Gesundheit : Königsberger Prussia-Museum: Archäologische Titanic im Abfallhaufen

Heinrich Lange

Die wertvolle Sammlung ging in den Feuern des Zweiten Weltkrieges unter: eine viertel Million archäologischer Kostbarkeiten aus dem Prussia-Museum in Königsberg schien für immer verloren zu sein. Als Attraktionen der Schausammlung, die im Königsberger Schloss untergebracht war, galten Wikinger-Funde: Waffen, Geräte, Trachtzubehör, Zaumzeug und Schmucksachen. Vor allem aber gehörten zu der Sammlung Waffen und Ausrüstungsgegenstände aus den Gräbern der heidnischen Prussen, einem westbaltischen Volksstamm, der Preußen seinen Namen gab. Waffen zum Beispiel, mit denen die Prussen dem Deutschen Ritterorden entgegenstürmten, der im 13. Jahrhundert das Land zwischen Weichsel und Memel unterwarf und christianisierte. Die Prussen waren mit ihren Grabbeigaben nicht knausrig. Ganze aufgezäumte Pferde nahmen die Toten mit. "Im Museum fand sich alles von der Steinzeit bis ins Hohe Mittelalter", sagt Wilfried Menghin, Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte. "Ein Museum von europäischem Rang." Da die schriftliche Überlieferung auf dem Gebiet der Prussen erst mit der Eroberung durch die Ordensritter beginnt, ist ihre Geschichte nur durch die archäologischen Funde zu rekonstruieren. "Ihr Verschwinden ist ein Riesenverlust", sagt Menghin.

Nun ist klar: ein großer Teil der Stücke ist zu retten. Zur Jahreswende 1999/2000 kam aus Kaliningrad die als Sensation gefeierte Nachricht, in einem Fort der Stadt habe man 15 000 archäologische Objekte des PrussiaMuseums entdeckt. Awenir Owsjanow, Leiter der Abteilung für die Suche nach verschollenen Kulturgütern im Kaliningrader Gebiet, sprach von der Hebung der "gesunkenen Titanic der prussischen Archäologie". Auch Wladimir Kulakow vom Archäologischen Institut der Akademie der Wissenschaften in Moskau schwärmte unlängst in einer russischen Zeitschrift, der "Gemeinschaft der Weltkultur" seien "jene Kostbarkeiten der Geschichte unseres Kontinents" zurückgegeben worden, die "als ewig in den Flammen des Weltkrieges verloren gegolten hatten". Vor kurzem wurden in einer zweiten Fundwelle 10 000 weitere Objekte am gleichen Ort entdeckt.

Bei dem 1997 vom Militär geräumten Fort handelt es sich um das ehemalige Außenfort 3 am nördlichen Stadtrand von Königsberg bei Quednau, das 1894 nach dem 99-Tage-Kaiser Friedrich III. (1888) benannt wurde. Die Gesamtzahl der vornehmlich in Abfallschichten eines Kasemattengewölbes geborgenen archäologischen Objekte und Fragmente sei, so Ausgrabungsleiter Anatolij Walujew, bis zum Sommer dieses Jahres auf 25 000 angewachsen. Der Archäologe und seine Kollegin Olga Chorschewskaja stellten in ihrem Arbeitszimmer eine Auswahl der (Wieder-)Funde vor, darunter eine steinzeitliche Pfeilspitze aus Feuerstein, ein Tüllenbeil aus der Bronzezeit, völkerwanderungszeitliche Bügel- und Armbrustsprossenfibeln aus Bronze und ein Paar Steigbügel für das Pferd eines prussischen Kriegers aus dem 11. Jahrhundert.

Wie aber jetzt Recherchen im erst seit 1991 wieder für westliche Besucher zugänglichen ehemaligen militärischen Sperrgebiet Kaliningrad ergaben, ist nach dem Zweiten Weltkrieg eine Vielzahl von Exponaten aus der Ruine des Schlosses geborgen und in Moskau restauriert worden. Noch 1967/68, vor der Sprengung des Schlosses, soll ein Angestellter des Heimatmuseums "Reste von Kisten mit Exponaten und Inventurlisten, die zusammen mit Soldaten der deutschen Wehrmacht jahrzehntelang unter den Trümmern der eingestürzten Wände des Museums gelegen hatten", gefunden haben. Zumindest ein Teil der aus der Schlossruine geretteten Stücke befindet sich heute im Museum für Geschichte und Kunst in Kaliningrad.

Von den Prussen hat das Prussia-Museum und die 1844 gegründete Altertumsgesellschaft Prussia den Namen - und auch der Staat Preußen. Wie die Rheinische Altertumsgesellschaft sich im Westen Preußens der Erforschung der römischen, keltischen und germanischen Vergangenheit widmete, wollte die Prussia im Osten die Spuren der Prussen und ihrer Vorgänger sichern.

Verlorene Stücke auch in Berlin

Ein großer Teil der Studiensammlung und des Fundarchives des Prussia-Museums war nicht im Schloss, sondern im Landesamt für Vorgeschichte untergebracht. Die Teile wurden 1943 ausgelagert und befinden sich heute im Museum für Ermland und Masuren in Olsztyn (Allenstein) und vor allem im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin. Doch die einzigartige Schausammlung, die in sechs Räumen des Südflügels des Königsberger Schlosses präsentiert wurde, galt bisher als verschollen.

Doch hat man im Fort Quednau tatsächlich das "Herzstück der deutschen Prussia-Sammlung" entdeckt, wie Anfang des Jahres ein bekanntes Nachrichtenmagazin ob der enthusiastischen russischen Meldungen formulierte? Schon seit zwei Jahren tauchten auf dem Schwarzmarkt Artefakte auf, von denen einzelne aufgrund der Inventarnummer zweifelsfrei als Stücke des Prussia-Museums identifiziert werden konnten. Die alten Inventar- bzw. Katalogbücher, die für die Bearbeitung der Berliner Prussia-Bestände sehr hilfreich wären, haben in Kaliningrad überdauert. Walujew ist sich sicher, daß die besten Funde im Fort bereits von den Raubgräbern verkauft wurden.

Es waren nur "Steine" - kein Schatz

Dass in das Fort Bestände des Prussia-Museums ausgelagert waren, wusste Chefermittler Owsjanow schon einige Zeit. 1995 schrieb er im Königsberger Express, dass Wolfgang La Baume, Direktor des Königsberger Landesamtes für Vorgeschichte, 1959 seinem Warschauer Kollegen Jerzy Antoniewicz mitgeteilt habe: "Silberne Gegenstände aus dem Preußischen Museum wurden zusammen mit zahlreichen anderen Antiquitäten, darunter die berühmten Bronzen, Anfang Januar 1945 im Fort Quednau untergebracht". Und Owsjanow berichtete schon Ende der 60er Jahre hätten Militärangehörige die Suchkommission über Funde im Fort informiert. Aufschlussreich ist vor allem der Bericht des Kriegsveteranen I. I. Altschakow von 1968: "Einmal erkundete ich zusammen mit meinen Kameraden die unterirdischen Gänge von Quednau, indem wir uns den Weg mit einer kleinen Laterne beleuchteten. Als wir eine Lücke sahen, stiegen wir hinunter und landeten in einem isolierten Zimmer, ungefähr 3 x 5 Meter groß, in dem Kisten unterschiedlicher Größe aufeinander lagen. Als wir eine von ihnen aufdeckten, wurden wir ziemlich enttäuscht. Außer irgendwelchen Steinen, Elfenbeingegenständen und Erzeugnissen aus Bronze und Kupfer, die uns nicht gefielen, entdeckten wir nichts."

"Natürlich wurden", so Owsjanow, "die damals aufgefundenen Wertgegenstände teils entwendet, teils vernichtet." Dass im Fort das bedeutendste Museumsgut in Sicherheit gebracht worden war, geht aus einem im Archiv des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte aufbewahrten Feldpostbrief von Direktor La Baume hervor, in dem dieser am 23. März 1945 - nur zweieinhalb Wochen vor der Kapitulation Königsbergs am 9. April - festgehalten hat: "Ein zweiter großer Teil der Sammlung (Studiensammlung und Auswahl aus der Schausammlung) lagert in dem alten Fort bei Quednau; es sind 34 Kisten und einige Schaukästen (sämtliche Bronzen der Bronzezeit und frühen Eisenzeit, die meisten Gold- und Silberschmucksachen, sowie das Inventar mehrerer Gräberfelder)."

Die "vorgeschichtliche Schausammlung war", so La Baume, "bei dem Brande des Schlosses am 30. August 1944 (Luftangriff) fast unberührt geblieben. Um für die Sicherung der Schausammlung, die übrigens durch Herausnahme der wichtigsten Stücke reduziert worden war (eben der Exponate, die ins Fort Quednau ausgelagert wurden!, Anm. des Verf.), das Menschenmögliche zu tun, habe ich im März 1945 sämtliche Fenster und eine Außentür vollständig zumauern lassen."

In den letzten Monaten wurden im Quednauer Fort also nur ein Teil der "gesunkenen Titanic der prussischen Archäologie" gehoben. Von dem bei La Baume erwähnten, ins Fort ausgelagerten Museumsgut fehlen nicht nur "die meisten Gold- und Silberschmucksachen", sondern auch der Großteil der "Bronzen der Bronzezeit und frühen Eisenzeit". Doch gerade für diese Epochen, so 1925 Richard Dethlefsen, Provinzialkonservator von Ostpreußen, gehörte die Prussia-Sammlung zu den "ersten Museen der Welt überhaupt". Dennoch darf man die vom Kaliningrader Museum unter der Leitung von Jelena Penkina geplante Ausstellung über die Neufunde aus dem Fort mit großem Interesse erwarten.

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