Kolumne : Der OP-Kurs: So wird ein Hirn-Aneurysma operiert

Es kann überall in den Blutgefäßen auftreten, doch besonders gefährlich ist ein Aneurysma in der Schaltzentrale des Körpers, im Gehirn.

Björn Rosen

„Die Gefäßwände bestehen aus drei Schichten: einer inneren Auskleidung, der Muskulatur in der Mitte und dem Bindegewebe, das alles zusammenhält, ganz außen“, erklärt Peter Vajkoczy, Direktor der Neurochirurgischen Klinik der Charité. Wenn die Muskelschicht an einer Stelle porös ist, etwa durch Entzündungen oder regelmäßiges Rauchen, verliert die Gefäßwand ihre Stabilität und erweitert sich: „Diese ,Aussackung’ – eben das Aneurysma – hat eine sehr dünne Wand, auf die großer Druck wirkt, weil das Blut in der Gefäßerweiterung herumwirbelt wie Wasser in einer Waschmaschine.“

Das typische Symptom eines Aneurysmas sind Kopfschmerzen. Die meisten Betroffenen erfahren aber erst von der Erkrankung, wenn das Aneurysma platzt. Dann kommt es zu einer Hirnblutung, einem Schlaganfall. „Eine zweite Blutung ist noch gefährlicher. Deshalb muss man das Aneurysma sofort behandeln.“

Dafür gibt es zwei wichtige Methoden. Bei der älteren, dem „Clipping“, wird der Schädel geöffnet: „An der Haargrenze über dem Auge mache ich einen rund zehn Zentimeter langen, bogenförmigen Schnitt“, sagt Vajkoczy. Danach arbeitet sich der Arzt in dem Raum zwischen Knochen und Gehirn bis zum betroffenen Blutgefäß vor. In einer Hand hält er eine Pinzette, an deren Spitze Strom fließt, mit dem man Gefäße „verkochen“ kann, in der anderen einen Sauger, um störendes Blut und Nervenwasser zu entfernen.

Das Gefäß wird zunächst vor und hinter dem Aneurysma mit zwei Klammern verschlossen. Dann kann der Arzt das Blut aus der etwa drei bis fünf Millimeter großen Erweiterung absaugen und diese mit dem Strom aus der Pinzette zusammenschrumpfen. „Schließlich wird am Hals des Aneurysmas eine Klammer aus Titan befestigt, die dauerhaft im Körper bleibt“, sagt Vajkoczy. Sie sieht aus wie eine Wäscheklammer und schneidet die Aussackung komplett vom Rest des Gefäßes ab; nun fließt kein Blut mehr in das Aneurysma – und damit kann dieses auch nicht mehr platzen.

Die zweite, erst in den neunziger Jahren entwickelte Methode heißt „Coilen“. Der Name geht auf den englischen Begriff für Spirale zurück, denn es ist eine Art Knäuel, mit dem man das Aneurysma dabei ausfüllt und auf diese Weise lahmlegt. Vorteilhaft am Coilen ist vor allem, dass man den Schädel dafür nicht öffnen muss. Stattdessen wird ein mehrere Meter langer, sehr feiner Katheter in der Leistengegend eingeführt und von dort durch Bauch und Halsschlagader bis zum Gehirn geschoben. Durch diesen Katheter transportiert der Arzt einen weichen Platindraht ins Aneurysma, der sich dort zu einer Spirale aufrollt. „Diese funktioniert als eine Art Wellenbrecher für das Blut.“ Dank des Platinknäuels bilden sich schließlich Blutgerinnsel – sie verstopfen die Aussackung.

Allerdings scheinen solche Coils Aneurysmen nicht ein Leben lang zu verschließen. Der Patient muss regelmäßig zur Nachuntersuchung. Mit der klassischen OP ist man dagegen zuverlässig geheilt: „Jüngeren Patienten raten wir deshalb eher zum Clipping.“ Björn Rosen

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