Kolumne zu Sportverletzungen : Dr. Dollas Diagnose (3)

Einst behandelte der Berliner Orthopäde Dr. Thorsten Dolla die Spieler von Hertha BSC, für uns schreibt er in seiner Kolumne "Dr. Dollas Diagnose" über medizinische Risiken im Sport. In der aktuellen Folge geht es um Verletzungen an der Schulter.

Dr. Thorsten Dolla
Dortmunds Sven Bender hat sich beim Gastspiel in Hoffenheim die Schulter ausgekugelt und fällt wohl mindestens zwei Wochen aus.
Dortmunds Sven Bender hat sich beim Gastspiel in Hoffenheim die Schulter ausgekugelt und fällt wohl mindestens zwei Wochen aus.Foto: dapd

In der Fußball-Bundesliga haben sich am Wochenende zwei Profis zum Teil schwere Verletzungen an der Schulter zugezogen. Ron-Robert Zieler, Torwart von Hannover 96, musste ebenso ausgewechselt werden wie der Dortmunder Mittelfeldspieler Sven Bender. Beim 21-jährigen Nationalspieler, dessen Schulter ausgekugelt war, konnte nach einer Röntgenuntersuchung ein Schulterbruch ausgeschlossen werden. Wie gefährlich ist eine solche Verletzung?

Eine ausgekugelte Schulter (Schulterluxation) ist eine sehr schmerzhafte Verletzung. Bei einer nur teilweise ausgekugelten Schulter (Subluxation) kann der Oberarmkopf auch wieder spontan, also ohne ärztliche Hilfe zurück in die Schulterpfanne. Wenn die Schulter zum ersten Mal ausgekugelt ist, passiert das eher selten. In über 90 Prozent aller Fälle springt eine Schulter nach vorne heraus. Weil dieser Vorgang mit Schmerzen verbunden ist, nimmt der Patient automatisch eine Schutz- bzw. Schonhaltung ein. Der Arzt überprüft, ob der Patient ein Taubheitsgefühl oder ein Kribbeln im Arm hat, also ob ein Nerv irritiert ist. Eine knöcherne Verletzung muss durch eine klinische Untersuchung und ggf. durch ein Röntgenbild ausgeschlossen werden.

Dr. Thorsten Dolla schreibt regelmäßig für den Tagesspiegel über Sportverletzungen.
Dr. Thorsten Dolla schreibt regelmäßig für den Tagesspiegel über Sportverletzungen.Foto: promo

Direkt nach Unfall kann der leichte Schockzustand ausgenutzt werden, um die Schulter wieder zu reponieren, also einzurenken. Je länger man mit einer Repetition wartet, desto schmerzhafter und schwieriger wird es für den Patienten, der in der Schutzhaltung die umliegende Muskulatur anspannt. Bei der Reposition unterscheidet man mehrere spezielle Techniken. Meist wird die ursprüngliche Stellung der Schulter wieder erreicht, indem gezielt und - therapeutisch motiviert - am Arm gezogen und rotiert wird (Traktion mit Rotation).

Voraussetzung ist, dass der Arm nicht gebrochen ist. Sollten die herkömmlichen Manöver nicht durchführbar sein, muss der Patient in die Klinik, wo er geröntgt wird. Unter Narkose kann die Schulter für den Patienten schmerzfrei eingerenkt werden. Gelegentlich wird auch ein Medikament, das die Muskulatur lockert und den Patienten in einen leichten Rauschzustand versetzt, über die Vene zugeführt.

Häufig wird eine Kernspintomographie notwendig. Diese gibt beispielsweise darüber Aufschluss, welche Bandstrukturen oder gar das Labrum in Mitleidenschaft gezogen wurden. Das Labrum ist eine Art Knorpellippe, es dient der Stabilisierung des Schultergelenks, weil es für eine bessere Positionierung des Gelenkkopfes in der Gelenkpfanne sorgt. Wenn das Labrum einmal verletzt ist, erhöht sich die Wahrscheinlich einer erneuten Schulterverrenkung.

Für einen Torwart ist eine solche Verletzung natürlich schwerwiegend. Aber auch ein Feldspieler braucht den vollen und stabilen Einsatz seiner Arme, beispielsweise im Zweikampf oder bei Sprints. Der Fußball ist inzwischen sehr athletisch geworden. Die physischen Anforderungen sind deutlich höher als vor zwanzig Jahren. Heute wird im Fußball sehr viel mehr mit Armen gearbeitet, ob im Luftkampf oder im normalen Zweikampf. Wichtig ist die Physiotherapie sowie ein Muskelaufbautraining, das die schulterstabilisierende Muskulatur trainiert.

Generell ist die Schulter für den gesamten Bewegungsablauf von großer Bedeutung. Die große Beweglichkeit des Schultergelenks ist einmalig für unseren Körper. Der Nachteil ist, dass dieses Gelenk eine verminderte knöcherne Stabilität aufweist und es daher eher zu einer Verrenkung oder Luxation kommen kann. Das gilt für den Profifußballer wie für den Hobbysportler.

Der Berliner Orthopäde Dr. Thorsten Dolla, 47, ist seit vielen Jahren in der Sportmedizin tätig. Er war Mannschaftsarzt bei Hertha BSC, beim 1. FC Union und dem Footballteam Berlin Thunder. Beim ISTAF war er bis 2009 leitender Arzt und ist heute Ringarzt beim Boxen. Für Tagesspiegel.de schreibt er regelmäßig über Sportverletzungen und ihre Folgen.

Aufgezeichnet von Michael Rosentritt

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