Kolumne zu Sportverletzungen : Dr. Dollas Diagnose (7)

Einst behandelte der Berliner Orthopäde Dr. Thorsten Dolla die Spieler von Hertha BSC, für uns schreibt er seine Kolumne "Dr. Dollas Diagnose". In der aktuellen Folge geht es um die Aufgaben der Mannschaftsärzte.

Dr. Thorsten Dolla
Fußball Champions League Viertelfinale 2010. Hinspiel: FC Bayern München - Manchester United. Manchesters Spieler Wayne Rooney verletzte sich.
Fußball Champions League Viertelfinale 2010. Hinspiel: FC Bayern München - Manchester United. Manchesters Spieler Wayne Rooney...Archivfoto: dpa

Unter der Woche hat sich Real Madrids Trainer Mourinho über den Rat der Ärzte gestellt und die Spieler Cristiano Ronaldo und Marcelo im Champions-Legaue-Viertelfinale gegen Tottenham aufgeboten, obwohl sie nach Verletzungen nicht genesen waren. Kurz zuvor in der Liga hatte Mourinho beide Spieler draußen gelassen, und prompt verlor Real in der spanischen Meisterschaft gegen Gijon 0:1. Gegen Tottenham wollte der Trainer dieses Risiko nicht mehr eingehen. Beide angeschlagenen Spieler spielten, Real gewann das Spiel 4:0, wobei Ronaldo ein Tor erzielte und Marcelo eins vorbereitete. Hat Mourinho alles richtig gemacht? Sind die Ratschläge oder Empfehlungen der Mannschaftsärzte überflüssig, oder nur noch ausführende Organe der Trainer?

Die eigentlichen Aufgaben der Mannschaftsärzte sind vielfältig. Sie müssen eine funktionsfähige medizinische Abteilung aufbauen, organisieren und leiten. Dahinter verbirgt sich im professionellen Bereich oft ein Netzwerk von Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen, Physiotherapeuten einschließlich Osteopathen sowie Reha-Trainer, Ernährungswissenschaftlern und Psychologen. In der Regel sind die Mannschaftsärzte der Vereine Orthopäden bzw. Traumatologen. Sie betreuen die Athleten die gesamte Saison über. Dies ist sinnvoll, da bei Spielsportarten besonders Verletzungen des Bewegungsapparates entstehen.

Häufig sind auch Internisten direkt als Mannschaftsarzt tätig. Gilt es doch auch hier zu beurteilen, ob der Spieler trainieren oder spielen kann.

Der Arzt ist Vertrauensperson der Spieler. Die Gesundheit ist das Kapital des Spielers. Dieses Kapital des Spielers, und damit auch des Vereins, gilt es zu erhalten. Dies geschieht nicht nur durch eine optimale Therapie bei Verletzungen, sondern auch durch die unterschiedlichen Präventionsmaßnahmen, wie zum Beispiel zusätzliches Fitnesstraining zur Vermeidung von Verletzungen.

Der Mannschaftsarzt muss dem Trainer im ständigen Austausch direkt darüber informieren, welcher Spieler verletzt ist, und wer aus seiner Sicht nicht spielen kann. Dieser Austausch läuft in vertrauensvoller Atmosphäre mit dem Trainerteam natürlich auch unter Wahrung der ärztlichen Schweigepflicht. Dieses Vertrauensverhältnis mit dem Spieler darf niemals missbraucht oder zerstört werden. Die Folge wäre: Der Spieler hätte kein Vertrauen mehr zum Mannschaftsarzt, würde entweder seine Probleme ignorieren oder sich einer anderen medizinischen Person zuwenden. Das Chaos im Team wäre die Folge.

Natürlich steht ein Trainer während einer Saison unter Druck. So wie auch der Spieler muss er erfolgreich sein. Besonders im professionellen Fußball sind Trainer erfahren, haben häufig jahrelang im Profi-Bereich gearbeitet. Oft als Spieler, später auch als Kotrainer.

Und natürlich möchte ein Trainer sein stärkstes Team auflaufen lassen. Was ist aber wenn ein Spieler verletzt ist? Hier bildet natürlich immer das Vertrauensverhältnis zwischen Trainer und Arzt und zwischen Spieler und Arzt die Grundlage für eine vernünftige Lösung. Der Arzt mit seiner Erfahrung gibt dem Trainer seine Einschätzung der Verletzung. Das kann auch das Spielverbot des Spielers bedeuten. Häufig besteht das Risiko (beispielsweise bei Muskelverletzung), dass der Spieler durch eine erneute Verletzung länger auszufallen droht.

In einem intakten Team wird diese Problematik zwischen Arzt, Spieler und Trainer besprochen. Auch unter Berücksichtigung der Erfahrung des Trainers muss der Arzt auf die eventuellen Gefahren einer erneuten Verletzung hinweisen. Bei Ignoranz einer ärztlichen Empfehlung kann das Ergebnis schlimm sein, nämlich einen viel längeren Ausfall des Spielers nach sich ziehen.

Damit es erst gar nicht dazu kommt, muss die Chemie zwischen Trainer und Mannschaftsarzt stimmen. Wenn ein Trainer wie Mourinho im gegebenen Fall entgegen der ärztlichen Empfehlung zwei angeschlagene Spieler aufstellt und das Spiel gewonnen wird, kann das kurzfristig als Erfolg gesehen werden. Langfristig wird es nicht erfolgreich sein können, wenn ein Trainer den Rat der Medizin ignoriert.

Ich erinnere mich an den Fall Wayne Rooneys, der sich im vergangenen Frühjahr im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League beim FC Bayern am Knöchel verletzt hatte. Manchesters Trainer Alex Ferguson schloss damals einen Einsatz Rooneys im Rückspiel aus. Er sei nicht bereit einen Spieler einzusetzen, der nicht 100 Prozent fit ist, hatte Ferguson gesagt. Rooney spielte dann doch. Seine Verletzung brach erneut auf, er musste ausgewechselt werden und schaffte es nur mit Mühe zur WM in Südafrika. Dort erreichte er aber nie sein wahres Leistungsvermögen, er bestritt vier Spiele, schoss dabei aber kein Tor.

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