Gesundheit : Kosmisches Treibhaus im Visier

Die europäische Sonde Venus-Express ist am Ziel. 500 Tage lang erforscht sie unseren Nachbarplaneten

Frank Schubert

Heute Vormittag wird es ernst für die europäische Weltraumsonde „Venus Express“. Kurz nach neun Uhr zündet das Haupttriebwerk, um die Sonde in eine Umlaufbahn um den Planeten einschwenken zu lassen. Ein Scheitern des Manövers ist allerdings möglich. Die beteiligten Forscher und Techniker werden daher ein paar bange Minuten erleben.

Gegen acht Uhr mitteleuropäischer Zeit beginnt das Schwenkmanöver, bei dem die Sonde so gedreht wird, dass ihr Haupttriebwerk in Flugrichtung zeigt. Gut eine Stunde später folgt die Zündung, die fünfzig Minuten anhält und die Sonde von 29 000 auf 24 600 Kilometer pro Stunde abbremst. Durch diesen Tempoverlust wird die Sonde vom Schwerefeld der Venus eingefangen und gelangt auf eine stark elliptische Umlaufbahn.

Der tiefste Punkt dieser Bahn liegt 400, der höchste 350 000 Kilometer über der Oberfläche des Planeten. Sollte das Anschalten des Triebwerks aus irgendwelchen Gründen nicht gelingen, würde die Sonde einfach an der Venus vorbeirauschen.

Nach geglücktem Einschwenken führt Venus Express eine Reihe weiterer Manöver durch, um die endgültige Einsatzbahn zu erreichen. Insgesamt sieben Triebwerkszündungen werden den höchsten Punkt der Umlaufbahn schrittweise senken. Wenn alles gut geht, hat die Sonde am 7. Mai ihre Zielbahn erreicht, die zwischen 250 bis 66 000 Kilometern über der Venusoberfläche liegt. Am 4. Juni soll sie ihre wissenschaftlichen Messungen aufnehmen.

Venus Express ist am 9. November letzten Jahres in Kasachstan gestartet und rund 400 Millionen Kilometer durch den Weltraum geflogen. Die Sonde soll mindestens fünfhundert Tage lang um unseren Nachbarplaneten kreisen und ihn eingehend erforschen. „Dabei interessieren uns vor allem die dortigen Wetterverhältnisse, das Klima und die Zusammensetzung der Atmosphäre“, sagt Joachim Woch vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau.

Rätselhaft, so Woch, sei zum Beispiel, warum die Gashülle der Venus so schnell rotiere: In vier Tagen hat sie den Planeten einmal umrundet. Auch wollten die Forscher wissen, wie es zu dem kolossalen Treibhauseffekt kommt, der die Oberfläche des Planeten auf fast fünfhundert Grad Celsius erhitzt.

Für ihre Untersuchungen hat die europäische Sonde etliche Messinstrumente an Bord: Verschiedene Spektrometer, ein Radiosondierungsgerät, ein Gerät zur Analyse von Plasma und energiereichen Atomen, ein Magnetometer.

Beobachtungen der Venus werden durch ihre dichte Wolkendecke erschwert, die den direkten Blick auf ihre Oberfläche verwehrt. Doch 1990 entdeckten Forscher mit Hilfe der Galileo-Raumsonde spezielle Infrarotfenster. Das sind Wellenlängen des Lichts, bei denen man durch die Wolken hindurchsehen kann. Venus Express hat eine Kamera an Bord, die diese Infrarotfenster nutzen kann. Damit wollen die Wissenschaftler Bodenstrukturen auf dem Planeten erkunden.

Die Venus bekam schon recht häufig Stippvisiten von Weltraumsonden - sie ist nach dem Mond und dem Mars das am dritthäufigsten besuchte Himmelsobjekt. Amerikaner und Sowjets schickten seit den 1960er Jahren zahlreiche Forschungsmissionen hin. Einigen sowjetischen Sonden gelang es sogar, auf der Oberfläche zu landen und dort Fotos zu schießen. Allerdings hielten sie den extremen Bedingungen nie lange stand. Am tapfersten schlug sich Venera 13, die am 1. März 1982 an der Venus vorbeiflog: Sie setzte eine Landesonde aus, die zur Oberfläche herabglitt und von dort aus 127 Minuten lang Daten und Bilder übermittelte.

Unser Nachbarplanet ist in vielerlei Hinsicht exotisch. Eigentlich der Erde gar nicht so unähnlich – ein Gesteinsbrocken mit einer Gashülle, etwas weniger schwer und groß wie unser Heimatplanet – gibt es dennoch eine Reihe von bemerkenswerten Unterschieden. Auf der Oberfläche der Venus herrschen mörderische 465 Grad Celsius und neunzig Bar „Luftdruck“, fast hundertmal so viel wie auf der Erdoberfläche.

Die Atmosphäre besteht fast vollständig aus Kohlendioxidgas, in sechzig bis siebzig Kilometern Höhe erstrecken sich gewaltige Wolken aus Schwefelsäure. Gelegentliche Leuchterscheinungen, wie sie frühere Weltraumsonden beobachtet haben, deuten auf mächtige Gewitter hin – aber niemand weiß, wo die Blitze entstehen und wo sie einschlagen.

Unklar ist auch, wieso die Venus so langsam rotiert. Während unser Heimatplanet sich einmal in 24 Stunden um sich selbst dreht, benötigt der Abendstern dafür volle 243 Erdtage. Vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne vergeht also nach irdischen Maßstäben fast ein dreiviertel Jahr.

Und was ist mit Leben auf der Venus? Gelegentlich wurde spekuliert, dass sich in den heißen, dichten Wolkenschichten vielleicht Mikroorganismen angesiedelt haben könnten. Obwohl es an einigen Stellen günstige Bedingungen gäbe, schlössen die meisten Forscher Leben auf der Venus aus, sagt Woch.

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