Gesundheit : Kommentar: Gen-müde

Hartmut Wewetzer

Eigentlich könnte die deutsche Biotechnik mit sich und der Welt zufrieden sein. Reichlich öffentliche Förderung, eine wachsende Zahl von neuen Unternehmen und Erfolgsmeldungen aus der Wissenschaft sind Grund zur Freude. Auf der anderen Seite wird die deutsche Öffentlichkeit seit Monaten von einer Gentechnik-Diskussion bewegt, die wie ein gewaltiger Schaufelbagger wieder und wieder den biologischen Urschlamm aufwühlt. Bis wirklich jeder Politiker, Kirchenmann, Ethiker und Forscher gesagt hat, was er von Stammzellen, Präimplantationsdiagnostik und Klonen hält.

Für die deutsche Forschung fällt die Zwischenbilanz dieser ganzen Debatte zwiespältig aus. Eine Reihe öffentlichkeitswirksamer Rückschläge ist dafür kennzeichnend. Da war die Rede von Bundespräsident Rau, der deutlich auf Distanz ging; da war das Votum des Ethikrats, der die Forschung an embryonalen Stammzellen verschoben wissen will, und da war der umgefallene "Bio-Putschist" und NRW-Ministerpräsident Clement, der nach einer forschen Unterstützungsaktion für seine Bonner Stammzellforscher - diese wollten mit Zellen aus Israel experimentieren - einlenkte und nun das Objekt staatsanwaltlicher Ermittlungen ist. Am überraschendsten war die Wende der Bundes-CDU, deren Fraktionsspitzen nun die bloße Einfuhr menschlicher embryonaler Stammzellen mit mehrjährigen Haftstrafen ahnden wollen: Forscher als Schwerverbrecher. Solche drakonischen Maßnahmen waren bisher noch nicht einmal von "traditionellen" Kritikern der Gentechnik, etwa den Grünen, vorgeschlagen worden.

Viele Wissenschaftler sind debattenmüde und weisen darauf hin, dass die umstrittenen Themen mit dem Hauptstrom der Forschung eher wenig zu tun haben. Das ist zwar richtig. Aber ein großer Teil der Öffentlichkeit unterscheidet da nicht. Für ihn ist alles irgendwie Gentechnik. Und es ist vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis der Schaufelbagger auch die anderen Gentechnik-Labors erreicht.

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