Gesundheit : „Klonen – ein Albtraum“

Oliver Brüstle über die Ziele der Forschung mit Stammzellen

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Das RobertKoch-Institut hat Ihrem Antrag auf die Einfuhr embyronaler Stammzellen soeben stattgegeben. Was bedeutet das für Sie?

Wir sind natürlich erleichtert und froh, dass es jetzt endlich losgehen kann. Die ganz große Begeisterung ist nicht ausgebrochen, weil wir einfach schon eine mehr als zweijährige Wartezeit hinter uns haben. Dennoch freuen wir uns, dass wir ein klares Signal bekommen haben und bald, das heißt im Lauf des Januars, mit diesen Arbeiten in Bonn beginnen können.

Was werden Sie erforschen?

Uns geht es darum, Vorläuferzellen des Gehirns und des Rückenmarks aus diesen Stammzellen zu gewinnen. Mit dem langfristigen Ziel, aus Stammzellen gewonnene Nerven und Stützzellen für die Reparatur am Nervensystem, am Gehirn und am Rückenmark einzusetzen. Das ist interessant für Leiden wie die Parkinsonsche Erkrankung, aber auch für Krankheiten, bei denen die Stützzellen betroffen sind, etwa der Multiplen Sklerose. Außerdem interessieren wir uns für Leiden, bei denen bestimmte Stoffe im Gehirn ausfallen. Für diese Speichererkrankungen laufen im Moment Experimente an Tiermodellen, die wir gern auf menschliche Zellen ausweiten würden.

Wann werden am Menschen selber Zellen erprobt werden?

Das wird noch einige Zeit dauern. Wir gehen davon aus, dass fünf bis zehn Jahre intensiver Grundlagenarbeit an diesen menschlichen embyronalen Stammzellen notwendig sein werden, um abschätzen zu können, für welche Erkrankungen sie zum Einsatz kommen können. Und um abschätzen zu können, wie die embryonalen Zellen im Vergleich zu den adulten Zellen dastehen, also zu Zellen, die aus Erwachsenen gewonnen wurden. Mit der medizinischen Erprobung der Zellen am Kranken ist in den nächsten fünf Jahren noch nicht zu rechnen. Es ist ganz wichtig, auch jetzt zu betonen: Allein die Verfügbarkeit dieser Zellen auch bei uns bedeutet noch keine Behandlungsgarantie. Es geht darum, die Grundlagen dieser Technologie systematisch zu erarbeiten.

Wie sehen Sie das deutsche Stammzellgesetz?

Das Gesetz stellt sicher den bestmöglichen Kompromiss nach dieser doch sehr hitzigen Diskussion dar. Es ermöglicht die Arbeit an etablierten Stammzellen und bietet damit die Gelegenheit, die drängendsten Fragen zu beantworten, nämlich die nach der Übertragbarkeit der an Tieren erzielten Ergebnisse auf den Menschen. Langfristig könnte die Stichtagsregelung ein Problem werden. Denn das Gesetz schreibt vor, dass keine neuen Zelllinien mehr in die deutsche Forschung Eingang finden können. Das könnte schwierig werden, wenn bessere Zelllinien zur Verfügung stehen oder wenn bereits erste Schritte in Richtung klinische Anwendung am Patienten gemacht werden. Für diese Anwendungen werden unsere Zellen nicht in Frage kommen, weil sie zusammen mit tierischen Zellen gezüchtet worden sind und das Risiko der Übertragung von tierischen Krankheitserregern zu groß ist.

Wie ist die Situation andernorts in Europa?

In Großbritannien ist die Regelung sehr liberal. Das liegt daran, dass dort in der Vergangenheit sehr intensiv über dieses Thema diskutiert wurde und man sich klar entschieden hat. Dort ist die Forschung an frühen Embryonalstadien, nämlich an befruchteten Eizellen bis zum 14. Tag nach Abschluss der Befruchtung, möglich – wenn auch bislang eher für reproduktionsmedizinische Zwecke. Dieser Rahmen ist sicher sehr weit. Auch in Schweden wird sehr intensiv an embryonalen Stammzellen geforscht, und es werden neue Stammzellen hergestellt. Was die Gesetzeslage angeht, sind wir in Deutschland eher am restriktiven Ende der Skala. Gleichwohl, unsere Regelung trägt den Bedenken vieler Rechnung, die diese Technik sehr gut reglementiert wissen wollen. Und sie eröffnet auf der anderen Seite so viel Spielraum, dass sinnvoll geforscht werden kann. Wir können mit diesem Stammzellgesetz im Moment gut leben. Was die Zukunft bringt, wird auch von den Ergebnissen der Forschung abhängen.

Wie alt ist der Embryo, wenn die Stammzellen gewonnen werden?

Die Stammzellen werden aus dem Keimbläschen gewonnen. Das ist wenige Tage nach Abschluss der Befruchtung. Wenn man es auf die normale Entwicklung übertragen will, ist es ein Stadium, in dem der frühe Embryo sich noch nicht in die Gebärmutter eingenistet hat. Es ist also noch nicht zu einer Schwangerschaft im klassischen Sinn gekommen. Zu diesem Zeitpunkt besteht das 100 bis 200 Zellen umfassende Keimbläschen aus der inneren Zellmasse, das sind die embyronalen Stammzellen, und der Hülle dieses Bläschens, aus der sich später Anteile der Placenta entwickeln.

Die kanadische Ufo-Sekte der Raelianer behauptet, den ersten Menschen geklont zu haben. Wie schätzen Sie das ein?

Die Sekte hat das erreicht, wozu die Meldung vermutlich bestimmt war: Sensationshascherei. Wissenschaftlich dürfte kaum etwas dahinter stehen.

Was halten Sie vom reproduktiven Klonen?

Aus ethischer wie aus medizinischer Sicht ein Albtraum! Für mich ist nicht nachvollziehbar, mit welcher Zielsetzung dies jemand auch nur versuchen würde. Schon aufgrund der enormen medizinischen Risiken sollten derartige Versuche international unter Strafe gestellt werden.

Das Interview führte Hartmut Wewetzer .

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