Gesundheit : Kommentar: Selbst ausbilden oder Bildung importieren?

Bärbel Schubert

In Deutschland wird der Akademiker-Nachwuchs knapp. Die jüngste Absolventen-Prognose der Kultusministerkonferenz hat gezeigt, dass in den nächsten Jahren trotz wachsender Jahrgangsstärken immer weniger junge Leute ein Studium aufnehmen werden - jedenfalls wenn es so weiter geht wie bisher. Andere politische Prioritäten sind gefragt.

In anderen wichtigen Industrieländern verläuft die Entwicklung anders. Sie haben bei der Bildungsbeteiligung aufgeholt. Und damit liegen sie im Trend; denn die Wissensgesellschaft fordert immer mehr gut ausgebildete Arbeitskräfte. Dafür reicht das Hauptschulniveau in der Regel nicht. Das Abitur ist heute oft Voraussetzung für viele Lehrberufe von einst. In immer mehr Berufen ist ein Hochschulabschluss gefragt. Doch in den 90er Jahren hat in Deutschland die Neigung zum Studium von 82 auf 68 Prozent eines Abiturientenjahrgangs abgenommen. Die anderen gehen direkt in den Beruf.

Begleitet war diese Entwicklung in den 90-er Jahren von Beschwörungen künftiger Akademikerarbeitslosigkeit. Der "Dr. Arbeitslos" beim Taxifahren zierte so manches Titelblatt. Aus den Hochschulen war ständig von den vielen Studenten die Rede, "die da nicht hingehören". Das Bafög wurde durch ständige Kürzungen ausgehöhlt. Die Rufe nach Einführungen von Studiengebühren wollen nicht mehr verstummen. All das sind Signale, die Eltern mit geringerem Einkommen und deren Kinder verunsichern und vom Studium abschrecken. Gleichzeitig begann aber bereits die Diskussion um die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Die jüngste Prognose ist ein Warnsignal. In Deutschland steht zur Entscheidung an, ob weiterhin Akademiker und andere Fachkräfte hierzulande ausgebildet oder aus anderen Staaten angeworben werden sollen. Wenn man das will, sind mehr Investitionen in die Bildung gefragt - an Geld und an Wertschätzung. Aber nicht nur in Sonntagsreden, denen am Montag dann reale Etat-Kürzungen folgen. Der Bund geht derzeit mit gutem Beispiel voran und hat einen Großteil der UMTS-Zinsersparnisse für Bildung und Forschung reserviert. Das kommt besonders den Hochschulen, der Nachwuchsförderung und den zukunftsträchtigen Forschungsgebieten zu Gute. Doch hauptsächlich sind bei den Hochschulinvestitionen die Länder gefragt. Nach teils wahlentscheidenden Protesten der Eltern sind sie größtenteils zwar inzwischen zu Mehrinvestitionen für die Schulen bereit, nicht aber für die Hochschulen. Wenn die politischen Entscheidungen aber bundesweit nicht zugunsten von mehr Bildungsinvestitionen fallen, werden die Fachkräfte künftig immer mehr aus dem Ausland kommen. Die USA praktiziert diesen Weg bereits.

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