Gesundheit : Knochenarbeit

Studenten restaurieren im Berliner Gropius-Bau archäologische Funde vor Publikum

Franziska Garbe

Ina Neese kommt sich wie ein lebendes Exponat vor: Zwischen Vitrinen mit bronzenen Kleiderspangen, spitzen Dolchen und bruchstückhaften Statuen sitzt die junge Frau hinter einer Glasscheibe in der Ausstellung „Archäologie in Deutschland“, die noch bis zum 31. März im Martin-Gropius-Bau gezeigt wird.

Vor ihr steht ein Mikroskop, daneben einige mit klarer Flüssigkeit gefüllte Glasfläschchen, außerdem diverse kleine Messer, Pinsel und Pinzetten. Auf einer weißen Kunststoffplatte verstreut liegen eine Reihe winziger Fragmente, die wie abgebrochene Zahnstocher aussehen. Doch Ina behandelt sie mit äußerster Sorgfalt: Teilchen für Teilchen legt sie unter das Mikroskop und betupft sie behutsam mit Ethanol getränkter Watte.

Die 25-Jährige studiert im fünften Semester Restaurierung und Grabungstechnik an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) in Berlin und hat sich auf die Restaurierung von archäologischem Kulturgut spezialisiert. Eine Woche lang konnten Ausstellungsbesucher sie im Gropius-Bau bei der Arbeit beobachten und Fragen stellen. Dann kam ein Kommilitone und widmete sich einem anderen Objekt. So geht es weiter bis März.

Unter Inas geschulten Händen soll aus den winzigen Splittern, die aus Knochen oder vielleicht auch aus Geweih bestehen, wieder das werden, was es einmal war: ein Kamm. „Er stammt vermutlich aus der römischen Kaiserzeit und ist eine Altrestaurierung“, erläutert Ina. Das heißt: Er wurde schon einmal zusammengesetzt. Man hat ihn bereits 1975 bei einer Ausgrabung bei Schwerin gefunden und wiederhergestellt. Leider waren die Restauratoren damals noch nicht auf dem gleichen Kenntnisstand wie heute. Der Kamm ist deshalb wieder auseinander gebrochen. Das Landesamt für Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern hat das Fundstück deshalb zur Restaurierung an die FHTW nach Berlin geschickt. Die Hochschule arbeitet bundesweit mit archäologischen Landesämtern und Museen zusammen.

Matthias Knaut, der den Studiengang Restaurierung/Grabungstechnik an der FHTW leitet, sagt, in den meisten Museen gäbe es viel mehr Funde, als die dort angestellten Restauratoren bewältigen könnten. Doch auch an der FHTW könnten sich die Archäologen einer qualifizierten Restaurierung sicher sein, da jeder der dortigen Studierenden bereits vor Studienbeginn in einschlägigen Praktika Erfahrungen gesammelt hat. Für die erbrachten Leistungen erhält die Fachhochschule von den verschiedenen archäologischen Einrichtungen Geld für Material und Instandhaltung der Geräte, erläutert Knaut. „Unsere Labore sind vorzüglich ausgestattet, das hat natürlich seinen Preis.“ Mit der Live-Restaurierung vor Publikum will Knaut die Restauratoren aus ihrem „Dornröschen-Dasein“ holen. „Restauratoren nehmen Eingriffe an Fundstücken vor, ehe diese ausgestellt werden. Das sollte Museumsbesuchern bewusst gemacht werden“, sagt er.

Inas „Eingriffe“ hinter der Glasscheibe bestehen momentan in dem Versuch, die Reste des Klebers, den ihr Vorgänger vor siebenundzwanzig Jahren benutzt hat, von den Fragmenten zu lösen. Währenddessen überlegt sie bereits, welcher Klebstoff für das Material besser geeignet sein könnte. Chemische, physikalische und biologische Kenntnisse sind für einen Restaurator unerlässlich.

Nach dem Studium möchte Ina Neese in der Restaurierungswerkstatt eines Museums arbeiten – oder als freie Restauratorin. Ein Traum wäre natürlich auch, an großen Grabungen teilzunehmen. So wie im vergangenen Sommer, in Syrien. Doch genug geträumt: Ein Ausstellungsbesucher klopft an die Glasscheibe. „Wie lange braucht man für so eine Restaurierung?“ Ina zuckt mit den Schultern. „Eine oder mehrere Wochen“, sagt sie. Geduld sollte man als Restaurator schon mitbringen.

Informationen im Internet:

http://studienberatung.fhtw-berlin.de

www.archaeologie-in-deutschland.de

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