Krankenkassen : Falsche Hilfe

Das Bett zu kurz, der Rollstuhl zu klein und Damenbinden für den Herrn: Pannen in der Hilfsmittel-Versorgung kommen vor. Patientenvertreter machen Sparwut und eine Gesetzesänderung verantwortlich – Krankenkassen sprechen von Einzelfällen

Friedhard Teuffel
240785_0_6d22170d.jpeg

Mit Hilfsmitteln hat Richard Adler* aus Berlin-Friedrichshain schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Er leidet an Parkinson. Als er nach einer längeren Behandlung aus der Klinik kam, sollte er ein Pflegebett bekommen. Doch das Bett war für den 1,88 Meter großen Mann zu klein. Als er für ein Verlängerungsteil endlich eine ärztliche Verordnung hatte, konnte es die beauftragte Firma nicht liefern, sie war überlastet. „Mein Mann musste mehrere Wochen mit angewinkelten Beinen schlafen, sie sind immer weiter angeschwollen“, erzählt seine Frau.

Geschätzte sechs Millionen Menschen sind in Deutschland auf Hilfsmittel angewiesen, angefangen von Windelhosen bei Inkontinenz über Hörgeräte, Rollstühle und Pflegebetten bis hin zu Beatmungsgeräten. Fälle wie der von Richard Adler haben den Eindruck erweckt, dass die Versorgung durch Sparzwänge immer mehr Lücken und Mängel aufweist. Verschärft worden ist die Diskussion durch das Wettbewerbsstärkungsgesetz. Die Krankenkassen dürfen jetzt eine Ausschreibung machen und eine Firma exklusiv mit der Versorgung ihrer Patienten beauftragen. Anders als bisher können sich diejenigen, die ein Hilfsmittel brauchen, nicht mehr aussuchen, von welchem Sanitätshaus, welchem Prothesenmacher oder welchem Hersteller sie betreut oder beliefert werden. Die Krankenkassen sollen auf diese Weise 300 Millionen Euro einsparen können. 4,7 Milliarden Euro gaben sie 2007 für Hilfsmittel aus, und weil es immer mehr ältere Menschen in Deutschland gibt, droht diese Summer weiter zu steigen.

Die Kritik der Patientenvertreter ließ nicht lange auf sich warten. „Die Auswahl der Hilfsmittel ist aus der Hand von kompetenten Leuten in inkompetente Hände gegeben worden“, kritisiert Wolfram-Arnim Candidus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten. „Die Auswahl von Hilfsmitteln hat mit medizinischen, pflegerischen oder therapeutischen Notwendigkeiten zu tun. Nach der neuen Regelung aber nur noch mit ökonomischen.“ Es bleibe einiges auf der Strecke: die Beratung etwa, die Qualität und im schlimmsten Fall die Gesundheit der Patienten.

Der Streit wird auch deshalb so emotional geführt, weil viele Betroffene chronisch krank und schwerbehindert sind. Die Krankenkassen erklären jedoch, dass die Versorgung durch die Ausschreibungen keinesfalls schlechter werde. „Man kann nicht wegdiskutieren, dass es Versorgungsfälle gibt, die nicht optimal gelaufen sind“, sagt Carla Grienberger vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen, „aber es sind Einzelfälle.“ Dass die Krankenkassen nicht kompetent seien, weist sie zurück: „Die großen Krankenkassen haben längst Hilfsmittel-Kompetenzzentren, in denen beispielsweise Optiker oder Pflegekräfte angestellt sind.“

Richard Adler ist gleich auf mehrere Hilfsmittel angewiesen. Auch ein Rollstuhl wurde ihm verschrieben, doch das gelieferte Modell war ebenfalls zu klein. Er konnte das Haus nicht verlassen. Dabei ist bei ihm eine wöchentliche Blutuntersuchung notwendig, weil er ein Medikament nimmt, das lebensbedrohliche Nebenwirkungen haben kann. Inzwischen, nach mehrwöchiger Wartezeit, hat er einen passenden Rollstuhl und ein Pflegebett in der richtigen Größe bekommen.

Mittlerweile haben sich Patientenvertreter, Selbsthilfegruppen, Hersteller und Versorgungspartner zum Aktionsbündnis „Meine Wahl!“ zusammengeschlossen. Sie wollen die im Bundestag vertretenen Parteien von der Notwendigkeit des Patientenwahlrechts überzeugen. Und sie sammeln Fälle von Betroffenen. Nicht alle Beschwerden richten sich gegen Ausschreibungen, sondern überhaupt gegen fehlende Qualität und Beratung.

Jörg Carstens* aus Berlin-Schöneberg hatte von seinem Arzt ein Gerät zur Reizstrombehandlung seiner Knie-Arthrose bekommen. Der Arzt gab ihm eine ausführliche Einweisung – danach sollte er das Gerät ein halbes Jahr eigenständig benutzen. Doch dann schaltete sich seine Krankenkasse ein und ließ ihm ein günstigeres Modell zukommen, das alte musste er abgeben. Das neue Gerät funktionierte anders und hatte drei Modi zur Auswahl. Welcher davon zur Behandlung von Arthrose geeignet sei, konnte ihm der Hersteller auf telefonische Anfrage nicht mitteilen. Nach einigen Wochen begann der Apparat außerdem, ihm heftige Stromschläge zu versetzen.

Die Krankenkassen gehen davon aus, dass sich viele unglückliche Fälle mit der Zeit vermeiden lassen. Die Kassen müssten erst einmal Erfahrungen mit den festgelegten Qualitätskriterien sammeln und prüfen, ob sie ausreichen. „Die Qualitätskontrolle ist doch jetzt viel besser möglich als mit den alten Regeln“, sagt Carla Grienberger. Auch die Patienten hätten ein Recht darauf, diese Kriterien bei ihren Kassen zu erfragen. Grienberger rät ihnen, sich bei Problemen sofort mit der Krankenkasse in Verbindung zu setzen.

Die Barmer Ersatzkasse hatte Ende 2007 die Versorgung ihrer etwa 100 000 Patienten mit Inkontinenz bundesweit ausgeschrieben. Statt vieler Sanitätshäuser beliefern jetzt nur noch zehn Unternehmen die Patienten. In stichprobenhaften Umfragen fand die Barmer heraus, dass 30 Prozent mit ihrer Versorgung unzufrieden sind. Ein männlicher Patient bekam zweimal Damenbinden zugeschickt.

Die Barmer will jedoch an ihrer Ausschreibung festhalten. Individuelle Beratung durch geschultes Pflegepersonal sei auch gewährleistet. „Die Befragung der Versicherten ist Teil unserer Qualitätsprüfung, und wir sind allen Fällen nachgegangen“, sagt Barmer-Sprecher Thorsten Jakob. Bei der Ausschreibung sei Qualität das wichtigste Kriterium gewesen.

Statt eine Ausschreibung zu machen, darf die Krankenkasse einen Vertrag mit einem Hersteller aushandeln, dem vom 1. Januar 2009 an auch andere Anbieter zu gleichen Konditionen beitreten können. So bleibt dem Patienten immerhin die Wahl zwischen mehreren Anbietern. Für welche Möglichkeit sich die Kassen entscheiden, bleibt ihnen überlassen. „Mit Ausschreibungen können Kosten gesenkt werden, da sie ein Wettbewerbsinstrument sind. Dadurch verschlechtert sich nicht zwangsläufig die Qualität, weil das preiswertere Produkt das bessere sein kann“, sagt Grienberger. Die Kassen hätten herausgefunden, dass manche Hilfsmittel mit einem Kostenaufschlag von 400 Prozent vertrieben würden. „Es sind Einsparungen ohne Qualitätsverlust möglich.“ Dass die Kosten für die Hilfsmittel zu hoch sind, sehen auch Patientenvertreter. Nur haben sie andere Sparvorschläge. Wolfram-Arnim Candidus kritisiert: „Es werden meistens gleich neue Pflegebetten bestellt, anstatt alte zu reinigen und zu reparieren. Dadurch gehen Millionen flöten.“ Außerdem verursache die nicht individuell abgestimmte Versorgung Folgekosten: „Bei falschen Hilfsmitteln für Patienten mit künstlichem Darmausgang kommt es zu Reizungen, dann fallen zusätzliche Arzt- oder Klinikbesuche an.“

Wie es weitergeht, hat der Bundestag noch nicht abschließend entschieden. Bis Ende 2009 gilt eine Übergangsfrist. Die Krankenkassen können sich bis dahin entscheiden, ob sie ihre Aufträge ausschreiben. Dann hat der Patient die Möglichkeit, das Hilfsmittel anzunehmen – oder die Differenz zum Produkt seiner Wahl selbst zu zahlen.

*Namen der Patienten geändert

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben