Gesundheit : Knapp kalkuliert

Die neuen Pisa-Daten kommen früher als geplant – wegen der bevorstehenden Wahl. Was die Länder erwarten

Anja Kühne

Der Bundestagswahlkampf versetzt auch die Pisa-Forscher am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) in Kiel in Hektik. Schon am 14. Juli, zwei Monate früher als geplant, sollen die Ergebnisse für die Bundesländer veröffentlicht werden. Nun müssen sich die Wissenschaftler beeilen, ihre Tabellen zu schreiben. Und weil alles ganz schnell gehen muss, wird die Öffentlichkeit zuerst nur einen Teil von Pisa-E zu Gesicht bekommen. „Nackte Daten“ ohne „Hintergrundberichte und wissenschaftliche Interpretationen“, wie es aus der Kultusministerkonferenz heißt. Gründlichere Erläuterungen soll es erst auf einer Fachtagung im November geben.

Ob das die Wissenschaftler stört? Kritische Kommentare sind den Bildungsforschern nicht zu entlocken. Aber sie haben sich immer gegen die Wahrnehmung der Pisa-Studie als „Bildungsolympiade“ gewehrt. Für die Forscher sind nicht die Ranglisten, auf die sich die Medien stürzen, das Interessanteste. Sie wollen vor allem „Voraussetzungen für weitere Lernprozesse“ beschreiben.

Doch schon immer sind durch Indiskretionen „nackte“ Pisa-Ergebnisse vorab veröffentlicht worden – ohne dass die Bildungsforscher oder auch Politiker sie kommentieren konnten. Gerade im Bundestagswahlkampf wäre es aber vielen umso schwerer gefallen, „dicht zu halten“, heißt es aus der KMK. So entschied man sich einstimmig für die Offensive.

Wird sich die Rangfolge der deutschen Bundesländer beim Pisa-Test diesmal entscheidend ändern? Anders als im Jahr 2000 haben sich diesmal auch Berlin und Hamburg mit einer genügend großen Zahl von Schulen beteiligt, um in die Tabelle einzugehen. Das dürfte die Platzierung in der deutschen Spitzengruppe aber nicht verändern.

In Mathematik, das in diesem Testlauf im Mittelpunkt steht, lagen damals Bayern und Baden-Württemberg als einzige deutsche Länder über dem internationalen Durchschnitt – ohne es aber in die internationale Spitzengruppe zu schaffen, die damals von Japan, Korea, Neuseeland und Finnland angeführt wurde. Berlin darf man auf den hinteren Plätzen vermuten, gemeinsam mit Brandenburg und den anderen Stadtstaaten Bremen und Hamburg.

Allerdings hat sich Deutschland bei der zweiten Pisa-Erhebung, deren internationale Auswertung im vergangenen Dezember veröffentlicht wurde, in Mathematik und den Naturwissenschaften gesteigert. In Mathematik erreichten die deutschen Schüler diesmal den 16. Rang mit 503 Punkten und bewegten sich somit im OECD-Durchschnitt. Bei Pisa 2000 hatten sie mit 490 Punkten einen unterdurchschnittlichen 20. Platz von 29 Ländern belegt. Ein Abstand von 35 bis 40 Punkten entspricht etwa dem Lernzuwachs eines Schuljahres. Besonders die Gruppe der schwachen Gymnasiasten sowie der Gesamt- und Realschüler steigerten sich in Deutschland gegenüber der ersten Pisa-Studie.

Die Pisa-Forscher haben die Leistungszuwächse vor allem mit verstärkten didaktischen Anstrengungen nach TIMSS (Third International Mathematics and Science Study) begründet. Seit 1997 war bekannt, dass deutsche Siebt- und Achtklässler in Mathematik und den Naturwissenschaften bestenfalls durchschnittlich abschneiden, seitdem konnten die Lehrer ihren Unterricht verändern. Bund und Länder reagierten mit dem Programm „Sinus“ (Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts), mit dem inzwischen mehr als 700 Schulen in Deutschland ihren Unterricht reformieren, in einigen Jahren sollen mehrere tausend die neuen Methoden anwenden.

Haben bestimmte Bundesländer besonders viel dazu beigetragen, dass Deutschland diesmal besser dasteht? Wo hat sich das Schulwesen dynamischer entwickelt? Diese Fragen werden im Wahlkampf eine Rolle spielen.

Besonders großer Druck lastet auf Bremen, das bei der ersten Pisa-Studie unter den Bundesländern die rote Laterne hielt. „Die Hoffnung ist, nicht wieder als Letzter dazustehen“, sagt Rainer Gausepohl, der Sprecher von Schulsenator Willi Lemke. „Aber diese Hoffnung wird sich noch nicht erfüllen.“ So schnell könnten die vielen Schulreformen der Hansestadt nicht wirken. Die Leseförderung für Zweitklässler, die Feriencamps, in denen jetzt 500 versetzungsgefährdete Schüler vormittags lernen und nachmittags eine „persönlichkeitsstärkende“ Freizeit verbringen, die Fortbildungsbudgets für Lehrkräfte. Gausepohls Liste ist noch länger. „Es hat sich unendlich viel bewegt“, sagt er.

Davon kann die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nichts erkennen. Keine der von Schulsenator Lemke angeschobenen Reformen werde etwas bewirken, sagt Bernd Winkelmann, GEW-Landesvorstandssprecher in Bremerhaven: „Hier werden Einzelmaßnahmen propagandistisch aufgebauscht.“ Bremen steuere seine Schulen nicht nach vorn, sondern zurück. Trotz gleich bleibender Schülerzahlen würden Lehrerstellen gestrichen. Anstatt die gemeinsame Schulzeit zu verlängern, beginne das Land mit der Aufteilung der Schüler nun schon nach der vierten Klasse. Und anstatt seinen Schulen Autonomie zu gewähren, reglementiere es mit stärkeren Schulleitern, kritisiert Winkelmann.

Ähnlich ist die Lage in allen Bundesländern – aus Sicht der GEW. Während die Kultusminister auf einschneidende Veränderungen verweisen, kann die große Lehrergewerkschaft überhaupt keinen Fortschritt erkennen. Die Wahrheit ist in der Mitte zu suchen.

Mit zentralen Abschlussprüfungen, Vergleichsarbeiten, der Einführung des mittleren Schulabschlusses und Bildungsstandards versuchen die Länder inzwischen, die Anforderungen zu normieren. Viele Länder verpflichten die Pädagogen heute zur Weiterbildung oder gewähren Schulen mehr Autonomie, immer mehr Modellschulen erproben einen anderen Unterricht.

Doch nicht jedes Land engagiert sich bei der Reform gleich. Vielerorts wird gespart. Gerade im Osten werden Schulen geschlossen, die Klassenfrequenzen steigen, das Lehrdeputat der Lehrer wird – wie etwa in Berlin – erhöht. Auch wirft der Bund den unionsgeführten Ländern vor, den Ausbau der Ganztagsschule zu verschleppen. Und im deutschen Pisa-Siegerland Bayern haben Eltern ein Volksbegehren gegen die „Verdichtung“ des gymnasialen Lernstoffs auf acht Jahre eingeleitet, um ihre Kinder vor Edmund Stoibers Ehrgeiz und einer erbarmungslosen Paukschule zu schützen. Deutschlands Schulreformen stehen erst am Anfang, selbst in Bayern.

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