Gesundheit : Kommentar: Wozu Wissen?

Thomas de Padova

Wissenschaftliche Institutionen sind keine Unternehmen. Aber sie stellen sich immer öfter als solche dar. Unipräsidenten sprechen mit Vorliebe vom Wissen als Produktionsfaktor und verweisen auf die aus der Industrie eingeworbenen Drittmittel. Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung, gefällt sich als Weissagerin von "Arbeitsplätzen und Innovation". Und selbst auf die so abstrakte und geradezu weltfremde Quantentheorie sollen 23 Prozent des Bruttosozialproduktes in den USA zurückzuführen sein.

Dem Mann auf der Straße, der von der Quantentheorie günstigstenfalls schon einmal gehört hat, müssen diese Parolen leer erscheinen. Auch beim wissenschaftlichen Nachwuchs, um den man sich inzwischen in vielen Fächern Sorgen macht, kommen sie nicht an. Im Elternhaus und in der Schule werde das Interesse für die Physik und die Naturwissenschaften nicht mehr geweckt, klagten Physiker in der vergangenen Woche wieder in Berlin. Doch nur ein einziger von 1500 Physikern richtete sich mit seinem Tagungsbeitrag an eine breitere Öffentlichkeit.

An Publikum mangelt es nicht. Wo Wissenschaftler signalisieren, dass sie uns am Erkenntnisprozess teilhaben lassen, ist das Interesse nach wie vor da. Sporadische Ausstellungen oder Vorträge zeigen immer wieder, dass Wissenschaft noch immer zu unserer Kultur gehört, obwohl die Entfremdung allenthalben größer und das öffentliche Bild von der Wissenschaft schiefer geworden ist.

Oft aber fehlen adäquate Angebote. Universitäten könnten zum Beispiel auch Lehrern Weiterbildungsmöglichkeiten eröffnen. Die Aktivität eines einzigen Lehrers vermag, wie Beispiele zeigen, ganze Schulklassen in einen Chemie-Rausch versetzen. Und ein so nutzloses Wahlfach wie Astrophysik zieht an der Technischen Universität Berlin neuerdings viele Studenten in seinen Bann.

Die Wissenschaft fördert unsere Vorstellungskraft und geistige Entwicklung und hat zunächst mehr mit Einsicht als mit "Machen" zu tun. Die Wissenschaftler sollten sich daher nicht zu sehr in die Defensive treiben lassen, in der sie dann zur Rechtfertigung ihres Daseins ausschließlich auf windige Marktanalysen und Arbeitsplatzprognosen zurückgreifen müssen. Sie schaufeln sich damit über kurz oder lang ihr eigenes Grab. Sie könnten stattdessen viel lauter dafür eintreten, dass Wissenschaft wieder Teil der Bildung bei jedem intelligenten Menschen wird.

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