Gesundheit : Künstler bangen um ihre Existenz

Der Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin will drei künstlerische Hochschulen einsparen und die Studienplätze halbieren – und erntet Empörung

Uwe Schlicht

Finanzsenator Thilo Sarrazin hat sich vorgenommen, mit dem Auslaufen der Hochschulverträge im Jahr 2005 an den meisten Berliner Hochschulen radikale Einsparungen vorzunehmen. Beschlossen hat der Berliner Senat bisher 98 Millionen Euro an Einsparungen nur in der Hochschulmedizin. Von den drei Universitäten fordert der Finanzsenator einen Obolus in Höhe von 300 Millionen Euro. Jetzt hat er auch von den vier künstlerischen Hochschulen in Berlin einen Sparbeitrag in Höhe von 40 Millionen Euro verlangt.

Die 300 Millionen Euro sollen nach den Plänen des Finanzsenators im Wesentlichen in den Universitätsverwaltungen eingespart werden, damit die 85 000 Studienplätze in Berlin erhalten werden können. Das ist der ausdrückliche Wunsch des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit. Thilo Sarrazin will jedoch bei den Kunsthochschulen auch an die Studienplätze gehen: An den Kunsthochschulen sollen die 40 Millionen Euro Einsparungen durch eine Senkung der Studienplatzzahlen um 50 Prozent erreicht werden. In einem Brief an Wissenschaftssenator Thomas Flierl erklärt der Finanzsenator zur Begründung: „Berlin kann die Ausbildung in diesem kostenintensiven Bereich nicht länger für andere Bundesländer mitfinanzieren.“

Was das bedeutet, kann man nur durch eine genaue Übersetzung der Zahlen verdeutlichen: Bisher gibt Berlin 78,1 Millionen Euro pro Jahr für die Finanzierung der Universität der Künste, der Kunsthochschule Weißensee, der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ und der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ aus. Die Einsparung von 40 Millionen Euro bedeutet, dass nicht nur die drei kleinen künstlerischen Hochschulen Weißensee, „Hanns Eisler“ und „Ernst Busch“ geschlossen werden müssten, sondern dass auch noch die Universität der Künste drei von ihren fünf Fakultäten schließen müsste. Denn durch die Schließung der drei kleinen künstlerischen Hochschulen wären erst 22,6 Millionen Euro von der Sparsumme von 40 Millionen Euro erbracht.

Von den heute bestehenden 4469 Studienplätzen blieben nur noch 2234 erhalten. Die Berliner Kunsthochschulen sind so attraktiv, dass sie sehr viele Bewerber aus anderen Bundesländern anziehen. Nahezu die Hälfte aller Studierenden an der Universität der Künste und an der Kunsthochschule Weißensee kommt von außerhalb Berlins. Schon heute übersteigt die Zahl der Bewerber die der zu vergebenden Studienplätze bei weitem. 13 000 Bewerber wünschen sich pro Jahr eine künstlerische Ausbildung in Berlin. An der Spitze liegt die Hochschule für Schauspielkunst, an der 27 Bewerber auf einen Studienplatz kommen, gefolgt von der Kunsthochschule in Weißensee mit 15 Bewerbern pro Studienplatz. Auch der Ausländeranteil liegt mit zehn bis 13 Prozent der Studenten über dem Bundesdurchschnitt. Die Spitze bei den ausländischen Studenten nimmt die Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ mit 39 Prozent ein: Sie bildet nicht nur den Solisten- und Orchesternachwuchs in Deutschland aus, sondern für die ganze Welt.

Eine mit angesehenen Experten besetzte Kommission unter Vorsitz des Generalsekretärs der Kultusministerkonferenz, Erich Thies, hatte in einem Gutachten über die Berliner Kunsthochschulen folgende Aussagen getroffen: „Die Berliner Kunsthochschulen sollen in Zukunft nicht nur innerhalb Berlins konkurrieren, sondern sich so ausrichten, dass sie im nationalen und internationalen Wettbewerb bestehen können.“ Über die Hochschule für Schauspielkunst heißt es in dem Gutachten, sie „ist eine der besten deutschsprachigen Ausbildungsstätten mit internationalem Ansehen“. Der Musikhochschule „Hanns Eisler“ sei es gelungen, „durch eine außerordentlich erfolgreiche Berufungspolitik national und international herausragende Vertreter ihres Faches als Hochschullehrer zu gewinnen und herausragende Musiker der Berliner Spitzenorchester an sich zu binden“.

Die Expertenkommission kam zu dem Schluss, dass trotz der hohen Zahl der Kunststudenten nicht von einer Überausstattung von Berlin gesprochen werden könne. Die Kapazitäten der Kunsthochschulen dürften nicht isoliert betrachtet werden: „Berlin stellt sich in seiner Hauptstadtfunktion auch als kultureller Mittelpunkt der Bundesrepublik dar.“ Da sich Berlin zugleich zu einem wichtigen Standort in der Kulturwirtschaft entwickele, „braucht die Stadt leistungsfähige Kunsthochschulen“. Im Übrigen haben die Experten über Deutschland hinausgeblickt und einen Vergleich mit den europäischen Metropolen Rom, London, Paris und Wien gezogen. Genau dieses Argument lässt Finanzsenator Thilo Sarrazin nicht gelten. Er kontert: Die Experten hätten die Studienangebote in den Metropolen nicht mit Blick auf ihre Finanzierbarkeit betrachtet.

Der Vorsitzende der Expertenkommission, Professor Erich Thies, kritisiert die Haltung Sarrazins gegenüber dem Tagesspiegel mit den Worten: „Es ist auch einem Finanzsenator zuzumuten, sich bei Haushaltsfragen über den Tag hinaus Gedanken zu machen, was langfristig für Berlin Früchte bringt.“ Und weiter: „Ich habe die Hoffnung gehabt, dass durch ein solides Gutachten die Schamgrenze für unangemessene Eingriffe erhöht wird.“ Er hoffe jetzt, dass der Regierende Bürgemeister Wowereit dem „kurzfristigen Denken“ Sarrazins nicht folgen werde.

Der Präsident der Akademie der Wissenschaften, Dieter Simon, bezeichnet die künstlerischen Hochschulen als ein Juwel für die Stadt. Simon, der auch der Expertenkommission angehörte, verwies auf die Bedeutung der Kunsthochschulen für die kulturelle Szene der Stadt. Dieter Simon sprach dem Finanzsenator „eine finstere Logik“ zu, weil er „in seinem Sparwahn auf seine betriebswirtschaftliche Gescheitheit auch noch stolz zu sein scheint“. Die Rektoren der drei kleinen Kunsthochschulen setzen ihre ganze Hoffnung auf Klaus Wowereit. Denn inhaltlich habe Sarrazin über die Qualität der Hochschularbeit nichts zu sagen.

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