Gesundheit : Konditionierung zum Killer

Erfurt und Washington: Zufall, oder auch Folge von Gewaltdarstellungen in Film und Computerspielen?

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Von Klaus W. Döring

Der Schock von Erfurt scheint verklungen, da kommen nicht minder scheußliche Nachrichten aus den USA: Ein brutaler Killer erschießt wahllos ihm völlig unbekannte Menschen und verschont dabei auch Schulkinder nicht. Die Öffentlichkeit stellt wieder die gleichen Fragen wie im Falle Erfurt: Warum tut einer so etwas? Wer trägt daran die Schuld? Wie lassen sich derartig unfassbare Verbrechen in Zukunft verhindern? Entsetzen, Wut, Trauer, Schuldzuweisungen, Rechtfertigungen und Ratlosigkeit wechseln einander in unterschiedlicher Reihenfolge ab.

Aber weder in Amerika noch in Europa geschieht Nachhaltiges, obgleich der Stand unseres gesicherten Wissens dies ohne jeden Zweifel zuließe: Der hemmungslosen Darstellung von Gewalt in den Medien muss nachdrücklich Einhalt geboten werden. Denn Ereignisse wie diese sind wissenschaftlich durchaus erklärlich. Psychologie, die neuere Lernforschung und die Medienwirkungsforschung können uns weiterhelfen.

Zunächst: Kindern und Jugendlichen begegnen Gewaltdarstellung in konzentrierter Form vor allem im Fernsehen, im Kino, in Computerspielen und in Comics. Und da Gewalt inzwischen leider ein gesellschaftliches Alltagsphänomen geworden ist, gibt es noch weitere Berührungsformen.

Leugnen hilft nicht

Nun ist es modisch geworden, von der Wirkungslosigkeit der Medien auf menschliches Verhalten zu sprechen – eigenartigerweise verweisen gerade Medienwissenschaftler immer wieder darauf, dass die bestimmte Gewalttat eines Täters sich nicht nachweislich auf einen bestimmten Medienkonsum dieses Menschen zurückführen lasse. Aber selbst wenn ein direkter, schlüssiger Beweis derzeit nicht zu erbringen ist, gibt es doch einen Zusammenhang.

Schließlich liegt inzwischen eine geradezu erdrückende Datenmenge darüber vor, wie gefährlich der alltäglich gewordene Gewaltkonsum für die seelische Entwicklung bestimmter Kinder und Jugendlicher ist. Bemerkenswert ist etwa die Langzeitstudie von Jeffrey G. Johnson und seinem Team (Science, Band 295, Seite 2468). Über 17 Jahre hinweg wurden nicht weniger als 707 amerikanische Familien untersucht. Dabei konnte nachgewiesen werden, dass eine signifikante Korrelation zwischen exzessivem Fernsehkonsum (drei Stunden täglich und mehr) und späterer Gewaltbereitschaft tatsächlich besteht. Andere gewaltfördernde Faktoren wurden mit Sicherheit ausgeschlossen.

Auch die vier größten amerikanischen Psychologie- und Psychiatrie-Verbände kamen schon im Jahre 2000 zu dem Ergebnis: „Weit mehr als 1000 wissenschaftliche Untersuchungen deuten auf eine Kausalbeziehung zwischen dem Konsum von filmischen Gewaltdarstellungen und aggressivem Verhalten bei manchen Kindern hin.“ Nicht jedes Kind ist also gleichermaßen anfällig für die negativen Wirkungen medialer Gewalt.

Auf alle Fälle aber ist das sporadische Anschauen von Gewalt zu unterscheiden von dem, was heute für beinahe alle Kinder und Jugendliche gilt, nämlich dass sie medial an Gewaltdarstellungen regelrecht gewöhnt werden. So hat etwa eine Schätzung ergeben, dass ein Jugendlicher in den USA bis zum Alter von 16 Jahren etwa 30 000 Morde sieht und in allen Einzelheiten miterlebt, wobei keine Tötungsform ausgelassen ist.

Diese an sich schon sehr beunruhigenden Fakten verschärfen sich, wenn man die Erkenntnisse der psychologischen Lernforschung heranzieht. Es sind insbesondere acht gut untersuchte Lernkonzepte, die sich durch Kombination untereinander in ihrer Wirkung vervielfachen können.

Kinder und Jugendliche konsumieren diese Darstellungen nämlich in allen Phasen der Sozialisation. Daher werden Gewaltdarstellungen geradezu begierig beobachtet mit dem Ziel, einen eigenen Standpunkt dazu zu gewinnen. Bei bestimmten Jugendlichen kommt es zum Aufbau einer „Sozialmoral des Stärkeren“. Und über das mit gewalttätigen Ereignissen in der Öffentlichkeit zumeist einhergehende Wortgeklingel verinnerlicht sich die „Sprache der Gewalt“ ebenso wie über das allgegenwärtige verharmlosende Reden in der Alltagssprache über Brutalität, Mord und Totschlag.

Das beobachtete gewalttätige Verhalten wird anschließend in Versuch und Irrtum auf seine Wirksamkeit überprüft – wobei die Vorbild-Suche von Kindern und Jugendlichen eine besonders wirksame und nachhaltige Lernform darstellt: grundlegende Gefühle und Werthaltungen werden langzeitlich geformt. Dabei führt Gewaltanwendung viel eher zur Identifikation und zur Vorbildwirkung, wenn das Modell medial als erfolgreich dargestellt wird. Und genau das geschieht, auch wenn die Medienmacher immer wieder etwas anderes behaupten.

Die Übernahme solcher Handlungsmuster beginnt im Kleinen und zumeist individuell, sie setzt sich oftmals in jugendlicher Bandenkriminalität fort. Es bilden sich Stufen der „Routinisierung“, der „Habitualisierung“ sowie der „Konditionierung“. Exzessiver Medienkonsum kann dabei eine beinahe ausschlaggebende Rolle spielen. Gewalt wird zur Routine des Handelns, als Grundeinstellung in das Verhalten eingebaut.

Gleichzeitig entstehen Mechanismen der Gewaltauslösung, die reflexartig zum Ausbruch führen. Das Nachdenken über die möglichen Folgen des Handelns schwindet ebenso wie das Mitfühlen mit dem Opfer. Konditionierte Gewaltbereitschaft ist von daher eine der gefährlichsten und sozial verheerendsten sozialen Einstellungen der menschlichen Gemeinschaften. Exzessiver Konsum von Gewaltdarstellung leistet dabei einen ganz wesentlichen unterstützenden Beitrag.

Phantasie wird unterschätzt

Das Lernkonzept „Phantasie“ wird oft übersehen oder in seiner Wirkung unterschätzt. Mediale Gewaltangebote faszinieren viele dafür anfällige Kinder und Jugendliche gerade dadurch, dass sie zur Verherrlichung und damit zu Gewaltphantasien führen. Sie sind einerseits Teil der Vorbereitung der jeweiligen Taten, zum anderen eine Art vorbereitender Genuss der Selbstbestätigung und Selbstverherrlichung der eigenen Person wie der antizipierten Gewalt selbst.

Besonders gut nachvollziehbar ist all das am Beispiel einschlägiger Computerspiele: Sie sind Trainings- und Konditionierungsmaschinen mit Handlungs- und Vorbildbezug. Das Morden und Verletzen wird darin hundert-, ja tausendfach über Wochen und Monate hinweg regelrecht eingeübt und trainiert. Im „Spiel“ bewegt sich der Anwender dabei durch Straßen oder Gebäude und schießt blindwütig auf alles, was sich bewegt und sich ihm in den Weg stellt. Gerade so, wie es in Erfurt geschah und in Washington noch passiert: Je mehr Leichen, desto größer der „Spielerfolg“.

Und im Kino genießt man die jeweiligen Gewaltdarstellungen dann noch mit allerlei Begleitverstärkungen: Die Freundin im Arm, den Duft des Parfüms in der Nase, den Geschmack von Popkorn und Cola auf den Lippen verkommt das Töten, Verletzen und Verstümmeln von Menschen auf der Leinwand zu einer mehr oder weniger kitzeligen Allerweltserfahrung. Ein Menschenleben zählt einfach nichts mehr. Es spielt keine Rolle, wer, wann, warum getötet wird.

Was ist zu tun? Die Antwort muss in einem sozialen Rechtsstaat eindeutig sein: Es sind solche Gesetze zu erlassen, die die Verherrlichung wirkungsvoll unterbinden. Politiker und Medienverantwortliche müssen handeln – Appelle und Selbstkontrolle allein sind nachweislich unwirksam. Zudem müssen Elternhaus und Schule alles tun, was gewaltorientiertem Denken den Weg verstellt.

Klaus W. Döring ist Lehrstuhlinhaber an der TU Berlin und beschäftigt sich vorrangig mit Fragen des menschlichen Lernens. Er ist Autor zahlreicher Bücher.

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