Gesundheit : Kompass im Kopf

So finden Zugvögel ihren Weg

Peter Spork

Alljährlich wandern mindestens 50 Milliarden Vögel weltweit zwischen Brut- und Winterquartier hin und her. Steinschmätzer aus Alaska zum Beispiel fliegen in eine Richtung sagenhafte 16000 Kilometer weit, zunächst über das Beringmeer nach Asien, dann weiter bis Südafrika. Viele Zugvögel wandern nachts, wobei ihnen vor allem ein innerer Kompass hilft, Kurs zu halten.

Doch die Sache hat einen Haken: Weil die Tiere nur den Winkel der magnetischen Feldlinien in Bezug zur Erde registrieren, blieb bis heute rätselhaft, wieso sie sich von regionalen Biegungen des Feldes kaum beirren lassen und nicht umdrehen, wenn sie den Äquator erreichen, an dem sich der Feldlinienverlauf umkehrt. Jetzt fand Henrik Mouritsen von der Universität Oldenburg mit US-Kollegen die Antwort: Nachts wandernde, nordamerikanische Drosseln eichen ihren Kompass jeden Abend neu – mit Hilfe des Sonnenuntergangs (veröffentlicht im Fachmagazin „Science“, Band 304, Seite 405). Südlich des Michigan-Sees, USA, fingen die Forscher einige nach Norden wandernde Vögel ein, bestückten sie mit einem Sender und setzten sie bis nach der Abenddämmerung in einen Käfig mit nach Osten verdrehtem Magnetfeld. Dann ließen sie die Tiere wieder frei und fuhren per PKW über Hunderte von Kilometern hinterher. Die gesamte Nacht flogen die Drosseln nach Westen statt nach Norden. Offenbar interpretierten sie das natürliche Magnetfeld falsch. Es war in Bezug auf jenes im Käfig nach Westen verdreht, weil das Abendsonnenlicht im Käfig magnetisch gesehen nicht aus Westen sondern aus Süden gekommen war. Einen Tag und vor allem einen ungestörten Sonnenuntergang später hatten die Vögel ihren Kompass dann wieder korrekt „genordet“ und setzten ihre Reise in Richtung Kanada fort.

Der für menschliche Augen so romantisch anmutende Anblick des langsam sinkenden roten Feuerballs interessiert die Drosseln indes vermutlich gar nicht. Mouritsen und Kollegen glauben, dass die Vögel den Sonnenstand nicht direkt auswerten, sondern indirekt aus der Richtung des polarisierten Lichts am Himmel über ihnen ableiten. Anders als wir Menschen können die Tiere nämlich auch diese, vom Grad der Bewölkung unabhängige Information sehen. Und dass die Sonne nur während des Frühlings- und Herbstbeginns exakt im Westen untergeht, dürfte die Tiere ebenfalls kalt lassen: Dank eines inneren Kalenders, der ihnen die Jahreszeit verrät, wissen sie vermutlich auch diese Fehlerquelle zu umgehen.

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