Kolumne : Die Übeltäter: So befallen Syphilis-Bakterien den Menschen

Björn Rosen

Syphilis schien schon fast besiegt. Bis Anfang der neunziger Jahre sank die Zahl jener, die von der Geschlechtskrankheit befallen waren, kontinuierlich. Nun steigen sie wieder, besonders in den Großstädten. Berlin ist am stärksten betroffen. Die Erkrankten sind zu drei Viertel homosexuelle Männer.

Syphilis wird von einem Bakterium verursacht. Es heißt Treponema pallidum und hat die Form einer Spirale. „An seinen Enden sind dünne Geißeln verankert, die das Bakterium in Bewegung setzen können“, sagt Annette Moter vom Institut für Molekularbiologie und Hygiene an der Charité. Wie ein Propeller üben diese „Flagellen“ einen Zug oder Schub aus und dienen der Fortbewegung.

Der natürliche und einzige Wirt des Syphilis-Bakteriums ist der Mensch. Er liefert ihm Nährstoffe, ohne die es nicht überleben würde. „Treponema pallidum kann außerhalb des Körpers nur sehr kurz existieren“, sagt Annette Moter. Bisher gelang es nicht, das Bakterium im Reagenzglas zu züchten. Deshalb ist das Wissen der Forscher begrenzt.

Fest steht, dass Treponema pallidum bei engem Körperkontakt übertragen wird: beim Sex, aber auch beim Küssen, weshalb Kondome keinen hundertprozentigen Schutz bieten. Ähnlich wie der Aids-Erreger HIV gelangt auch das Syphilis-Bakterium in einen neuen Wirt, wenn die Wunde eines Infizierten auf die Wunde eines anderen Menschen trifft. Schon winzigste Verletzungen im Mund, in der Vagina oder am Penis genügen.

Heimtückisch ist, dass das Bakterium oft lange unerkannt bleibt. Zunächst macht es sich an seiner Eintrittstelle breit, zum Beispiel im Intimbereich. Dort bildet sich ein Geschwür, das aber selten schmerzt und auch wieder verschwindet. Der Erreger lässt sich leicht nachweisen. Findet der Arzt im Blut eines Patienten Antikörper, die die Immunabwehr gegen den Eindringling gebildet hat, ist die Syphilis-Diagnose eindeutig – selbst wenn die Symptome kaum aufgefallen sind.

Wird das Bakterium allerdings nicht im ersten Stadium entdeckt, breitet es sich über das Blut langsam im ganzen Körper aus. Nach ein paar Wochen zeigen sich die Folgen: Lymphknotenschwellungen, Haarausfall, Hautausschlag. Manchmal verschwindet Syphilis von selbst. Der Erreger kann aber auch lebensgefährlich werden – wenn er im Endstadium der Krankheit Rückenmark und Gehirn befällt. „Warum es ihn dorthin zieht, weiß man noch nicht“, sagt Moter. Wie genau das Bakterium seine schädliche Wirkung entfaltet, ist ebenfalls unklar.

Allerdings ist seit der Entdeckung des Penicillins zumindest in Deutschland kaum mehr jemand an Syphillis gestorben. Treponema pallidum lässt sich relativ leicht bekämpfen. Bakterien vermehren sich durch Teilung. Antibiotika können diesen Prozess stoppen, indem sie etwa die Zellwand destabilisieren.

Dass die Krankheit nur noch begrenzt Schrecken verbreitet, ist wohl ein Grund für ihre Rückkehr. Heute grassiert sie vor allem unter HIV-positiven Männern, die untereinander ungeschützten Sex haben und das Risiko einer heilbaren Syphilis in Kauf nehmen. Björn Rosen

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