Gesundheit : Kooperation ohne Grenzen

Berliner Unis bangen um ihre Forscher: Kulturwissenschaftler sollen unter ein Dach

Amory Burchard

Berlins Universitäten sind beunruhigt. Ein neuer Vorschlag für die Umorganisation der Forschungslandschaft liegt auf dem Tisch. Große Bereiche der Sozial- und Kulturwissenschaften sollen außerhalb der Hochschulen unter einem neuen Dach vereinigt werden. Die Unis befürchten, dass sich auf ihre Kosten ein Konkurrenzunternehmen etablieren könnte. Die Unipräsidenten waren zwar an der Empfehlung für ein „Forum für transregionale Studien“ beteiligt, aber ihre Bedenken werden in der jetzt bekannt gewordenen Konzeption nicht berücksichtigt.

Die Empfehlung, unter dem Motto „Geistes- und Sozialwissenschaften unter globalen Bedingungen“ ein Zentrum für Regionalstudien zu gründen, hat die Berliner Wissenschaftskommission ausgesprochen. Mitglieder sind die Präsidenten der drei Universitäten, der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) sowie Vertreter von Wirtschaftsorganisationen.

Transregionale Kompetenzen hat die Berliner Wissenschaft zweifellos. In zahlreichen universitären und außeruniversitären Instituten wird intensiv zu Regionen wie Lateinamerika, Vorderer Orient, Osteuropa und Ostasien geforscht. Diese Wissenschaftler sollen nun in einem neuen Zentrum mit Historikern, Kulturwissenschaftlern, Soziologen und Politologen eng zusammenarbeiten.

Mit dem Forum verbinde sich die Hoffnung, dass Berlin besser im Elitewettbewerb abschneiden könnte, wenn Wissenschaftler über Institutionsgrenzen hinweg intensiver als bisher kooperierten, sagte WZB-Präsident Jürgen Kocka dem Tagesspiegel. Der „intellektuelle Pfiff“ des Forums, so Kocka: In der engen Kooperation mit den Regionalwissenschaften könnten sich die Geistes- und Sozialwissenschaften den Herausforderungen der Globalisierung stellen. Das wäre ein neuer Ansatz, mit dem Berlin nicht nur im Elitewettbewerb punkten könnte.

Inhaltlich seien die Universitäten mit dem Konzept einer gemeinsamen Arbeitsplattform für Regionalwissenschaftler und Geistes- sowie Sozialwissenschaftler durchaus einverstanden, sagte der Präsident der Technischen Universität, Kurt Kutzler. Problematisch sei jedoch, dass die Initiatoren des Projekts – darunter Akademiepräsident Günter Stock und WZB-Chef Kocka – ein eigenständiges Zentrum außerhalb der Universität gründen wollten. „Wir sind aber darauf angewiesen, dass die Leistungen, die die Wissenschaftler erbringen, vor allem die Drittmittel, die sie einwerben, über die Universitäten abgerechnet werden“, sagte Kurt Kutzler, Präsident der Technischen Universität.

Das Forum dürfe nicht zum Problem für die leistungsbezogene Mittelvergabe an die Universitäten werden, betonte Kutzler. Es müsse jetzt eine Rechtsform gefunden werden, die den Wissenschaftlern die Möglichkeit gibt, aus ihren Hochschulen heraus miteinander zu kooperieren – über die Grenzen der Unis und der außeruniversitären Institute hinweg. Als Modell schlägt Kutzler das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte „Matheon“ vor, in dem die drei Universitäten mit zwei außeruniversitären Einrichtungen an Projekten der „Mathematik für Schlüsseltechnologien“ überaus erfolgreich zusammenarbeiten.

Dieses Modell lehnt WZB-Präsident Kocka ab. Das Matheon sei „eine Vereinigung von Wissenschaftlern“. Das Forum für transregionale Studien solle jedoch ein von den beteiligten Institutionen – darunter das WZB, das Wissenschaftskolleg und die Stiftung für Wissenschaft und Politik – getragener Verein sein. Angestrebt werde „eine Gründung unter starker Beteiligung der Unis, aber nicht in den Unis“. Befürchtungen, die Regionalforschung könnte von den Hochschulen abgezogen werden, widersprach Kocka. „Die Forschung soll in den Universitäten bleiben, wir wollen dazu etwas Neues schaffen.“

Das Forum solle Stipendien für Nachwuchswissenschaftler international ausschreiben und international angesehene Wissenschaftler sowie Professoren und Mitarbeiter der Berliner Unis „für befristete Zeiten“ einladen, heißt es in der Empfehlung. Ein weiteres wichtiges Instrument des Forums sei die Beratung von Politik und Wirtschaft.

Die Bedenken der Universitäten sind nicht unbegründet. So hatte der Wissenschaftsrat im Juli zwar außeruniversitäre nationale Zentren für Regionalstudien empfohlen. Auf Länderebene aber seien zeitlich befristete interdisziplinäre Center for Area Studies „in der Regel an den Hochschulen“ die produktivste Lösung. Ein solches Zentrum war Anfang November dieses Jahres an der Freien Universität (FU) gegründet worden.

Auch einer zweiten Empfehlung des Wissenschaftsrats entspricht das Forum nicht: Ebenfalls an den Unis sollen ab 2007, dem Jahr der Geisteswissenschaften, speziell zur Förderung der Geistes- und Sozialwissenschaften Center for Advanced Studies geschaffen werden. Das neue Berliner Forum, das wie diese Zentren den Ansatz verfolgt, Wissenschaftlern Zeit für die Forschung zu geben, wäre eine Konkurrenz zu diesem Konzept.

Die Finanzierung des Forums ist noch ungeklärt. „Wir hoffen sehr auf das Bundesministerium für Bildung und Forschung – und auf Unterstützung vom Berliner Wissenschaftssenator“, sagte Jürgen Kocka. Senator Jürgen Zöllner wollte sich gestern noch nicht dazu äußern.

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