Gesundheit : Kriegsspielplatz mit angeschlossenem Naturreservat - Truppenübungsplätze entpuppen sich als echte Biotope

Klaus Hart

NVA-Unteroffizier Langgemach robbt im schweren Atom-Schutzanzug, mit Gasmaske und Kalaschnikow übers brandenburgische Manövergelände, als direkt vor ihm ein gerupfter Wiedehopf liegt. Sowas sah er noch nie. Das muß der Habicht vom nahen Horst gewesen sein, schießt dem Hobby-Ornithologen durch den Kopf. Der simulierte NATO-Nuklearangriff Anfang der 80er ist dem Sturmpionier einer Spezialeinheit auf der Stelle völlig egal, er wirft die Knarre weg, zerrt sich den ekligen Gummi-Schutzanzug vom Leib. "Ich habe mir die Gasmaske vom Schnabel gerissen und erst mal die seltenen Wiedehopf-Federn eingesammelt - so was läßt man ja nicht liegen."

Als die Sowjet-Luftwaffe überm Wittstocker "Bombodrom" eine Kiste mit Splitterbomben verliert, muß er sie suchen und sprengen, guckt als Naturfreak natürlich auch nach rechts und links, entdeckt unerwarteten Artenreichtum sogar hier. Und damit zählt er bereits lange vor der Wende zu den ganz Wenigen, die ostdeutsche Truppenübungsplätze keineswegs nur mit Gefechtslärm, fürchterlichen Kriegsszenarien, Zerstörung und üblen Folgeschäden gleichsetzen. "Zahlreiche See- und Fischadler, aber auch andere seltene Tiere lebten dort, weil sie ungestört blieben", konstatiert heute Torsten Langgemach, inzwischen Leiter der Buckower Vogelwarte, und stürzt mit solchen Äußerungen selbst durchschnittlich informierte Naturfreunde in Verwirrung. Ungestört trotz Bombengedröhns, Panzerkolonnen und Granatenexplosionen?

Mit den sächsischen NVA-Sperrgebieten kennt sich der Leipziger Fauna-Fachmann Wolfgang Kirmse sehr gut aus, er redet sogar von einem "Glücksumstand": "Im relativ kleinen Kerngebiet wurde geschossen, alles zerwühlt - aber drumherum war eine enorme, unzerschnittene Pufferzone, wo absolute Ruhe herrschen musste, dort passierte gar nichts, Lebensraum also für Seeadler, Wölfe und Elche. Das ist bis heute kaum bekannt."

Mitteleuropas größtes zusammenhängendes Militärgelände war die Colbitz-Letzlinger Heide in Sachsen-Anhalt - doch in keiner deutschen Region, ob Ost oder West, hatten die Truppenübungsplätze einen größeren Anteil an der Landesfläche als in Brandenburg. An die fünfzig Manövergelände gab es, darunter zwanzig größere wie Jüterbog West und Ost, seit über 160 Jahren genutzt, allein die Rote Armee hatte 120 000 Hektar in Beschlag. Überall schaut Torsten Ryslavy, Mitarbeiter des Landesumweltamtes, nach dem Rechten, erinnert sich an entgeisterte Expertengesichter, die Aha-Effekte nach der Wende, als Bestandszahlen extrem seltener Arten, keineswegs nur Großvögel wie See- und Fischadler oder Birkhühner, auf einmal stark nach oben korrigiert werden mußten.

Viele stark gefährdete Tiere und Pflanzen leben ausschließlich auf den früheren Truppenübungsplätzen. Die wunderschönen, auffällig bunten Wiedehopfe bekam man außerhalb der Sperrgebiete in Brandenburg kaum zu Gesicht - doch ausgerechnet drinnen fanden sie ideale Bedingungen, dort lebten zwei Drittel des Gesamtbestands.

Die schlanken, langschwänzigen Ziegenmelker mit ihrer so perfekten Tarnfärbung überraschten weit mehr - achtzig Prozent des Bestandes kamen in der Nachbarschaft von Panzern und Geschützen offenbar bestens zurecht. "So viele, wie man es nie für möglich gehalten hätte", fügt Ryslavy hinzu. Es sind die größten Bestände ganz Deutschlands, auch beim Wiedehopf.

"Die Vögel gewöhnten sich an Unruhe und Lärm", sagt Ryslavy, sie merkten, daß die ganze Ballerei nicht ihnen galt, keine Gefahr drohte. Zudem wurde selbst in den Kernzonen keineswegs ununterbrochen Krieg gespielt, Wochen, ganze Monate lang fiel dort kein einziger Schuß. Auch die raren Raubwürger, Brachpieper, Schwarzkehlchen und Sperbergrasmücken, selbst Smaragdeidechsen fühlten sich wohl, schließlich gab es auf den agrargiftfreien Flächen sogar jene Insekten teils im Überfluß, die dank chemisierter Landwirtschaft anderswo komplett ausgerottet waren. Die Italienische Schönschrecke, die Große Sandtarantel, die Dünen-Springspinne, Erdeulen, Bläulinge und Widderchen sind einem gewöhnlich nicht so geläufig, lassen aber Entomologen in Begeisterung ausbrechen.

Diese fanden auf brandenburgischen Truppenübungsplätzen nach der Wende über vierhundert Großschmetterlings- und sechsundsechzig Wildbienenarten. Aber wirken sich denn nicht die viel kritisierten Erblasten wie ausgelaufene Treibstoffe und versautes Wasser negativ auf die Natur aus? Torsten Ryslavy entgegnet, dass keineswegs überall undichte Ölfässer und Reifen herumliegen, sondern maximal fünf Prozent der Riesenflächen belastet sind. Kommt der gelernte Agraringenieur auf die Biotop-"Bonbons" der Ex-Sperrgebiete zu sprechen, gerät er ins Schwärmen: Binnendünen, riesige Trockenrasenfluren mit Silbergras, Sandheiden, die gerade jetzt im September herrlich violett blühen, dann die neuen Birkenvorwälder, wo man an einem einzigen Baum über zweihundert Insektenarten festgestellt hat. "So was hielt niemand für möglich!"

Aber nichts bleibt, wie es ist. Rote Armee und NVA setzten mit ihren Bombardements Heide, Sandtrockenrasen und Kiefernwälder immer wieder in Brand, löschten nichts - was Biotopexperten wie Ryslavy heute gar nicht so schlecht finden. Denn dadurch wurde eine einmalige Offenlandschaft mit ihrer ganzen Strukturvielfalt großflächig erhalten, die sonst sukzessive zugewachsen wäre. Das passiert derzeit, verursacht den Naturschützern enorme Kopfschmerzen. Wegen der sogenannten Sukzessionswälder, in nur wenigen Jahren hochgeschossen, wird es für gar nicht wenige Arten, darunter auch Wiedehopf und Ziegenmelker sowie Pflanzen mit der Zeit eng, nehmen manche bereits deutlich ab.

Vom früheren, 27 000 Hektar großen Sowjet-Truppenübungsplatz Lieberose bei Cottbus will der Naturschutzbund Deutschland (NABU) 3000 Hektar mit Spendengeldern erwerben, dort ein "einzigartiges Naturparadies" erhalten. Der erste Flächenankauf für 800 000 Mark steht unmittelbar bevor. Viele ostdeutsche Naturschützer halten das Geschäft "moralisch-ethisch für ein Unding, höchst fragwürdig", der NABU hätte sich nicht darauf einlassen dürfen, gemeinsam mit anderen Umweltverbänden für die kostenlose Übernahme des ganzen Übungsplatzes offensiv streiten müssen.

Schließlich bekam Brandenburgs Regierung auch die Lieberose-Flächen nach der Wende vom Bund gratis und habe, so das Hauptargument, selbst von der EU den gesellschaftlichen Auftrag, Naturrefugien im öffentlich-gemeinnützigen Interesse zu erhalten, keineswegs aber, wie vorgesehen, größtenteils an Private zu verhökern.

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