Gesundheit : "Kultur und Wissen": Geisteswissenschaftler setzen sich gut in Szene

Ingo Bach

Geisteswissenschaftler können ein erstaunliches Selbstbewusstsein entwickeln. "Die Humanwissenschaften machen immer den Fehler, sich zu rechtfertigen - warum?", fragt Moshe Zimmermann, Professor an der Universität in Jerusalem auf der Tagung "Kultur und Wissen", die gestern in der Staatsbibliothek (Haus II) eröffnet wurde. Es seien eigentlich die Naturwissenschaften, die ihre Existenz verteidigen müssten. "Wir Geisteswisenschaftler analysieren die menschliche Gesellschaft. Mit Hilfe unserer Forschung können wir die gesamte Geschichte der Menschheit diskutieren."

Doch die Realität sieht anders aus: Immer wieder wird gefragt, was die Geisteswissenschaften eigentlich machen und wozu sie gut sind. Beim Kampf um die Fördertöpfe ziehen sie häufig den Kürzeren, und in der Wissenschaftlergemeinde toben heftige Diskussionen um die Zukunft der Zunft.

Trotzdem hätten sich die Geistes- und Sozialwissenschaften im Kampf um Fördermittel gut gegen "die starke Konkurrenz" der Natur-, Technik- und Biowissenschaften behaupten können, sagte der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Ernst-Ludwig Winnacker, auf der Tagung. In diesem Jahr finanziert die Forschungsgemeinschaft 36 geisteswissenschaftliche Sonderforschungsbereiche mit insgesamt 90 Millionen Mark, das sind 15 Prozent der Gesamtfördermittel. Dennoch geht der Löwenanteil bei den Sonderforschungsbereichen in die Naturwissenschaften und Medizin - und das seit Jahrzehnten. Da helfen Winnackers beschönigende Worte wenig, dass sich die ausgegebene Gesamtfördersumme verdoppelt habe, und somit auch für die Geisteswissenschaften die doppelte Summe zur Verfügung stehe.

Was die derzeit 36 geistes- und sozialwissenschaftlichen Sonderforschungsbereiche mit den Millionen anstellen, das wollten Vertreter einzelner Projekte auf der Tagung erstmals einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren. Etwa 170 hochrangige Vertreter von 16 geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereichen waren deshalb nach Berlin gekommen.

Ein wichtiges Forschungsgebiet ist die Frage nach der Identität. In letzter Zeit sei dieser Begriff geradezu inflationär gebraucht worden, sagte Peter Haslinger (Freiburg). So häufig, dass mancher Wisenschaftler schon fordere, in der Forschung ganz auf diesen Begriff zu verzichten. "Aber die gesellschaftliche Diskussion um die Identität steckt noch in den Anfängen, sie wird mit der stetig steigenden Zahl an Zuwanderern immer bedeutsamer werden." Der von Haslinger repräsentierte Sonderforschungsbereich widmet sich den "Kollektiven Identitäten." Zwar lasse sich Identität nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden messen, trotzdem existiere sie, betonte Haslinger. "Die Menschen definieren sich über ihre Zugehörigkeit zu einer Gruppe und der Abgrenzung zu einer anderen." Angesichts von Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Ausgrenzung sei die Erforschung von Identität unverzichtbar.

Die DDR als Konsensdiktatur

Gesellschaftliche Umbrüche zerstören alte Identitäten und setzen neue an ihre Stelle. Ex-Bürger der DDR werden dieser These sicher zustimmen. Karl-Siegbert Rehberg (Dresden) untersucht in seinem Sonderforschungsbereich diesen Identitätsbruch - und förderte Erstaunliches zu Tage. "Die DDR war eine Konsensdikatur." Der andere deutsche Staat habe durchaus auch Zustimmung von seinen Bürgern erfahren und nicht allein auf den Bajonetten der sowjetischen Armee geruht. Die DDR habe neben Repressalien auch eine Vielzahl von Freiräumen geboten, denn die Staatsführung "gierte immer mehr nach Zustimmung bei ihren Bürgern", so Rehbergs These.

Ganz anderen Formen der Inszenierung sind Kulturwissenschaftler und Historiker auf der Spur, die sich dem neuen geisteswissenschaftlichen Modethema "Performanz" widmen. Ohne die ausgeklügelte Inszenierung von öffentlichen Ritualen und Zeremonien sei Kommunikation im Mittelalter bis hin zur Neuzeit nicht denkbar, sagte Gerd Althoff (Münster). "In dieser Zeit wurde mehr gezeigt als geredet." Krönungen zum Beispiel wurden als bombastische Shows inszeniert, in denen jede Geste, jeder Schritt ritualisiert war. Die ethischen Verpflichtungen des Königs, wie der Schutz für Witwen und Waisen oder die Gnade gegenüber den Gegnern, wurden vom Regenten nicht verbal proklamiert, sondern während des Ganges zur Krönungskirche symbolisch vollzogen. Diese Inszenierungen lebten von übertriebenen Emotionsäußerungen: Jubel, Tränen, Unterwürfigkeit - alles wurde theatralisch überschwänglich aufgeführt. "Denn wie ein Vertrag wirkte so eine öffentliche Zeremonie bindend auch für die Zukunft."

Mit dem Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft traten diese inszenierten Rituale in den Hintergrund. Das Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts pflegte eine "Kultur des Textes", berichtete Erika Fischer-Lichte von der Freien Universität. Selbst die damaligen Geisteswissenschaften beschäftigten sich nur mit Texten und Monumenten. "Erst im 20. Jahrhundert können wir eine massive Wiederbelebung der Kultur des Leibes, also der Inszenierungen konstatieren". Unter diesem Aspekt leitet die Theaterwissenschaftlerin auch einen Sonderforschungsbereich. Die Neubegründung der Olympischen Spiele mit all ihrem Pathos, die Fahnenweihen der Nationalsozialisten oder die Totengedenken für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht - all das sind Inszenierungen im Sinne der "Performanz". Und was wir als athentisch empfänden, ist in Wahrheit auch heute noch nur eine perfekte Inszenierung. Fischer-Lichte: "Glaubwürdig ist nur der, der sich gut inszeniert." Ist das vielleicht auch ein Rezept für die Geisteswissenschaften?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben