Gesundheit : Kommunikationswissenschaftler und die Futurologie

Tilmann Warnecke

Zukunftsvisionen sind nur Projektionsflächen der GegenwartTilmann Warnecke

Für 4000 Globo eine Zeitreise in eine Kabine auf der Titanic buchen? Oder lieber noch einmal tausend Globo drauflegen und dafür einen Platz mit guter Sicht bei der Kennedy-Ermordung erwischen? Wer eine Kreuzigungsreise vorzieht, muss schon Millionär sein. Denn Jesus am Kreuz zu sehen, ist so begehrt, dass die Veranstalter die Preise beliebig in die Höhe schrauben können.

Was nach makabren Scherzen morbiderZeitgenossen klingt, sind Visionen ernsthafter Zukunftsforscher, die nach deren Ansicht in nicht allzuvielen Jahren die Menschheit beglücken könnten. Einige Prognosen von vielen, die Annamaria Rucktäschel, Kommunikationswissenschaftlerin an der Hochschule der Künste, in ihrer Vorlesungsreihe "Komplexe Visionen. Szenarien für mögliche Zukünfte" deutet.

"Die Zukunftsvorstellungen, mit denen ich mich in der Vorlesung beschäftige, handeln alle von elementaren menschlichen Bedürfnissen", erklärt die Wissenschaftlerin. Denn Zukunftsvisionen sind eine Projektionsfläche für heutige Wünsche. Das gilt auch für die Zeitreisen, die übrigens im Kopf stattfinden und "virtuellen Themenparks gleichen" werden. Und sie sind nicht etwa Ausdruck von Sensationslust, sondern erfüllen den Wunsch, bei großen historischen Ereignissen dabei zu sein. "Glücklich werden, für immer schön bleiben, die große Liebe finden, unsterblich sein" - so heißen laut Rucktäschel die Sehnsüchte aller Menschen. "Zukunftsvisionen haben deswegen ein großes Thema: Wie kann das Leben auf dem Globus optimiert werden?"

Dafür hatte Rucktäschel neben Kreuzigungsreisen und der potenzielle Euro-Nachfolgewährung Globo zum Auftakt gleich dutzendweise Beispiele parat. So prophezeien Futurologen, dass Body-Design-Studios mit Akkupunktur bald wahre Wunder vollbringen können. Ein paar Nadelstichen, und schon sind überflüssiges Fett und lästige Falten innerhalb kürzester Zeit verschwunden. Prädikatoren, "kleine Besserwisser im Ohr", informieren ihre Besitzer über nützliche Dinge des Alltags: "Bei der brünetten Frau an der Theke haben Sie eine mindestens 70prozentige Chance. Und sie liebt Musik von Strawinsky."

Das renommierte amerikanische Technologie-Institut MIT ist einen Schritt weiter und entwickelt bereits vollautomatische Badezimmerschränke, die alten Leuten den Gang zu Arzt und Apotheke ersparen. Ist das Medikament alle, lässt der Badezimmerschrank das den Doktor über eine Netzwerkverbindung wissen, und zur Sicherheit fängt das Pillendöschen auch noch an zu leuchten.

"Die Zukunft ist völlig offen", glaubt Rucktäschel und präsentierte deswegen neben der zeitsparenden High-Tech-Pillendose auch die Zukunftsvariante "Entschleunigung": Das Hochgeschwindigkeitsnetz heutiger und künftiger Datenautobahnen ist zusammengebrochen. Männer dürfen in der nachmittäglichen Sonne Boccia spielen, Frauen ein Gemeindefest planen, Jugendliche im Heliosegler umhergleiten. Das Autobahnkreuz um die Ecke ist zur Hälfte mit Unkraut überwuchert und wartet seit mehreren Jahren auf seinen "Rückbau".

Klassische Zukunftsthemen wie Gentechnologie und Cyberwelt stehen als nächstes auf dem Programm. Auch dem Alltagsleben widmet Rucktäschel mit Arbeit, Nahrung und Wohnen eigene Vorlesungen. Seit über einem Jahr bereitet sie zusammen mit ihren Assistenten das Thema vor. Die gerade begonnene Reihe knüpft an die letzte Ringvorlesung Rucktäschels an, die die aktuellen Leitbilder untersuchte. "Da war es konsequent, dass man zur Jahrtausendwende fragt: Wie sehen die Leitbilder für die Zukunft aus?" Wichtiges Kriterium bei der Auswahl: die "Erlebbarkeit" der Visionen. Bis zur Mitte des gerade begonnennen Jahrhunderts sollten sie Realität werden. "Dann können die Zuhörer alle noch am eigenen Leib überprüfen, ob die Ideen Wirklichkeit geworden sind."

Nicht nur das Thema, sondern auch die Präsentation weist in die Zukunft. Mit Ausschnitten aus dem letztjährigen Cyberspace-Kultfilm "Matrix" illustrierte Rucktäschel das Verschwimmen von realer und computeranimierter Welt. Szenen aus dem Science-Fiction-Klassiker "Brazil", ein von HdK-Studenten entworfener DaimlerChrysler-Spot, Gedichte, eingesprochene Zitate und Dias machten aus der Vorlesung eine exakt durchkomponierte Performance. Damit alles klappt, proben Rucktäschel und ihre Assistenten auch schon mal am Ostermontag oder am 1. Mai. Ein Konzert zu Beginn jeder Vorlesung stimmt die Zuhörer auf das Thema ein, ausgewählt wurden Komponisten, die für ihre eigene Schaffensperiode Visionen entwickelten.

"Zukunftsforschung beginnt, wenn Menschen sich das Unvorstellbare vorstellen." So lautet das Motto, unter das die HdK-Professorin die Ringvorlesung gestellt hat. Prognostizierbar ist die Welt natürlich nicht, meint Rucktäschel. Denn auch die klügsten Menschen können irren, erinnert sie sich an eine Zukunftsvision ihrer Jugendzeit: "Da hat ein IBM-Forscher vorhergesagt, dass fünf Computer für die gesamte Welt ausreichen sollten."Die Ringvorlesung findet immer dienstags statt von 16 bis 18 Uhr. Ort: HdK, Hardenbergstraße 33, Raum A 310. Thema der heutigen Veranstaltung: "Gentechnologie, Genaristokraten oder Naturbelassene?"

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