Gesundheit : Künstler in Aufruhr

Starprofessoren haben an der Universität der Künste gekündigt. Es gab Kritik an ihrer Arbeitsmoral

Daniel Völzke

Auf den ersten Blick fiel nichts weiter auf: Im Foyer schlenderten die Besucher an großformatigen Bildern vorbei, auf dem Innenhof, umgeben von malerischen Ruinen, plauderten Professoren und Studierende, eine Band schmetterte „I will survive“, die Hymne der Unverwüstlichen. Die Universität der Künste Berlin präsentierte sich vor einigen Tagen, wie stets am Ende des Sommersemesters, mit einem Fest und Rundgang im Hauptgebäude. Doch diesmal suchte man beim traditionellen Schlendern durch das Haus in der Hardenbergstraße in einigen Ateliers der Fakultät Bildende Kunst vergebens nach Kunst. Die Wände: leer und weiß. Nicht einmal noch so minimalistische Arbeiten wollten die Studierenden unter dem Dach ihrer Hochschule zeigen. Ein Entschluss, der den angehenden Künstlern wehtat: Der Rundgang ist für viele die einzige Präsentationsmöglichkeit im Jahr.

Die Aktion „Weiße Wände“ und die Gegenveranstaltung „Außer Haus“, bei der die Studierenden eine klassenübergreifende Ausstellung im fernen Wedding organisierten, läutete einen Protest ein, der in den letzten Tagen hohe Wellen schlug. Der Konflikt entzündete sich an den Kündigungen der erst seit kurzem an der UdK beschäftigten Stars Stan Douglas und Daniel Richter, die die Uni verlassen wollen. Beide lehren als Professoren im Fachbereich Kunst und sind Aushängeschilder der größten deutschen Kunsthochschule.

Der kanadische Medienkünstler Douglas beklagte, dass von ihm gefordert wurde, sich dauerhaft in Berlin aufzuhalten – obwohl er bei seiner Berufung zugesichert bekommen habe, dass er weiterhin seiner künstlerischen Arbeit in Kanada nachgehen kann. Die Verwaltung erkenne nicht an, dass er seine Klasse in Blockseminaren unterrichtete.

Ähnliche Vorwürfe äußerte der Berliner Maler Daniel Richter. Entnervt verließ er eine Fakultätsratssitzung, weil er in den Kontrollversuchen der Verwaltung eine pauschale Unterstellung von Geldgier und Faulheit sah, wie einige anwesende Studierende berichten. Er möchte als freier Künstler seine Zeit als Lehrender selbst einteilen. Als dritter Professor kündigte überdies der britische Bildhauer und Turner-Preisträger Tony Cragg an, die UdK verlassen zu wollen.

Hinter den Konflikten stehen weit reichende Umstrukturierungen, die seit Jahren im Gange sind. Sieben bis zehn Professuren müssen in den nächsten Jahren bei den Bildenden Künsten neu besetzt werden. Einige namhafte wie Georg Baselitz, der lange die UdK prägte, sind bereits in den Ruhestand gegangen. Douglas, Richter und Cragg sollten für die neue Künstlergeneration der Uni stehen.

Die protestierenden Studenten werfen der Universitätsleitung Verschleppung und mangelnde Kooperation bei den Neubesetzungen und jetzt bei den Kündigungen vor. Zu starr, zu undurchsichtig, zu wenig an der Initiative der Studierenden und Lehrenden sei die Verwaltung interessiert. Nach den Kündigungen standen 61 Nachwuchskünstler ohne Professor, ohne Klasse da, sagen die Studierenden.

UdK-Präsident Martin Rennert, seit einem halben Jahr im Amt, weist die Vorwürfe zurück. Er beklagt die Versäumnisse der Institutsräte und der früheren Hochschulleitung, die „Zeit verstreichen ließen, ohne tätig zu werden“, sagte Rennert auf Anfrage des Tagesspiegels. An der Fakultät Bildende Kunst gebe es „große Streitereien bezüglich der inhaltlichen Ausrichtung. Dabei blockieren sich die Fraktionen gegenseitig.“ Es gehe um die Frage, welche Gewichtung künftig die Malerei, die Bildhauerei und die neuen Medien erhalten sollten. Schon vor einiger Zeit legte der international bekannte Künstler Lothar Baumgarten sein Amt als Geschäftsführender Direktor des Instituts nieder, weil er sich nicht ausreichend von Kollegen und von der Verwaltung informiert fühlte.

Rennert will kurzfrisitg Gastprofessoren und Gastdozenten berufen, um den Bedarf an Lehrenden zu decken. Im kommenden Wintersemester könnten alle Studenten der Bildenden Kunst betreut werden. Bis die freien Stellen endgültig neu besetzt werden, könnten noch zwei bis drei Jahre vergehen – so lange würden die Berufungsverfahren dauern. Ein neuer großer Name wurde jetzt bereits bekannt: Der isländische Künstler Olafur Eliasson soll Professor an der Universität der Künste werden. Er erhielt vor einigen Tagen den Ruf des Berliner Wissenschaftssenators Thomas Flierl. Ob Eliasson den Ruf annimmt, steht noch nicht fest.

Auch Turner-Preisträger Tony Cragg versucht jetzt, den Streit an der UdK zu schlichten. Er möchte seinen Hochschulwechsel an die Akademie in Düsseldorf – entgegen anderslautenden Berichten – nicht als Protest verstanden wissen, sagte Cragg dem Tagesspiegel. Cragg, der sich zur Zeit in Schweden aufhält, rät seiner ehemaligen Hochschule „jetzt nicht den Kopf zu verlieren“. „Es gibt genug Positives, um auch im Sinne der Kunst zu arbeiten“, sagt Cragg.

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