Krebsforschung : Eine Einladung und viele Fragen

435.000 Berlinerinnen bekommen nach und nach Post: den Brief mit der Einladung zum Mammografie-Screening Was passiert bei der Brustkrebsfrüherkennung eigentlich – und warum sollte der Termin wahrgenommen werden?

Adelheid Müller-Lissner

  Im Jahr 2002 hat der Deutsche Bundestag es einstimmig beschlossen, im Jahr 2005 startete das Projekt, und inzwischen ist in unserer Stadt die Struktur perfekt: Alle Berlinerinnen zwischen 50 und 69 Jahren werden eingeladen, in einer der vier neu geschaffenen Screening-Einheiten zur Früherkennung von Brustkrebs Röntgenaufnahmen ihrer Brust machen zu lassen.

Mammografien wurden doch auch schon vorher gemacht. Was ändert sich jetzt?

Bisher musste es für Röntgenaufnahmen der Brust offiziell einen Grund geben – etwa, wenn der Frauenarzt einen Knoten ertastet hatte oder eine erbliche Vorbelastung bestand, weil schon andere Frauen in der Familie an Brustkrebs erkrankt waren. Tatsächlich genügte aber häufig der Wunsch der Frau, damit in der Praxis des Gynäkologen eine Überweisung zum Röntgen geschrieben wurde. In anderen Fällen wurde die Mammografie als „Individuelle Gesundheitsleistung“ angeboten, die die Frau selbst bezahlen musste. Zahlte die Kasse, fielen Praxisgebühren an, die es beim Screening-Programm nicht gibt. Außerdem gibt es jetzt einen einheitlichen Qualitätsstandard bei der Ausstattung und Ausbildung in den Screening-Einheiten, in denen die Früherkennung gemacht wird. Jedes Röntgenbild wird von zwei Ärzten begutachtet.

Warum werden nur Frauen zwischen 49 und 69 Jahren eingeladen?

Drei Viertel aller bösartigen Veränderungen der Brust treten zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr auf. Das Drüsengewebe jüngerer Frauen vor den Wechseljahren ist zudem oft besonders dicht, so dass sich Röntgenaufnahmen schlechter beurteilen lassen. Allerdings gibt es einige Mediziner, die eine Reihenuntersuchung schon ab 40 Jahren fordern. Auch viele Frauen ab 70 sehen nicht ein, warum sie vom Screening ausgeschlossen sind – auch wenn Tumoren im Alter meist langsamer wachsen, andere Erkrankungen hinzukommen und insgesamt das Risiko sinkt, an Brustkrebs zu sterben.

Wann läuft das Screening-Programm an?

In Berlin ist es schon angelaufen. Allerdings haben nicht alle 435 000 Frauen gleichzeitig eine Einladung für eine der vier Screening-Einheiten erhalten (siehe Kasten). Bisher wurden 107 000 Berlinerinnen eingeladen, 53 250 wurden schon untersucht. Bis zum 31. Dezember 2008 sollen alle Frauen aus der Altersgruppe erstmals einen Brief bekommen haben.

Was passiert in der Screening-Einheit?

Vor der Untersuchung füllt jede Frau einen Auskunftsbogen aus, in dem zum Beispiel nach Vorerkrankungen gefragt wird. Die Röntgenaufnahmen werden von einer Medizinisch-Technischen Assistentin für Radiologie gemacht. Von jeder Brust werden zwei Aufnahmen erstellt, dafür wird die Brust zwischen zwei Kunststoffplatten gelegt, kurz zusammengedrückt und geröntgt.

Warum hat die Frau beim Screening normalerweise keinen Kontakt mit einem Arzt?

Weil sie höchstwahrscheinlich gesund ist. „95 Prozent haben in der Mammografie einen völlig unauffälligen Befund“, sagt Lisa Regitz-Jedermann, Leiterin des „Referenzzentrums Mammographie Berlin“. Per Post erfahren die meisten kurze Zeit später, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gibt. Und werden zwei Jahre später wieder eingeladen.

Und wenn etwas entdeckt wird?

Dann wird die Frau schriftlich informiert und zu einem Gespräch mit den Ärzten in die Screening-Einheit eingeladen. Dabei wird der Befund erläutert und das weitere Vorgehen besprochen. Zum Beispiel kann es nötig sein, weitere Röntgenaufnahmen oder eine Ultraschalluntersuchung zu machen, oder man kommt nicht um die Entnahme einer Gewebeprobe herum. Wichtig: Nur eine von fünf Frauen, bei der es einen ersten Verdacht gibt, hat tatsächlich einen bösartigen Tumor.

Soll ich hingehen?

Das Screening bietet die Chance, kleine, noch nicht tastbare Veränderungen so früh zu erkennen, dass der Krebs mit sehr großer Wahrscheinlichkeit geheilt werden kann. Die Patientenbeauftragte Helga Kühn-Mengel sagt deshalb: „Die Mammografie ist derzeit die beste Methode, um auch kleine, beschwerdefreie Tumore zu identifizieren.“ Außerdem könnten dadurch viele Frauen schonender behandelt werden, sagt Michael Untch, Gynäkologe und Leiter des Brustzentrums am Helios- Klinikum Berlin-Buch.

Was spricht dagegen?

Die unnötige Angst. Fünf von 100 Frauen haben einen auffälligen Befund, doch nur wenige haben Krebs. Außerdem ist es wichtig, die Erfolgszahlen nüchtern zu interpretieren: „Das Mammografie-Screening verringert die Anzahl der Frauen, die an Brustkrebs sterben, von vier auf drei pro 1000 Frauen“, sagt Gerd Gigerenzer vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Als Argument gegen die Teilnahme will der Psychologe das aber nicht verstanden wissen – er plädiert für gute Information.

Ersetzt die Mammografie den jährlichen Gang zur Frauenärztin oder zum Frauenarzt?

Nein. Den Abstrich zur Untersuchung auf Gebärmutterhalskrebs und das Abtasten der Brüste und der Achselhöhlen gibt es auch weiterhin. Wenn dabei ein Verdacht auf Brustkrebs entsteht, wird wie bisher eine Mammografie gemacht – allerdings nicht in einer Screening-Einheit. Im Einzelfall kann dabei auch die Magnetresonanz-Tomografie zur genauen Untersuchung zum Einsatz kommen.  

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