Gesundheit : Kollektiv glücklich

Ostdeutsche Frauen genießen ihre Familienzeit, wollen sich aber nicht auf die Mutterrolle festlegen lassen

Ruth Kuntz-Brunner

Kleinkinder in der Krippe, gut verwahrt und gut genährt – das war der Sozialismus, um den so manche berufstätige Frau im Westen die Mütter in der DDR beneidete. Bereits die Einjährigen wurden allmorgendlich ganz selbstverständlich abgegeben. Der Staat kümmerte sich. Die Ost-Kinder lernten, früh ins Töpfchen zu machen – und sich dem Lebensrhythmus der durchweg berufstätigen Eltern anzupassen. Die fanden ein zweites Zuhause im Arbeitskollektiv. Dort wurden auch persönliche Probleme diskutiert. „Private Beziehungen hatten in der DDR eine andere Qualität als in der Bundesrepublik“, sagt Gitta Scheller, Soziologin an der Uni Hannover.

Scheller hat untersucht, wie Ostdeutsche seit der Wende ihr Arbeits- und Privatleben wahrnehmen und gestalten. Das von dem Soziologen Ulfert Herlyn geleitete und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt umfasst repräsentative und ergänzende qualitative Studien. Ihre Ergebnisse zieht Scheller aus repräsentativen Umfragen zwischen 1991 und 2002 mit jeweils 600 bis 850 Teilnehmern und qualitativen Interviews von 1991, 1996/97 und 2003 mit 33 beziehungsweise 13 Befragten.

„Mund halten, arbeiten, bloß keinen Fehler machen. Mit niemandem kannste quatschen, und am Wochenende schütteste dann dein Herz aus“, beklagt ein Wochenendpendler sein Arbeitsleben nach der Wende. Immer mehr Menschen versuchen, die „soziale Kälte“ und den Verlust der Kollektive in der privaten Gegenwelt auszugleichen. 1993 sagten 42 Prozent der Befragten, dass sie die neuen Arbeitsanforderungen ohne ihre Angehörigen nicht überstanden hätten. Inzwischen ist die Familie für zwei Drittel der Befragten sehr wichtig geworden, „Liebe und Zuneigung“ sogar für 72 Prozent.

Keine Frage: Im individuellen Glück steckt Magie. Nie klingen ostdeutsche Frauen so emotional wie bei der Schilderung der neuen Innigkeit von Mutter und Kind. „Die Erfahrung, wie es ist, wenn man sein Kind selbst betreut, habe ich erst mit der Kleinen gemacht. Die ist nach der Wende geboren. Da war ich eineinhalb Jahre zu Hause. Das war natürlich ganz toll, das hat Spaß gemacht. Man hat das sowieso alles ganz anders empfunden. Das war schön“, erzählt eine Pädagogin. Mit der neuen Verantwortung für die Erziehung der Kinder verändert sich auch das Klima in der Partnerschaft. „Gespräche sind notwendiger geworden; das war etwas, was man lernen musste; dadurch ist irgendwo die Partnerbeziehung noch enger geworden“, berichtet eine ehemalige Kindergärtnerin.

Heute richten sich die Erziehungsziele auch im Osten idealerweise nach der Persönlichkeit des Kindes, seinen Fähigkeiten und Neigungen. Knapp drei Viertel der Befragten nannten „selbstständig denken“ als wichtigstes, „anderen helfen“ als drittwichtigstes Erziehungsziel. „Gehorsam“ allerdings, der als DDR-Wert gilt, hält sich noch mit knappem Vorsprung auf Platz zwei (siehe Grafik). Die Ost-Individualisierung verläuft nicht immer nach westlichem Muster. So genießen ostdeutsche Frauen heute die neue Mütterlichkeit, ganz in der Familie aufgehen aber wollen sie nicht, berichtet Scheller.

Entsprechend sind ostdeutsche Mütter nach wie vor häufiger (vollzeit-) erwerbstätig als westdeutsche, sie vertrauen ihre Kinder häufiger familienfremden Personen an und beanspruchen kein Monopol auf eine exklusive emotionale Bindung zu ihren Kindern.

Überrascht hat die Soziologen auch das nostalgische Verhältnis zu ihren früheren Arbeitskollektiven. „Weil sie staatlich verordnet waren, galten sie im Westen als etwas Beengendes und Kontrollierendes“, erinnert Scheller. Also vermutetete sie, dass der Untergang der Kollektive als Befreiung erlebt wird. Doch nur jeder fünfte Ostdeutsche fühlt sich heute freier. Knapp die Hälfte dagegen nimmt das Verschwinden der Kollektive nicht als persönlichen Autonomiegewinn wahr. Anders die Nachbarschaft. Von ihr schotten sich die Ostdeutschen seit der Wende zunehmend ab. 1991 erklärten noch 65 Prozent (identisch zum Westen), dass sie enge Nachbarschaften pflegten. Mittlerweile ist der Wert auf 50 Prozent gesunken (im Westen auf 60 Prozent).

In Ost und West identisch ist die Zahl nicht konventioneller Lebensformen. 24 Prozent leben hier wie dort als Single oder in nichtehelichen Gemeinschaften. Doch die Parallele trügt. Während im Westen eher die sozial Stärkeren eine unkonventionelle Lebensform wählen, sind es im Osten eher die sozial Schwächeren. Auf sie fiel lange Zeit der Schatten der Wende. Damals, im ersten Schock, wurde nicht geheiratet, nicht geboren, nicht einmal mehr geschieden, sagt Scheller. „Alle waren verunsichert, niemand wollte Verpflichtungen eingehen.“

Ein höherer Status scheint die Anpassung an die westliche Lebenseinstellung zu erleichtern. Während rund 80 Prozent der Klein- und Mittelverdiener den Solidaritätsverlust nach der Wende bedauern, blickt kaum noch die Hälfte der Gutverdiener mit Wehmut auf den verlorenen Gemeinsinn zurück.

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