Gesundheit : Kosmetische Chirurgie: Die deutsche Leitnase

Clemens Wergin

Die moderne kosmetische Chirurgie nahm ihren Anfang in Berlin. Hier operierte Jacques Joseph ab dem Ende des 19. Jahrhunderts seine Patienten nicht nur wegen Unfällen oder Verbrennungen. Statt dessen ging es ihm, wie der amerikanische Kulturwissenschaftler Sander Gilman am Donnerstag in einer Mosse-Lecture ausführte, um das Seelenleben seiner Patienten. Diese litten nämlich an ihrem allzu "jüdischen Aussehen". Als Merkmale galten damals eine große, gebogene Nase, abstehende Ohren, breite Lippen, Korpulenz, Plattfüße bei Männern und Hängebrüste bei Frauen. Das waren nun aber keineswegs typisch jüdische Merkmale. Schon 1886 hatte Rudolf Virchow in einer Studie über Berliner Schulkinder festgestellt, dass (west-)jüdische Schüler nicht von nichtjüdischen zu unterscheiden waren. Es handelte sich also vielmehr um antisemitische Projektionen: Der jüdische Körper sollte als anders und abnorm gebrandmarkt werden. Und solche Stereotype verfehlten nicht ihren kränkenden und krankmachenden Effekt bei vielen deutschen Juden: Manche wünschten sich bald in einen anderen Leib.

Dabei galten Deutschlands Juden als die assimiliertesten der Welt. Viele hatten gegen Ende des 19. Jahrhunderts versucht, Signalnamen wie Levi oder Kohen abzulegen. Manche waren gar konvertiert, um nicht weiter mit dem Unwerturteil der Gesellschaft konfrontiert zu werden. Oder auch, um die unsichtbare Mauer zu überwinden, die ihnen einen Aufstieg in Leitungspositionen verwehrte. So wie der Antisemitismus sich im Kaiserreich verschärfte und sich vom auf die Religion abhebenden Antijudaismus zum biologistischen Rassismus wandelte, so geriet auch immer mehr der Körper ins Visier der Antisemiten. Handbücher der Rassenlehre und der Physiognomie suchten nach dem "jüdischen Typus". Und wer sich als solcher gebrandmarkt sah, versuchte, seiner biologischen Ausstattung, dem eigenen Körper zu entfliehen. Als Max Nordau, der erste Vizepräsident des Zionistenkongresses, in einem Aufruf von 1900 den vielzitierten "Muskeljuden" als Leitbild für eine Erneuerung des Judentums forderte, so war dies laut Gilman auch "eine Reaktion auf die Gemeinplätze über den häßlichen und kranken jüdischen Körper".

Schönheitschirurg Joseph, in Berlin bald schon "Noseph" genannt, war selber ein assimilierter Jude. Einer, der noch Mitglied schlagender Verbindungen an der Uni war, bevor diese die Aufnahme von Juden verweigerten. Joseph war stolz auf seine Schmisse, die ihn als Teil der deutschen Gesellschaft auswiesen. So ist es nicht ohne Ironie, wie Gilman bemerkt, dass gerade er 1904 die Nasenverkleinerung ohne äußere Narben bewerkstelligte. Denn nicht einmal Spuren jenes Eingriffes durften zurückbleiben, die verraten hätten, dass es sich hier um ein forciertes "Deutschtum" handelte. Dass die deutsche "Leitnase", wie jemand aus dem Publikum bemerkte, eben nur gemacht und nicht gegeben war.

Joseph nahm 1898 die erste Nasenverkleinerung an einem jungen Mann vor, dem, wie der Chirurg schrieb, "seine Nase ein beträchtliches Ärgernis darstellte. Wo immer er hinkam wurde er von allen angestarrt; oft war er Ziel von Bemerkungen und spöttischen Gesten, wodurch er melancholisch wurde". Nach der Operation klang "die depressive Einstellung des Patienten gänzlich ab. Er ist froh, sich bewegen zu können, ohne ständig beobachtet zu werden." Eingriff erfolgreich, Patient glücklich, das ist der wiederkehrende Tenor von Josephs Krankenberichten. Wer wollte es Arzt und Patient verübeln, dass sie sich der Mittel der modernen Medizin bedienten, um ein Stigma los zu werden?

Uns graust heute vor dieser Ausweitung der Kampfzone, die sich im Bemühen um Anerkennung nun auch den Körper zum Schlachtfeld erkor. Die Flucht vor dem eigenen Körper war allerdings nicht bloß ein Merkmal deutscher Juden. Auch nach Amerika eingewanderte Iren versuchten, ihre sogenannte "Boxernase" gegen eine feine Yankee-Nase einzutauschen oder sich Segelohren anlegen zu lassen. Unter dem Eindruck des Holocaust schenkten Juden in den USA ihren Kindern zum 16. Geburtstag oft eine Nasenoperation. Als ob sie einen von ihnen weitervererbten "Defekt" am eigenen Kinde wieder gut machen wollten. Gilman, dieses Jahr Fellow an der American Academy in Berlin, enthielt sich jedoch jeglicher moralischer Bewertungen. Angesichts der auch in Deutschland steigenden Anzahl kosmetischer Eingriffe an der Gesamtbevölkerung werde man sich in 20 Jahren dafür rechtfertigen müssen, warum man sein Aussehen nicht optimieren lasse, da dieses Selbstdesign dann von einer Mehrheit der Bevölkerung praktiziert werden werde.

Doch am Ursprung der kosmetischen Chirurgie stand eben nicht der Gedanke einer "marktwirtschaftlichen Produktoptimierung", sondern das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Eine Sehnsucht, ganz und gar als Deutscher zu gelten, die sich nicht auf Kleidung, Habitus und Bildung beschränkte, sondern auch noch den Körper jener von der Mehrheitsgesellschaft eingeforderten Anpassung unterwarf. Angesichts der Debatte um die Leitkultur meinte Gilman, dass 2020 vielleicht deutsche Türken massenweise Kunden von kosmetischen Chirurgen würden, um ihr Aussehen zu "verdeutschen". Vielleicht aber auch nicht: In den USA bekommen Vietnamesinnen inzwischen eine Nasenverlängerung zum 16. Geburtstag geschenkt. Dies soll ihnen aber nicht zu einem "weißeren" Aussehen verhelfen, sondern sie vielmehr einem "panasiatischen" Schönheitsbild annähern. Denn jede Bewegung findet auch ihre Gegenbewegung. Und seitdem die "cultural studies" in den USA das Bewusstsein der Minderheiten stärken, gibt es auch den Zweig der "spezifischen kosmetischen Chirurgie". Sie will die ethnischen Besonderheiten bewahren und nur ein "zuviel" an "jüdischem" oder "schwarzem" Aussehen korrigieren.

Jacques Joseph ist 1934 gestorben und musste somit das Scheitern seiner assimilatorischen Bestrebungen nicht mehr in seiner letzten Konsequenz erleben. Gilman hat in den 80ern viele Interviews mit ehemaligen jüdischen Patienten Josephs geführt. Nicht wenige derjenigen, die im Untergrund in Berlin oder anderswo überlebten, sind der Meinung, dass sie ihr Leben Joseph verdanken: Sie waren für die "Greifer" nicht als Juden zu erkennen. Fast alle Operationen hat Joseph in seinen letzten Lebensjahren unentgeltlich vorgenommen. Vielleicht hat er geahnt, dass eine "arische" Nase bald das Leben eines Juden nicht nur erleichtern, sondern gar retten konnte.

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