Gesundheit : Kneipen, Klubs und kalte Füße

INEZ RÜPPEL

Als Gaststudentin am Trinity College in DublinVON INEZ RÜPPELKann Studium auch anderes sein, als vor überfüllten Seminarräumen auf dem Flur zu kauern, nach fünf Minuten deprimiert aus der Sprechstunde geschoben zu werden und schließlich zwischen den Betonbunkerwänden der Bibliothek vergeblich nach dem benötigten Buch oder wenigstens einem bekannten Gesicht Ausschau zu halten?Es kann, jedenfalls in Dublin, der Hauptstadt der Republik Irland.Hier lebt rund ein Viertel der ungefähr vier Millionen Einwohner des Landes, das noch sehr agrarisch geprägt ist.Die Betonblocks der TU am Ernst-Reuter-Platz vor Augen, in denen meine Studienmotivation in zwei Jahren mit dem Ziel "Amt der Studienrätin in Geschichte und Englisch" doch etwas gelitten hatte, mußte ich innerhalb der klassizistisch-eleganten Gebäuderiegel des 18.Jahrhunderts im Eingangshof des Campus von Trinity erst einmal tief Luft holen.Keine Frage, weshalb das ehrwürdige "Collegium Sanctae Individuae Trinitatis", 1592 von Elisabeth I., "zur Bekehrung der Papisten" gestiftet, für die Verfilmung von Willy Russells englischem (!) Theaterstück Educating Rita als archetypische Universität die Kulisse abgeben mußte.Trotz knipsender Touristenscharen wurde mir ganz ehrfürchtig zumute, besonders in der Alten Bibliothek aus dem frühen 18.Jahrhundert - nicht nur die größte einschiffige Bücherhalle Europas, sondern auch einer der schönsten original erhaltenen Räume der Zeit, ein weltliches Kathedral-Langschiff aus Holzarkaden, in deren würdevollem Halbdunkel die Standplätze der Lederfolianten durch leuchtende Messingbuchstaben verkündet werden; wenn man sich im späten 20.Jahrhundert noch irgendwo von so etwas wie einem Geist der Wissenschaft umwehen lassen kann, dann hier.Der kostbarste Schatz dieses Domes der Gelehrsamkeit und gleichzeitig das großartigste Denkmal der frühmittelalterlichen irischen Buchmalerei, das um 800 n.Chr.geschaffene Buch von Kells, hat es auch später nach dem fünfzigsten Besuch noch geschafft, meine Augen mit seiner unglaublich feinen Ornamentik seekrank zu machen.Aber Trinity ist wesentlich mehr als nur ein überwältigendes Kulturdenkmal mit gutem akademischen Ruf.Hinter der englisch eleganten, würdigen Fassade und dem vom Mutterhaus Cambridge übernommenen Zeremoniell der lateinischen Tischreden vor dem Abendessen im Speisesaal steckt irisch-unverkrampftes Leben - auch wenn bei den ebenfalls ganz in Latein abgehaltenen Gradverleihungen Talare getragen werden.Meine Versenkung in die anmutigen Säulenvorhallen und klassischen Giebel wurde jäh beendet von Vertretern der Studentenklubs, die sich im Eingangshof mit einem Höchstmaß an Stimmstärke ihrer traditionellen Aufgabe widmeten, ahnungslose Erstsemester anzuwerben: "Tritt dem XY-Klub bei, der beste/älteste/verrückteste Klub im College ...Gratis Bier und Mittagessen für nur ein Pfund im Jahr! Die wildesten Parties - die unmoralischsten Ausflüge - finde die Flamme Deines Lebens!"Die Klubs, von der Universität finanziert und auf dem Campus residierend, decken alle möglichen und unmöglichen Aktivitäten von jeglicher Sportart bis zu Yoga, Umweltschutz und politischen und metaphysischen Debatten ab.Von ihrem vielseitigen Freizeitangebot her abgesehen (bösen Zungen nach der eigentliche Studiengrund vieler Trinity-Jünger), sind sie gerade für Gaststudenten der ideale Ort, problemlos Kontakte anzuknüpfen und einen Einblick in die Mentalität der irischen Kommilitonen zu erhalten.Es ist ausgesprochen schade, wenn manche der Gäste dieses Angebot, irisches Universitätsleben `von innenÔ heraus kennenzulernen, nicht nutzen und sich damit begnügen, `akademischer TouristÔ zu bleiben.Berührungsängste sind in Dublin keine Entschuldigung - auch ohne das soziale Netz der Klubs würde das kontaktfreudige Wesen der meisten Iren Vereinsamung zu einer Kunst machen.Außerdem scheinen viele Kommilitonen und Dozenten es als ihre Aufgabe anzusehen, mit einem rührenden Eifer auf die unwissenden Fremdlinge `aufzupassenÔ.Sollten jedoch alle Extraerklärungen und Kneipeneinladungen nichts mehr helfen, ist die akademische Gastfreundlichkeit keineswegs ratlos - die Universität veranstaltet Englischkurse für Gaststudenten und unterhält eigene Tutoren, die mit der Anfertigung von Hausarbeiten helfen.Das ist sozusagen die blanke Kehrseite der relativ hohen Studiengebühren einer privaten Universität, an Trinity für die Geisteswissenschaften um die 3500 DM im Jahr: Daß man davon den Studenten auch etwas bieten kann, in der Lehre genauso wie im sozialen Bereich.Denn bei aller Informalität ist das Niveau der kleinen Seminare von fünf bis zehn Leuten, die oft auf einen Tee im Büro des Dozenten hinauslaufen, anregend hoch.Allerdings auf sehr angenehme, irisch-gelassene Art: Nämlich als Angebot des Dozenten, der oft sehr persönlich und provozierend fragt, doch kaum jemals Mitarbeit einfordern wird.Initiative wird jedoch sofort beachtet und gefördert - etwas, was ich zuhause oft vermißt habe.Ungewohnt und anstrengend, aber von hohem Übungswert war das häufige Schreiben kleinerer Essays anstelle einer längeren Semesterarbeit, denn deutsche Ausführlichkeit und breite Literaturaufarbeitung wird hier weniger geschätzt als prägnante Formulierung eigener Hypothesen.Dieses individuelle und intensive Gefordertwerden nach dem oft unpersönlichen und lustlosen TU-Betrieb empfand ich als so beflügelnd, daß ich noch ein weiteres Jahr blieb - als reguläre Trinity-Studentin.Jetzt waren die Dozenten dann doch um einiges unnachsichtiger, und die Prüfungen liefen unter einem wahnwitzigen Zeitdruck, der fast eher Streßresistenz als Wissen testet.Doch der Schweiß war nicht umsonst vergossen: Mein B.A./M.A.in Geschichte hatte für Bewerbungen um einen Doktorandenstudienplatz im Ausland erfreulich hohes Prestige.Was nötig war, denn nicht nur die fachlichen Versprechen hatte Trinity eingelöst, sondern auch das mit der "Flamme des Lebens".Im Fechtklub kreuzte ich die Klinge mit einem Nachfahren jener norwegischen Wikinger, die 841 n.Chr.die Siedlung Dublin begründeten.Tja, heute sind wir verheiratet, und ich schreibe meine Doktorarbeit an der Universität Bergen.Nicht umsonst ist einer der sagenhaften Namen Irlands "Inis Fáil" - Insel der Bestimmung.(Übrigens: Das mit den "wildesen Parties" stimmte auch ...).Diese Vorliebe für (mild formuliert) Geselligkeit und temperamentvolle Musik, deren Kristallationspunkt die berühmten Kneipen sind, tut viel dazu, Dublin - eine eher chaotisch-gemütliche als schöne Stadt - zu einem angenehmen Studienort zu machen.Aber den Reiz Dublins wirklich definieren? Da fällt mir der Ofen meiner abbruchreifen Studentenwohnung ein, der, wie vieles in Irland, zu spät kam (um genau drei kalte Januarwochen).Zum Einzug begrüßte mich eine Sammlung Federbetten, Heizdecken und Teebeutel: Dublin ist die Stadt, in der mir oft kalt um die Füße und meistens warm ums Herz war ...

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben