Gesundheit : Konkurrenz um die Potenz

Fünfkampf um einen Milliardenmarkt: Neue Mittel sollen schneller und länger als Viagra wirken

Paul Janositz

Falten und graue Haare werden Männern von einem gewissen Alter an zugestanden. Die Schwäche im Bett jedoch, die sollen sie beheben. Dies suggerieren Anzeigen und Fernsehspots immer wieder. Alt-Fußballstar Pele hat sich von Pfizer, dem Viagra-Hersteller, einspannen lassen. In den USA wirbt Mike Dutka, ein bekannter Football-Trainer, für das neue Potenzmittel „Levitra“. Die vor kurzem erfolgte Zulassung in den USA hat der Bayer-Aktie neuen Schwung verliehen.

In Europa ist Levitra bereits seit Frühjahr zu haben, ebenso wie „Cialis“, der Newcomer des amerikanischen Herstellers Eli Lilly. Vor allem schnellere und längere Wirkung als bei Viagra werden versprochen. Doch anders als vor fünf Jahren, als die blaue Pille monatelang Schlagzeilen und Stammtische beherrschte, müssen die Neulinge jetzt um Aufmerksamkeit kämpfen.

Besonders spannend ist die Präsentation der jeweiligen Vorzüge aber nicht, denn das Prinzip ist bei allen drei Präparaten gleich. Wie beim Viagra-Wirkstoff Sildenafil handelt sich bei Tadalafil (Cialis) und Vardenafil (Levitra) um Phosphordiesterase-5-Hemmer. Die Blockade des als PDE-5 bezeichneten Enzyms lässt vermehrt Blut in den Penis fließen, so dass Erektionen besser zustande kommen. Allerdings stellt sich der Erfolg nur bei sexueller Erregung ein.

Die drei Wirkstoffe sind chemisch verschieden aufgebaut. Dies führt zu Unterschieden bei Dosierung sowie Beginn und Dauer der Wirkung. Viagra und Levitra sollten eine halbe bis eine Stunde vor dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Sie unterstützen die Erektion etwa vier bis acht Stunden lang. Cialis dagegen ist Schnellzünder und Dauerbrenner gleichermaßen. Die Wirkung kann schon nach 15 bis 30 Minuten einsetzen und 24 bis 36 Stunden anhalten.

Kaum Unterschiede gibt es offenbar bei den unerwünschten Wirkungen, die aber nicht häufig und meist nicht schwerwiegend sind. So kann bei etwa jedem zehnten Mann der Kopf schmerzen oder die Verdauung gestört sein. Es kann zu Sodbrennen, Schnupfen oder Erröten kommen. Störungen beim Farbensehen, die Viagra-Konsumenten gelegentlich einen Streich spielen, kommen bei den neuen Präparaten seltener vor, sagt der Hamburger Urologe Helmut Porst, der an entsprechenden Studien beteiligt war. Wegen der zielgerichteteren Wirkung könnten die neuen PDE-5-Hemmer auch niedriger dosiert werden als Viagra.

Unabhängig von Dosis und Wirkstoff leuchtet jedoch eine rote Ampel für alle Männer, die wegen Herz-Kreislauf-Problemen nitrathaltige Medikamente nehmen müssen. Diese Präparate weiten die Gefäße, und dasselbe ist bei den PDE-5-Hemmern der Fall. Daher kann die gleichzeitige Einnahme den Blutdruck stark absinken lassen. Schlimmstenfalls wird der Herzmuskel nicht mehr richtig durchblutet, ein Infarkt droht. Bei Patienten, die mit anderen Medikamenten gegen hohen Blutdruck – beispielsweise mit Betablockern – therapiert werden, besteht diese Gefahr nicht.

Doch auch Männern, die nitrathaltige Medikamente einnehmen müssen, kann per Potenzpille geholfen werden. Die beiden vor zwei Jahren zugelassenen identischen Präparate, „Ixense“ vom Hersteller Takeda sowie „Uprima“ von der Firma Abbott, enthalten den Wirkstoff Apomorphin. Diese Substanz wird in der Notfallmedizin als Brechmittel, zum Beispiel bei Vergiftungen, eingesetzt. Bei kleiner Dosis verliert die Substanz ihre Brechreiz erregende Wirkung weitgehend.

Apomorphin ist direkt im Gehirn aktiv. Es regt die Andockstellen für Dopamin an, einem Botenstoff, der für das Zustandekommen von Erektionen wichtig ist. Ähnlich wie die PDE-5-Hemmer wirkt Apomorphin nur, wenn auch sexuelle Lust im Spiel ist. Die Tablette wird unter die Zunge gelegt, wo sie langsam zergehen soll. Über die Mundschleimhaut gelangt der Wirkstoff ins Blut; die Erektion tritt innerhalb von 20 Minuten ein. Als häufigste Nebenwirkung zeigte sich in Studien bei etwa acht Prozent der Teilnehmer Übelkeit; vier Prozent wurde schwindelig.

Schlimmere Folgen sind – unabhängig vom verwendeten Potenzmittel – bei Männern mit schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu befürchten. Denn Sex bedeutet auch körperliche Anstrengung, die zum „süßen Tod“ durch Infarkt führen kann. Die körperliche Belastung ist ungefähr so groß wie beim Steigen von drei bis vier Treppen. Mit Belastungstests auf dem Ergometer kann der Arzt feststellen, ob die körperliche Fitness einen Orgasmus zulässt.

Ohne ärztliche Beratung geht es also nicht, deshalb sind die Potenzmittel auch verschreibungspflichtig. Zudem ist „erektile Dysfunktion“ stets ein Grund für einen gründlichen Gesundheitscheck. Denn bei vier von fünf potenzschwachen Männern gehen die Probleme auf organische Ursachen, Durchblutungsstörungen oder Nervenschäden zurück. Ansonsten können Stress, Krisen oder Depressionen ursächlich sein.

Eine Erektionsstörung sei oft erstes Alarmsignal für komplexe Erkrankungen, sagt Urologe Porst. „Männer gehen wegen einer Potenzpille zum Arzt, halten sich sonst für völlig gesund und sind dann erstaunt, wenn Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislaufleiden oder Prostatakarzinome diagnostiziert werden.“ Beispielsweise finde sich bei jedem vierten Betroffenen ein bisher unerkannter Typ-2-Diabetes.

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