Gesundheit : Krakau: Eine Universität als nationales Symbol

Klaus Zernack

Krakau - jahrhundertelang königliche Metropole Polens war im Jahr 2000 Kulturstadt Europas. Krakau beherbergt in seinen Mauern eine der ältesten Universitäten des Abendlandes. Deren bauliche Überreste in der Altstadt lassen noch heute den Glanz erahnen, den das Studium Jagiellonicum im 15. und 16. Jahrhundert ausstrahlte, als Krakau nach Padua die führende Naturwissenschaft in Europa zu bieten hatte. Auf dem Höhepunkt zwischen 1470 und 1520 zog es 14 326 Studenten nach Krakau. Weit mehr als die Hälfte kam aus Polen und Böhmen (Schlesien), die übrigen reisten aus anderen Staaten des Reiches und aus Ungarn an.

Dabei war der Anfang der Universität im Jahr 1364 schwierig. Die hochfliegenden Pläne, das Rechtsstudium nach dem Muster Norditaliens aufzubauen, ließen sich - ähnlich wie in dem wenig älteren Prag - noch nicht verwirklichen. Erst der neue Anlauf um 1400, also gut eine Generation später, gelang. Das erneuerte Collegium Almae Universitatis Studii Cracoviensis hatte einen glücklichen Start.

Zunächst trugen die Theologen zum Profil bei. Die Theologen der Krakauer Fakultät waren sowohl auf dem Konstanzer als auch auf dem Basler Konzil umworben. Die Krakauer Gelehrten unterstützten die Partei des Konzilpapstes, Felix V. (1439 - 1449). Und damit demonstrierte Krakau im Unterschied zu dem politischen Opportunismus anderer Universitäten seine Standfestigkeit.

Auch sind verhältnismäßig früh erste, Kontakte von Krakau nach Padua und Ferrara festzustellen. Schon 1406 markierten die Statuten der Artistenfakultät Mathematik und Astronomie als Schwerpunkte. Hier ist also von Anfang an eine Neigung zur Spezialisierung erkennbar, wie sie sich zu dieser Zeit auch in Wien bemerkbar machte.

Übergang vom Mittelalter

Man kann in Krakau gut den Übergang von dem mittelalterlichen Studium der Artes liberales zur "humanistischen Naturwissenschaft" beobachten. Diese frühen Spezialisten von Mathematik und Astronomie hatten, da sie oft noch als Hofastronomen angestellt waren, auch die Astrologie weiter im Blick, die indes von den Pariser Naturwissenschaftlern als Scharlatanerie abgelehnt wurde. Doch in Krakau glückte es, die Astrologie als Lehre von den Einflüssen der Sternenwelt auf die Erde mit der Medizin und der Kenntnis der Psyche des Menschen zu verbinden. Der Typus des Astrologus als Beruf entstand: Er hatte die Aufgabe des fürstlichen Leibarztes und verband Theorie und Praxis. Kein Geringerer als Nikolaus Kopernikus (1473 - 1543) hat ihn verkörpert.

Diese bedeutendste Figur der Krakauer Universitätsgeschichte, ja, der Wissenschaftsgeschichte des alten Polen überhaupt, beweist, wie intensiv sich bereits am Ausgang des 15. Jahrhunderts der "Wissenstransfer" zwischen Krakau, Padua, Ferrara und Wien entwickelt hatte. Als Kopernikus mit achtzehn Jahren 1491 nach Krakau kam, geriet er sogleich in das Fahrwasser der beiden großen Humanisten Filippo Buonaccorsi (Callimachus, 1437 - 1496) und Conrad Celtis (1459 - 1508).

Beide waren prägend für die Krakauer Alma Mater. Callimachus kommen, neben seiner Vorbildwirkung als Prinzenerzieher am jagiellonischen Hof, Verdienste um das Verständnis der Renaissance-Kultur zu. Ihm ist eine Reliefplatte in der Krakauer Dominikanerkirche gewidmet. Dieses erste Porträt eines Humanisten bei der Arbeit, das die Person ganz ohne religiöse Bezüge als Individuum auffasst, hat König Johann Albrecht für seinen Lehrer nach einem Entwurf von Veit Stoß in Nürnberg in der Werkstatt Peter Fischers des Älteren anfertigen lassen.

Kopernikus hat sich hier fünf Jahre ganz der Krakauer Domäne, den humanistischen Naturwissenschaften gewidmet. Dann studierte er in Bologna und Rom, schließlich in Padua und Ferrara, wo er 1503 den juristischen Doktorgrad erwarb. Die Studien in Italien waren unterbrochen von Besuchen am bischöflichen Hof im Ermland. Hier wurde er nach der Promotion ansässig und wirkte als Sekretär des Bischofs, als angesehener praktischer Arzt und als Domherr. Seine Wissenschaft verstand er im humanistischen Geist: Er wollte zu dem antiken Diskurs über das Weltbild zurückkehren und Auffassungen des christlichen und des arabischen Mittelalters einbeziehen.

Schon in dieser knappen Skizze des Gelehrtenlebens des Nikolaus Kopernikus wird deutlich, wie die Innovationen der humanistischen Wissenschaft in Krakau zum Tragen gekommen sind. Leider gelang es nicht, Erasmus oder Melanchton nach Krakau zu berufen und die "geisteswissenschaftlichen" Studien zur zweiten Domäne auszubauen. Das Studium Jagiellonicum behauptete hier, auf dem Gebiet der philologischen Forschung, einen guten Gleichstand mit anderen Hochschulen; dagegen gehörte es in den Naturwissenschaften zu den Eliteinstitutionen.

Die Blütezeit der Alma Mater Cracoviensis hat bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts getragen. Mit der Ausbildung so herausragender Geister wie der gelehrten Poeten Mikolaj Rej (1505 bis 1569) und Jan Kochanowski (1530 bis 1589) oder der politischen Schriftsteller Andrzej F. Modrevius (1503 - 1572) und Stanislaw Orzechowski (1513 - 1560) hat sie noch einmal höchst Bedeutendes geleistet. Denn diese Protagonisten Krakauer Geistes haben die Staffette weitergegeben an die Öffentlichkeit des großen Adelsreiches, das in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in sein goldenes Zeitalter eintrat. Aber im 17. Jahrhundert verloren die Universitäten überall in Europa als Stätten forschenden Lernens an Gewicht. Die Ausbildung für den Bedarf des Staates und der Kirchen trat in den Vordergrund.

Eine neue Epoche europäischer Wissenschaftsgeschichte begann. In dieser waren jetzt die Gelehrtensozietäten bzw. Akademien der Wissenschaften - wenn sie in ihrem Rang und ihrer wissenschaftlichen Leistungskraft auch große Unterschiede aufwiesen - die wichtigsten Antriebs- und Trägerkräfte bei der Entdeckung des Neuen und der Entwicklung der modernen Wissenschaft in Europa. Sie boten durchaus eine Alternative zu dem "scholastischen Betrieb", zu der "toten Reproduktion der aristotelischen Wissenschaft" (Adolf von Harnack) in den so genannten oberen Fakultäten.

Drei Jahreszahlen der Bedrohung

In Polen entfaltete sich eine spezifische Variante in diesem wissenschaftsgeschichtlichen Prozess. Denn hier verlief er im Kontext einer wachsenden Souveränitätskrise des Adelsstaates. Die Bedrohung der politischen Freiheit durch die großen Nachbarmächte Polens ist bis an die Schwelle unserer Tage nicht mehr gewichen. Erst 1991 ging sie wirklich zu Ende. Unter diesem eigentümlichen Primat von Außenpolitik, das heißt der langdauernden preußisch-russischen Umklammerung, ist die Universität Krakau zum nationalen Symbol und Bewusstseinsträger geworden. Das bezeugt auch die Inschrift über dem Eingangsportal zum Grünen Saal des alten Collegium Maius in der Krakauer Altstadt. Sie lautet: ne cedat Academia - möge die Universität nicht zurückweichen.

Drei Jahreszahlen, die den Spruch umgeben, deuten auf Ereignisse hin, in denen sich die äußerste Bedrohung Krakaus und seiner Alma Mater manifestiert: 1655 erinnert an die schwedische Invasion, 1794 an das Scheitern des Kosciuszko-Aufstandes und 1939 an die "Sonderaktion Krakau" am 6. November. Bei diesem barbarischen Terrorakt der deutschen Besatzungsmacht wurden weit über hundert Angehörige des Lehrkörpers zu Beginn des Wintersemesters in der Aula verhaftet und in das Konzentrationslagers Sachsenhausen deportiert, wo fünfzehn von ihnen ums Leben kamen.

Wenn den meisten Krakauer Wissenschaftlern das Furchtbarste erspart blieb und sie wieder auf freien Fuß kamen, so war das auf das hohe Ansehen zurückzuführen, das die Jagiellonische Universität in aller Welt genoss. Von überall gab es Proteste und Bekundungen der Solidarität. Die Nazis mussten zurückstecken. Auch der Plan, eine deutsche Universität an die Stelle der polnischen zu setzen, misslang. Die Alma Mater Cracoviensis wurde zwar offiziell aufgelöst, doch hielt sie stand, indem sie - wie Posen und Warschau auch - das Studium im Untergrund organisierte.

Standfestigkeit war nach der Befreiung von der deutschen Okkupation erneut gefordert, als die stalinistischen Diktatur die Universitäten ebenso durch reiche Ausstattung wie durch politischen Druck in ihren Dienst zwingen wollte. Aber mit ihren stärkeren moralischen Ressourcen - dem "ne cedat Academia" - gehörten die Universitäten Polens mit ihrer ältesten in Krakau zu den Trägern der demokratischen Revolution von 1989. Heute hat die Universität 20 000 Studenten und etwa 2800 Wissenschaftler und erfreut sich eines hohen Ansehens in Polen und Europa.

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