Gesundheit : Krebsbekämpfung: Durchtrennte Lebensadern und tödliche Signale

Hartmut Wewetzer

Hat sich ein Tumor erst einmal im Körper eingenistet, ist er oft nur noch schwer zu entfernen. Will man ihm mit Medikamenten zu Leibe rücken, stößt man gleich auf mehrere Probleme: Wuchernde Zellen sind oftmals keine identischen Kopien von ihresgleichen, sondern ganz im Gegenteil besonders schlampige Plagiate - die sich teilende Krebszelle ist kein akkurates Biolabor, sondern ein genetischer Saustall. Viele verschiedene biologische Varianten unter den Tumorzellen aber erschweren die Bekämpfung ebenso wie die Schwierigkeit, alle Zellen in einem Tumorknoten mit Medikamenten zu erreichen. Und selbst wenn die Zellgifte "ihr Ziel treffen". so kommt es doch meist schnell zu einer Unempfindlichkeit der Krebszellen gegenüber den Arzneien.

Forscher und Arzneimittelhersteller suchen deshalb fieberhaft nach Wirkstoffen, denen sich die Krebszelle nicht entziehen kann. Eine neue, in den Medien bereits mit viel Vorschusslorbeeren bedachte Therapieform ist die Anti-Angiogenese. Sie zielt darauf ab, das Wachstum neuer Blutgefäße zu stoppen. So würde man die Lebensadern des Tumors treffen. Denn damit die Geschwulst wuchern kann, benötigt sie Versorgungswege, über die Sauerstoff und Nahrung transportiert werden. Wenn diese Straßen in den Krebs gesperrt werden, kann der Tumor nicht mehr weiterwachsen.

Auch die Berliner Pharmafirma Schering, in der Öffentlichkeit eher als Hersteller der "Pille" bekannt, setzt bei der Krebstherapie auf die Gefäßblockade. Dabei geht man zwei Wege, wie Schering-Mitarbeiter bei einer Pressekonferenz in der Tochterfirma Berlex im kalifornischen Richmond erläuterten. Die Forscher bauten aus zwei menschlichen Proteinen ein neuartiges Eiweißmolekül zusammen, das zwei Aufgaben zugleich erfüllt. Der eine Bestandteil des Eiweißmoleküls koppelt sich an einen bestimmten Abschnitt des Fibronectin-Moleküls. Dieser Teil des Fibronectin-Proteins findet sich vor allem in neuen Blutgefäßen, wie sie für Krebs typisch sind.

Hat das Molekül der Schering-Forscher, das militärisch gesprochen einer "Lenkwaffe" gleicht, an das neue Blutgefäß angedockt, tritt Plan B in Kraft: Mit seiner zweiten Hälfte, die in den Blutstrom gerichtet ist, löst der potenzielle Krebswirkstoff die eiweißgesteuerte Kaskade der Blutgerinnung in der Lebensader des Tumors aus. So bildet sich ein Pfropf, der das Blutgefäß verstopft. Im Tierversuch gelang es bereits, mit einer einzigen Injektion solcher Kombi-Moleküle große Tumormassen zu zerstören, berichtete Klaus Bosslet, Leiter der Krebsforschung bei Schering. Nun muss sich erweisen, ob das Therapie-Versprechen auch beim Menschen eingelöst werden kann.

Bereits bei Krebskranken in fortgeschrittenem Stadium eingesetzt worden ist ein zweiter Gefäßblocker, den Schering zusammen mit dem Schweizer Pharmahersteller Novartis entwickelt hat. Bei dieser Testsubstanz handelt es sich um einen VEGF-Rezeptor-Hemmer. Der Wirkstoff unterbricht eine Signalkette, die von der Krebszelle angestoßen wird. Denn der Tumor bildet ein Eiweiß namens VEGF, einen das Gefäßwachstum fördernden Faktor. VEGF koppelt sich an Blutgefäßzellen und kurbelt hier Wachstum und Zellteilung ebenso wie die Gefäßneubildung in der Geschwulst an. Der neue Wirkstoff blockiert die Andockstelle für VEGF auf der Gefäßzelle.

Auf der Pressekonferenz in Richmond wurden erste Daten von 22 Patienten präsentiert, die über eine Zeit von neun bis zwölf Monaten erhoben worden waren. Bei drei Patienten wurde ein geringer Effekt erzielt, bei zwölf Patienten gelang es, die Krankheit zu stabilisieren, und bei sieben Patienten schritt das Leiden weiter voran. Aus diesen ersten Ergebnissen läßt sich noch nicht viel herauslesen. "Das" Wundermittel gegen Krebs dürften Gefäßblocker nicht werden - aber es könnte sein, dass sie in Kombination mit anderen Medikamenten den Tumor für längere Zeit in die Schranken weisen. So hofft man, mit ihrer Hilfe die Unempfindlichkeit der Krebszellen gegen Medikamente zu umgehen, denn man attackiert ja die Blutgefäße der Geschwulst, nicht diese selbst.

Im menschlichen Körper mit seinen Billionen von Zellen herrscht ein exakt austariertes Gleichgewicht zwischen Werden und Vergehen. Verbrauchte Zellen werden regelmäßig durch frische ersetzt. Die alten Zellen sterben dabei nicht einfach ab, sondern begehen am Ende ihrer Lebensspanne auf ein diskretes Signal hin kontrollierten Suizid, von den Biologen "Apoptose" genannt. Die Krebszelle durchbricht diesen Mechanismus, der eine Voraussetzung für das Überleben vielzelliger Organismen ist. Denn das Ganze kann nur überleben, wenn sich alle Teile demütig unterordnen.

Aber die Krebszelle übersieht geflissentlich alle Aufforderungen zum Selbstmord und teilt sich unverdrossen weiter. Erst seit wenigen Jahren weiß man, dass die meisten herkömmlichen Krebsmedikamente "Apoptose" auslösen, dabei jedoch nicht zwischen krankem und gesundem Gewebe unterscheiden. Hinzu kommt, dass einige Krebszellen auf das Selbstmord-Signal nicht mehr reagieren. Ein wichtiger Botenstoff für die Apoptose, das Eiweißmolekül p53, ist in jeder zweiten Tumorzelle defekt. Zudem verhindert nicht selten ein Gegenspieler des p53, das Eiweißmolekül Bcl-2, den Suizid.

Vor einigen Jahren jedoch stießen holländische Forscher, mit denen Schering kooperiert, in einem Hühner-Virus auf ein faszinierendes Protein, das sie "Apoptin" nannten. Apoptin löst unabhängig von p53 und Bcl-2 den Selbstmord von Krebszellen aus, nicht aber den von intakten Zellen. Es benutzt also einen eigenen Signalweg, und es scheint gezielt auf krankes Gewebe zu wirken. Jetzt wollen die Forscher bei Schering herausfinden, auf welche Weise Apoptin den (Krebs-)Zelltod hervorruft. Vor allem aber bietet sich die Substanz als verheißungsvoller Ausgangsstoff für eine neue Form der Krebsbehandlung an. Doch dürfte noch einige Zeit vergehen, bis die ersten Patienten Apoptin bekommen.

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