Gesundheit : Kriemhilds frühe Tränen

Kloster-Krimi um die Nibelungen: Eine Archivarin fand Fragmente der Heldensage aus dem 12. Jahrhundert

Amory Burchard

Muss die deutsche Literaturgeschichte umgeschrieben werden? In der österreichischen Kloster-Bibliothek Zwettl sind Fragmente einer sehr alten Handschrift der Nibelungen-Sage aufgetaucht. Auf „um 1200“ datiert die Finderin, Kloster-Archivarin Charlotte Ziegler, die zehn nur wenige Zentimeter großen Pergamentstückchen. Die Entstehungsgeschichte des Heldenepos um den Recken Siegfried, seine Frau Kriemhild und Siegfrieds Mörder Hagen ist bis heute nicht vollständig geklärt. Wann immer eine neue Handschrift auftaucht, reagiert nicht nur die Fachwelt mit großem Interesse.

Archivgeschichte hat die promovierte Kunsthistorikerin ohne jeden Zweifel geschrieben. Wie sie dem Nibelungen-Text auf die Spur kam, hört sich an wie ein Kloster-Krimi für Literaturhistoriker. An den Fund ihres Lebens hat sich Ziegler mit langem Atem herangetastet. Als sie die Pergament-Fragmente zum ersten Mal berührte, hatte sie schon gut 15 Jahre am Zwettler Katalog der mittelalterlichen lateinischen Handschriften gearbeitet. Die beiden Pappschachteln, die ihr ein Pater eines Morgens kommentarlos auf den Schreibtisch stellte, brachten sie keineswegs aus dem Konzept.

„Mein Gott, die Nibelungen“

Ziegler öffnete die Schachteln und fand ein Sammelsurium von Bruchstücken durchweg sehr alter liturgischer, literarischer und rechtshistorischer Handschriften. Sie sortierte die lateinischen und mittelhochdeutschen Texte und legte letztere schnell beiseite. Wenige Tage später trug Ziegler die Schachteln wieder ins Magazin. Vier Jahre später begann sie aber, in den mittelalterlichen Handschriften nach Spuren Walters von der Vogelweide zu forschen. Da erinnerte sich die Archivarin, die inzwischen die Stiftsbibliothek leitete, der geheimnisvollen Schachteln. Und diesmal erkannte sie: „Mein Gott, das ist doch Nibelungen.“

Die Hüterin der Manuskripte des Klosters Zwettl glaubt, eine sehr frühe schriftliche Überlieferung des bis dahin nur mündlich tradierten Nibelungen-Stoffes in Händen zu halten. Nach ihrer Entdeckung nahm sich Ziegler einige Monate Zeit, um die stark beschädigten Texte zu datieren. Dann stellte sie erste Ergebnisse im engsten Kollegenkreis zur Diskussion und veröffentlichte 2002 einen paläografischen Aufsatz. Erst jetzt hat sich das Diözesanarchiv St. Pölten entschlossen, den „Sensationsfund“ einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen.

Aufregend an den Fragmenten, die im 15. oder 18. Jahrhundert als Einbandmaterial für klösterliche Handschriften benutzt und wahrscheinlich in den 1960er Jahren wieder abgelöst wurden, ist ihre frühe Datierung. Bislang waren Handschriften aus dem 13. bis 16. Jahrhundert bekannt. Ziegler glaubt am Schreib- und Sprachstil zu erkennen, dass ihr Text „im Übergang vom 11. zum 12. Jahrhundert entstanden ist“. In den Fragmenten finden sich Namen und Begriffe, die auf die Heldenepik und den Nibelungenstoff hinweisen. Einige Beispiele: „ezel (?) oder atli (Etzel oder Attila); siverit (Siegfried); swamerole (Spielmann Schwemmel aus der Nibelungenklage); degene (Helden); sagete di mere (berichtete man); begunde weinen sivrit (Sie – Kriemhild – begann, Siegfried zu beweinen).

„So etwas zu finden, ist der Traum jedes Alt-Germanisten“, sagt der Salzburger Philologe Ulrich Müller. Ihm legte Charlotte Ziegler ihren Fund als Erstem vor. Der Mitherausgeber der Nibelungen-Enzyklopädie (Routledge, New York / London, 2002) ist tief beeindruckt von den Zwettler Fragmenten. Wenn die Schrift tatsächlich aus dem frühen 12. Jahrhundert stamme, wäre das der erste Beleg für die alte These, dass es bereits vor der Nibelungen-Dichtung eine schriftliche Fixierung der volkstümlichen, mündlich überlieferten Sage gab. Das eigentliche Nibelungenlied – im Gegensatz zu den Zwettler Fragmenten eine Versdichtung – soll nach einhelliger Forschermeinung von einem genialen Autor ebenfalls „um 1200“ geschaffen worden sein. Deshalb hält Müller es für wahrscheinlich, dass die Archivarin von Zwettl eine „parallele oder spätere Niederschrift des gleichen Stoffes“ gefunden hat.

Ziegler verteidigt ihre Hoffnung, einen Urtext entdeckt zu haben. Als Auftraggeber der Nibelungen-Dichtung gilt der Passauer Bischof Wolfger (1191 bis 1204). Wolfger war ein Freund und Verwandter des Mitbegründers des Klosters Zwettl, Hadmar II., und war dort häufig zu Gast. Ist es denkbar, dass Wolfger den jetzt gefundenen, noch nicht fragmentierten Text in Zwettl vorfand und daraufhin die Niederschrift in Versen in Auftrag gab? „Möglich, möglich“, sagt Charlotte Ziegler.

Der Altgermanist Volker Mertens (Freie Universität Berlin) dämpft zu hohe Erwartungen an den Fund. Mit Sicherheit handele es sich bei den teilweise entzifferten Prosatexten nicht um „Fragmente des Nibelungenliedes“, wie es in ersten Agentur- und TV-Nachrichten hieß. Denn das Heldenepos ist bekanntlich eine lyrische Strophendichtung. Die deutsche Literaturgeschichte müsse wohl kaum umgeschrieben werden, sagt Mertens. Bestenfalls könnten die Fragmente die Entstehungsgeschichte des Nibelungenliedes ergänzen. Schlimmstenfalls seien sie „lediglich eine Fußnote“.

Der strenge Pater

Mit der Klosterbibliothek Zwettl verbindet Mertens indes ein eigener Archiv-Krimi: Bei einer Exkursion mit seinen Studenten zog er dort ein von Mönchen gebundenes Buch aus dem Regal. Er schlug es auf und fand „im Einband ein mittelhochdeutsches Minnelied“. Gerade wollte Mertens die beiden lesbaren Zeilen entziffern, als ein hinzukommender Pater ihn anfuhr: „Stellen Sie das Buch sofort zurück.“ Am nächsten Morgen schlich sich der Berliner Forscher noch einmal in die Bibliothek, konnte Buch und Minnelied aber nicht wiederfinden.

Charlotte Ziegler haben lange Selbstzweifel am Wert ihres Fundes geplagt. In der ersten Zeit nach der Entdeckung, als akutes Forscher-Fieber sie plagte, sei sie morgens „himmelhoch jauchzend und dankbar dem Gottvater, dass ich das finden durfte“ ins Archiv gegangen. Abends dagegen konnte sie schon „zu Tode betrübt“ sein, wenn sie glaubte, doch nur Teile eines marginalen Heldenepos gefunden zu haben. „Der Prozess geht weiter“, sagt Charlotte Ziegler. Jetzt wird Ziegler die Texte gemeinsam mit der Salzburger Altgermanistin Margarete Springeth, einer Schülerin Ulrich Müllers, systematisch transkribieren und übersetzen.

In einem sind sich die Altgermanisten schon heute einig: In der modernen Literaturforschung zum Nibelungenlied seien neue Fragmentfunde nicht mehr vorrangig. Die Forscher treibe vielmehr „der performative Charakter des Textes“ um, sagen Müller und Mertens. Wie wurde das Lied gesungen, welche Aufführungstradition hat es? Versuche haben ergeben: Die 2000 Strophen zu singen, dauert fünf Tage.

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