee- und Eisdecke im Inland.

Einen höheren Beitrag zum Meeresspiegel-Anstieg liefern dagegen die Ausdehnung des inzwischen schon messbar erwärmten Ozeanwassers und der Rückgang der Gletscher in den nichtpolaren Gebieten der Erde, etwa in Spanien oder in Teilen Südamerikas. Auf Afrikas höchstem Berg, dem Kilimandscharo, sind seit Beginn des 20. Jahrhunderts über 80 Prozent des Eises verschwunden.

Von den ewigen Eisfeldern der Erde bleibt bei anhaltendem Treibhauseffekt allein die Südpolregion vorerst unbeschadet. Dort könnten sich vermehrte Niederschläge sogar als Segen für die Menschheit erweisen. Denn dadurch nimmt die Antarktis bis auf weiteres mehr Eis auf, als sie an den Rändern verliert. Es ist dort so kalt, dass eine Erwärmung um wenige Zehntel Grad kaum stärkere Schmelzen nach sich zieht. Die Antarktis scheint den bedrohlichen Meeresspiegelanstieg einstweilen ein wenig abzufedern.

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