Gesundheit : Kriegskinder im Kosovo – Frieden herrscht selbst in der Schule noch nicht

Unterricht und Uni laufen immer noch ethnisch getrennt und mit minimaler Ausstattung

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Von Karl-Heinz Heinemann

Auf dem Dach der Grundschule in Peja weht die rote Fahne mit dem albanischen Doppeladler. Und hinter dem Schreibtisch von Fuat Zhara, dem Schulleiter, hängt eine Art Ikone von Skenderbeg, dem albanischen Helden im Kampf gegen die Osmanen. Albanien ist zwar nah, Peja aber liegt im Kosovo, und der gehört de jure zu Jugoslawien beziehungsweise zu Serbien.

Die Grundschule umfasst acht Schuljahre und wird von Kindern im Alter von acht bis 16 Jahren besucht. Hier in Peja sind die Fenster undicht, der Putz bröckelt und die Klassen werden, wenn überhaupt, mit Öfen geheizt. In den Bänken sitzen die Kinder eng gedrängt zu dritt, und die Schule ist in vier Schichten von morgens um sieben Uhr bis abends um halbacht belegt. In den Schulen in Prizren und in Prishtina sind die materiellen Bedingungen genauso katastrophal.

140 der 1500 Schüler hier sind Bosnier. Sie werden in eigenen Klassen in ihrer Muttersprache unterrichtet. Und es gibt hier auch noch Roma, Ashkali und „Egyptians", kleine Untergruppen der Roma. Sie sitzen in den albanischen Regelklassen und bekommen zusätzlich Unterricht in ihren Muttersprachen. Gemeinsame Sportwettkämpfe, Ausflüge und Feste sollen bei ihnen das Gefühl für Zusammengehörigkeit wecken.

Was hier an Zusammenleben wieder möglich ist, wertet Michael Daxner als großen Fortschritt. Seit über zwei Jahren arbeitet der frühere Rektor der Universität Oldenburg und grüne Bildungspolitiker am Wiederaufbau des Bildungswesens im Kosovo mit – als Chef der Abteilung für Erziehung und Wissenschaft in der UNMIK, der UN-Mandatsverwaltung. Lange Zeit war er damit so etwas wie der Bildungsminister.

Seit der Regierungsbildung im Kosovo in diesem März hat der Politiker Rexhep Osmani dieses Amt offiziell übernommen. Seine Erfahrungen mit Schulen sammelte er hauptsächlich in den 90er-Jahren, als er an der Spitze der von der kosovo-albanischen Schattenregierung Ibrahim Rugovas organisierten Parallelschulen stand. Aus dieser Zeit ist ihm allerdings nicht der Ruhm des Partisanen geblieben, sondern der Verdacht der Bereicherung; denn Millionen von D-Mark verschwanden damals spurlos aus dem Verkaufserlös der albanischen Untergrund-Schulbücher. Daxner ist heute „Chief Advisor" von Osmani. Den Schutz der Minderheiten und die Finanzen will die UN-Verwaltung weiter im Blick behalten.

„Absolut gegen Zwangsintegration“

Kinder aus der größten und problematischsten Minderheitengruppe im Kosovo, der Serben, findet man in keiner kosovo-albanischen Schule mehr. Dass ein Schulgebäude am Vormittag von den einen und am Nachmittag von den andern genutzt wird, ist das Maximum an Zusammenleben – und das noch mit zwei Direktoren und zwei getrennten Eingängen. „Dieses Blauäugige – man soll es nicht an den Kindern auslassen, die müssen doch irgendwie zusammenarbeiten – scheitert schon daran, dass niemand etwas muss", meint Michael Daxner. „Ich bin absolut gegen Zwangsintegration." Man müsse den religiösen und ethnischen Gruppen Zeit geben, ihre eigene Identität auszudifferenzieren, dann werde es ihnen leichter fallen, aufeinander zuzugehen.

Fuat Zhara war in den 90er-Jahren Leiter einer halblegalen albanischen Parallelschule, die schließlich doch einen Teil eines offiziellen Schulgebäudes mitbenutzen durfte. Die Zeit des Aufeinander-Zugehens ist für ihn längst noch nicht gekommen. „Die uns die Häuser angesteckt hatten, uns umgebracht hatten, konnten nicht hier bleiben. Und als wir hierher zurückkehrten, waren sie auch nicht mehr da", meint er.

Damals mussten seine Lehrer den Umgang mit traumatisierten Kindern lernen. Manche hatten ansehen müssen, wie ihre Eltern ermordet und ihre Wohnungen angesteckt wurden. „Zum Glück überwinden Kinder so etwas schneller als Erwachsene", sagt er. Heute sei das kein Thema mehr.

In der Gemeinde Obilic liegt das Dörfchen Plementina. Dort wurde erst vor ein paar Monaten an der Bushaltestelle auf serbische Kinder geschossen. Der Weg nach Plementina führt an einem KFOR-Kontrollposten vorbei, der die serbische Enklave und das Ashkali-Lager unmittelbar neben einem großen Kraftwerk vor albanischen Übergriffen schützt. Der Ruß aus den Schornsteinen verpestet die Luft bis nach Prishtina. Hier ist sie zum Schneiden dick. Und das gilt im übertragenen Sinn auch in der tristen serbischen Schule. Die Schulleiterin Slobodanka Gorgevic ist misstrauisch. Einen Blick in den Unterricht lässt sie nicht zu. Unterrichtet wird nach serbischen Lehrplänen. Schulbücher gibt es nicht; denn die Post aus Serbien werde nicht zugestellt, beklagt sie sich. Und nur von dort könne sie die Bücher bekommen. Die Kosovaren hätten ihr auch das Telefon abgestellt. Frau Gorgevic ist seit anderthalb Jahren nicht mehr aus dem Dorf heraus gekommen – die Lehrer können die Enklave nur mit militärischem Schutz verlassen.

Bis 1999 gingen Serben, Albaner und Ashkali hier gemeinsam zur Schule. Doch nun stehen auf der gegenüberliegenden Seite des Schulhofes Container für die kosovo-albanischen Kinder. Vor wenigen Wochen noch zog in den Pausen eine voll bewaffnete Kfor-Kompanie auf dem Schulhof auf, um die Schüler getrennt zu halten.

„Für uns geht der Krieg weiter“

Kinder leben hier unter Knast-Bedingungen. Warum tun Slobodanka Gorgevic und die anderen Erwachsenen sich und ihren Kindern das an? Nein, sie wollen ihre Ansprüche nicht aufgeben. Auf dem Schulhof sprechen wir mit zwei 13-jährigen Mädchen. Ihre Eltern sind hierher zurückgekehrt, wo sie immer gelebt haben. Die Schuld an der Situation geben sie der Kfor. „Für uns geht der Krieg weiter", sagt die Schulleiterin. Unter diesen extremen Lebensbedingungen gedeiht der Hass immer weiter. Keine Bewegungsfreiheit, Isolation – das sei schlimmer als unter Hitler, sagt die Schulleiterin.

Apartheid möchte Daxner das nicht nennen: „Wir haben ein ethnisch getrenntes System, aber wir diskriminieren niemanden". Wenn er die Dialogbereitschaft schon nicht inhaltlich kann, dann will Daxner es wenigstens mit einer Curriculumreform versuchen. Europäische Standards zu erreichen, damit verbindet sich im Kosovo die Vorstellung von Ansehen und Reichtum. Damit wird zum Beispiel auch die Verlängerung der Grundschulzeit auf neun Jahre begründet, obwohl schon für acht weder der Platz noch das Personal reicht.

Im KEDP, dem Lehrer-Entwicklungsprojekt, wollen Helfer aus Kanada, Finnland und Deutschland die Lehrerbildung umkrempeln und die im Dienst ergrauten Lehrern fortbilden. Fast alle kommen aus den albanischen Parallelschulen. Der Unterricht ist auf den Stoff zentriert, die Methode Pauken und Abfragen. „Hier wird in den Schulen mehr geprügelt als zu Hause", erzählt Annette Wenderoth, eine Linguistin aus Oldenburg, die hier Lehrer fortbildet. Die Pädagogen sollen dabei zivilgesellschaftliche Standards erlernen: zuhören etwa und sich mit Differenzen auseinander zu setzen. Sie ist optimistisch: Die Lehrer reagierten dankbar und seien lernfähig. Knapp 1000 der 23 000 Lehrer haben bisher Fortbildungen besucht. Nur gut die Hälfte der Lehrer hat eine einschlägige Ausbildung. Und es werden auch nicht mehr werden, wenn es bei einem Lehrereinkommen von 140 Euro bleibt. Denn schon mit leidlichen Englischkenntnissen kann man als Dolmetscher in einer internationalen Organisation das Zehnfache verdienen.

Für eine gründliche „Europäisierung" der Schulen und der Universität bräuchte man neues Personal, meint Daxner. Doch für 150 Euro auch für einen Professor bekommt man nicht einmal einen Doktoranden aus Deutschland oder Frankreich hierher. Und die Veteranen aus der Zeit der Parallel-Einrichtungen kann man nicht so einfach entlassen, wie man es mit den „belasteten" Kadern in Ostdeutschland praktizierte. Es gibt keinerlei Alterssicherung und wer entlassen wird, steht mittellos auf der Straße.

Da versucht man die Europäisierung auf anderem Wege. „Wir haben die modernste Studienstruktur in Europa", meint Jens Vang, internationaler Administrator der Universität Prishtina. So gut wie alle Studiengänge sind schon nach dem Bologna-Prinzip als Bachelor und Master konstruiert. Das European Credit Transfer System ist schon durchgängig eingeführt. Schade nur, dass es keine ausländischen Studenten gibt, die Vorlesungen auf Albanisch hören wollen, und viel zu wenige Auslandsstipendien für junge Kosovaren, klagt Enver Hodshai, Vertreter des World University Service. Auch der Deutsche Akademische Austauschdienst habe Prishtina einfach vergessen.

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