Gesundheit : König der Klone

Der koreanische Stammzellpionier Woo-Suk Hwang auf Stippvisite in Berlin

Bas Kast

Am gestrigen Dienstag im Ludwig-Erhard-Haus, Berlin-Wilmersdorf, Punkt 9Uhr30. Eigentlich sollte er längst da sein. „Haben Sie ihn schon mal gesehen?“, flüstert einer im Publikum seinem Nachbarn ins Ohr. „Ich hatte schon mal das Vergnügen in Seoul“, antwortet der und macht erst gar keine Anstalten, das stolze Lächeln, das sich auf seine Lippen legt, zu unterdrücken.

Dann ist er da: Woo-Suk Hwang, den die meisten einfach „Hwang“ oder „Dr. Hwang“ oder auch den „König des Klonens“ nennen – und zwar ohne jede Ironie. Sollte es eines Tages den Nobelpreis fürs Klonen geben, dann werden wohl Ian Wilmut, der Schöpfer des Klonschafs „Dolly“, und Hwang ihn bekommen. Noch vor wenigen Jahren pilgerten die Forscher zu Wilmut ans Roslin-Institut in Schottland – inzwischen reist Wilmut zu Hwang nach Seoul, um sich von dessen Klontechniken inspirieren zu lassen.

Jetzt ist er in Berlin, Hwang, und in seiner 45-minütigen Power-Point-Präsentation rekapituliert er noch einmal, was er und sein Team alles geleistet haben: Hwang war es, der letztes Jahr als Erster einen menschlichen Embyo klonte.

Dieses Jahr erregte er wieder Aufsehen, nachdem es ihm gelungen war, geklonte embryonale Stammzellen von elf Patienten – die meisten mit Rückenmarksverletzungen wie der verstorbene Superman-Darsteller Christopher Reeve – zu erzeugen. Reeve ist nur einer der vielen Prominenten, die auf den Bildern in Hwangs Vortrag auftauchen, da ist zum Beispiel auch Michael J. Fox, der an Parkinson leidet. Mit Hilfe des therapeutischen Klonens will Hwang diese Krankheiten heilen. So lassen sich die geklonten Stammzellen in jede denkbare Form von Gewebe verwandeln. Und weil sie geklont sind und das Erbgut des Patienten besitzen, muss man keine Abwehrreaktion des Immunsystems befürchten.

Hwang spricht ruhig, unaufgeregt, er sieht jung aus, mit unschuldigem Gesicht, korrekt zurückgekämmtem Haar, fast bubenhaft wirkt er.

Doch hinter dieser ruhigen Fassade steckt ein ruheloser Geist, einer, der, wie die einen sagen, vor allem vom eigenen Ehrgeiz getrieben ist. Die anderen sehen in Hwang vor allem einen hochbegabten Tierarzt, der helfen will, heilen will. Der auf seinem Schreibtisch das Bild eines Querschnittsgelähmten stehen hat, das ihn täglich wieder an seine Mission erinnert.

In seinem Heimatland Südkorea ist Hwang ein Nationalheld, ständig im Fernsehen, „Kinder bis hin zu berühmten Rockstars bitten ihn um Autogramme“, jubelt das sonst eher nüchterne Forschermagazin „Nature Medicine“. Es gibt sogar Briefmarken, die sich mit Hwangs Gesicht schmücken. Hwang zeigt in seinem Vortrag stattdessen Briefmarken, die auf der rechten Seite einen Mann zeigen, der aus dem Rollstuhl aufsteht und seine Partnerin umarmt. Die linke Seite zeigt eine Stammzelle mit Pipette.

Später auf der Pressekonferenz fragt ein Journalist, ob er die Hoffnungen nicht ein bisschen hochhänge, ob er nicht befürchte, die Menschen in ein paar Jahren enttäuschen zu müssen. „Wir tun unser Bestes“, entgegnet Hwang kurz.

Viele der weiblichen Journalisten machen sich stattdessen über eine ganz andere Sache Sorgen: Für das therapeutische Klonen braucht man Eizellen, Eizellen, die von Frauen gespendet werden, die dabei eine Hormonbehandlung und die unangenehme Entnahme der Eizelle mit einer Spritze über sich ergehen lassen müssen. Es kursiere das Gerücht, in Hwangs Labor würden die weiblichen Mitarbeiter diese Eizellen spenden. Das stimme nicht, sagt Hwang, „das ist in Korea nicht erlaubt, es ist strikt verboten“. Dennoch, würde Hwang das, was er macht, in Deutschland tun, säße er vermutlich schon im Gefängnis. Das macht eine Kooperation mit ihm für deutsche Forscher schwer: Sie dürfen mit seinen Zellen nicht forschen. Trotzdem will er mit den Deutschen zusammenarbeiten.

Auf dem Flur steht Hans Schöler, Deutschlands renommiertester Stammzellforscher, und sagt in die Mikros der Radiostationen: „Wir haben kein Defizit auf wissenschaftlichem Gebiet.“ Doch sobald es um Therapie-Ansätze geht, hinkt Deutschland hoffnungslos hinterher. Schöler wirkt zerknittert wie sein Sakko.

Die Koreaner haben ihn und seine deutschen Kollegen abgehängt – und das liegt nicht nur an der rechtlichen Situation, die, wie Hwang sagt, „vor einigen Jahren in Korea noch ganz ähnlich aussah“. Sondern vielleicht auch an dem, was Hwang in seinem Vortrag erwähnt und auf der Pressekonferenz wiederholt wie ein Mantra: „Wir haben keine Samstage, keine Sonntage, wir haben keinen Urlaub.“ In Hwangs Arbeitsstätte hängt ein Kalender, auf dem die Woche am Montag beginnt, dann kommen Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag – Freitag, Freitag, dann wieder Montag. Und so weiter.

Morgens um 4 Uhr 30 steht Hwang auf, gönnt sich einen Besuch im Badehaus, meditiert 40 Minuten, bevor er sich um sechs Uhr ins Labor begibt, das „nie vor Mitternacht“ schließt. „Diese Forscher arbeiten 365 Tage im Jahr“, hat Hwangs US-Kollege Gerald Schatten von der Universität Pittsburgh einmal gesagt. „Mit Ausnahme eines Schaltjahres – dann arbeiten sie 366 Tage.“

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